bedeckt München 20°
vgwortpixel

Schwimmen bei Olympia:"Volle Rotze" gegen die Allerbesten

Nach dem gedrosselten Auftakt von Paul Biedermann und Britta Steffen gilt für die Schwimmer jetzt: alles oder nichts. Biedermann schwimmt am Abend über 200 Meter Freistil - die Konkurrenten sind unter anderem Yannick Agnel und Ryan Lochte, wobei der Franzose dem Amerikaner am Sonntagabend bereits den Hintern versohlte.

Wenn die Stimmung schlecht ist, hilft es manchmal, wenn Marco di Carli gut ist. Er ist das Megafon der deutschen Schwimm-Mannschaft: Der Regler ist immer zu weit aufgedreht, es übersteuert, aber das gehört zum Programm. Sonntagfrüh kam di Carli in die Pressezone der Schwimmhalle geschlendert, gerade hatte er die 4x100-Meter-Staffel der Männer ins Finale gebracht, mit deutschem Rekord. Nun sagte er: "Das hat richtig Spaß gemacht." Was denn die taktische Vorgabe gewesen sei für dieses Rennen, wurde er gefragt. "Die Taktik war: Volle Rotze! Jeder auf Anschlag!"

148073151

Das Rennen seines Lebens? Am Montagabend steht Paul Biedermann im Finale über 200 Meter Freistil. Doch die Konkurrenz scheint übermächtig.

(Foto: AFP)

Wenn man das mal übersetzen darf: Die Taktik der deutschen Schwimmer war es in den Vorläufen und Halbfinals am Sonntag, nicht zu taktieren. Keine Kräfte zu sparen. Weil das bei Olympia schiefgehen kann. Um auf diese Binsenweisheit zu kommen, hat es im Lager des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) allerdings einen gruseligen Olympia-Auftakt samt Krisensitzung gebraucht.

Deshalb war der Sportdirektor Lutz Buschkow am Sonntag immer noch zerknirscht, als er 24 Stunden zurückdachte: "Da haben wir Defizite aufkommen lassen, in medaillenträchtigen Disziplinen, darüber ärgern wir uns. Solche Fehler sollte man nur einmal machen." Keinen einzigen Schwimmer durfte der DSV am Samstag in die Finalveranstaltung entsenden.

Da war zunächst Paul Biedermann: im Vorlauf ausgeschieden über die 400 Meter Freistil, als Weltrekord-Halter. Dann die deutsche 4x100-Meter-Staffel der Frauen mit Britta Steffen: ebenfalls nicht im Finale. Ein "rabenschwarzer Tag", sagte Buschkow. Der Umgang mit dem Scheitern hatte dann allerdings britische Leichtigkeit, er erinnerte an den Monty-Python-Film "Das Leben des Brian". Die Trainer beteuerten so eifrig wie möglich "Wir warn's! Wir warn's! Wir warn's!", dass einem diese Selbszerknirschung auch schon wieder verdächtig vorkam.

Wie gut das deutsche Schwimmen in der Spitze ist, davon wird jetzt allerdings abhängen, ob von den sechs Medaillen, die von den Beckenschwimmern laut Zielvereinbarung erwartet werden, noch eine, zwei, vielleicht drei erreichbar sind. Und die Spitze, das sind im DSV weiterhin genau zwei Personen: Britta Steffen und Paul Biedermann. Die Konkurrenz von Steffen auf ihren Gold-Strecken von Peking 2008, den 50 und 100 Metern Freistil, ist allerdings inzwischen so erlesen, dass Steffen mit einer - wie auch immer eingefärbten - Plakette schon hochzufrieden wäre.

Steffens Freund Paul Biedermann wiederum bleibt das große Rätsel bei diesen Spielen. Am Morgen nach dem Vorlauf-Aus musste er gleich wieder ins Wasser, diesmal über die 200 Meter, auf denen er auch den Weltrekord hält. Die Vorläufe am Sonntagmorgen: mühsam . Das Halbfinale erreichte Biedermann nur mit der zehntbesten Zeit (1:47,27).

Alle Olympiasieger

Doppel-Gold mit 16 Jahren