WM-Gold für Schwimmer MärtensDer Anschlag ist sein neuer Freund

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Ein erbarmungsloses Kopf-an-Kopf-Rennen: Lukas Märtens (vorne links) und der Australier Samuel Short auf der Zielgeraden in Singapur.
Ein erbarmungsloses Kopf-an-Kopf-Rennen: Lukas Märtens (vorne links) und der Australier Samuel Short auf der Zielgeraden in Singapur. Lee Jin-man/AP

Hauchdünn gewinnt Lukas Märtens die 400 Meter Freistil vor dem Australier Samuel Short – und krönt sich nach seinem Olympiasieg von Paris erstmals zum Weltmeister. Danach muss der Deutsche sich übergeben.

Von Sebastian Winter, Singapur

Lukas Märtens schaute im Ziel ein wenig ungläubig an diesem 27. Juli, einem heißen Sommerabend in der Großstadt. Dann klatschte er mit den Händen aufs Wasser. Und später auf dem Podest, als ihm die Goldmedaille um den Hals gehängt wurde und die Nationalhymne erklang, verdrückte der 23-Jährige ein paar Tränen. So war das, 2024 in Paris, als der Magdeburger Junge, wie er sich gerne nennt, Olympiasieger über 400 Meter Freistil wurde. Es war das erste deutsche Gold für einen deutschen Schwimmer seit 1988 in Seoul, als Michael Groß und Uwe Daßler (für die DDR) gewannen.

Nun also Singapur, auf den Tag genau ein Jahr später, ein noch heißerer Sommerabend in der Großstadt. 19.02 Uhr Ortszeit, wieder 400 Meter Freistil, und Märtens hatte die Chance, im ersten Becken-Finale dieser Schwimm-WM zum ersten Mal Weltmeister zu werden.

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Sein Gegner: Samuel Short, der Australier. Märtens legte vor auf den ersten beiden Bahnen, der Australier holte auf, zog vorbei. Auf der letzten Bahn konterte Märtens, überholte Short wieder. Am Ende verließen ihn die Kräfte. Aber es reichte: In 3:42, 35 Minuten schlug Märtens an – einen Wimpernschlag von zwei Hundertstel Sekunden vor Short.

Der übliche Interview-Marathon musste danach erst mal warten. Märtens nahm die schnellste Abkürzung zur Toilette, wo er sich vor Erschöpfung übergeben musste. „Ich war ganz schön am Ende, man hat auf den letzten 20 Metern gesehen, dass ich alles reingehauen habe“, sagte Märtens eine Stunde nach dem Drama im Wasser, als er sich wieder ein wenig erholt hatte: „Ich konnte mich danach nicht bewegen, hatte Kopfschmerzen, mir war schlecht. Wenn man so an seine Grenzen geht, muss erst mal alles raus.“

Für die Pose des Siegers reichten die Kräfte dann doch noch: Lukas Märtens.
Für die Pose des Siegers reichten die Kräfte dann doch noch: Lukas Märtens. Maman Vatsyayana/AFP

So ist das manchmal, wenn sich die besten Schwimmer einen „Dogfight“ liefern, wie der nicht viel weniger erschöpfte Short später sagte, ein erbarmungsloses Kopf-an-Kopf-Rennen.

Märtens galt als Topfavorit auf dieser Strecke. Er reiste nicht nur als Olympiasieger nach Singapur, sondern auch als Weltrekordler. Erst Mitte April schwamm er diese Strecke beim Weltcup in Stockholm als erster Mensch unter 3:40 Minuten und unterbot Paul Biedermanns 16 Jahre alten Weltrekord aus der Zeit der High-Tech-Anzüge. „Es war ein Riesenknall, weil der Weltrekord aus dem Nichts kam“, sagte Märtens Anfang Juli im SZ-Gespräch. Nun zeigte er sich vor allem erleichtert: „Es ist eine Menge Druck abgefallen, aber ich bin stolz, dass ich es gerockt habe. Das war der eine Titel, der mir noch gefehlt hat, über den alle davor gesprochen haben.“

Märtens arbeitet seit seiner Kindheit mit Sportpsychologinnen

Märtens ist in Paris ja auch ins Rampenlicht geschwommen, mit all dem Trubel, der einen Olympiasieger in den Monaten danach ergreift. „Alleine die ganzen Ehrungen, die Medienauftritte, das hat natürlich etwas mit einem gemacht. Man steht in einem anderen Licht, wird auch erkannt“, sagte Märtens. Auch dass er kürzlich zum Ehrenbotschafter der Stadt Magdeburg ernannt wurde, hat ihn stolz gemacht. Der zurückhaltende und selbstbewusste Mann betonte zugleich vor der WM: „Das alles gibt mir Auftrieb und Selbstbewusstsein. Und lässt mich trotzdem auf dem Boden bleiben.“

Märtens hat in dieser Hinsicht auch viel mit seinen Sportpsychologinnen gearbeitet, die eine hat er, „seit ich sieben, acht Jahre alt bin“. Er ist ein Fan davon, sich früh Experten auch auf diesem Gebiet zu suchen, wenn man sie braucht. „Man hat da auch ein kleines Ventil, um Druck abzulassen. Für mich ist der Kopf mittlerweile fast wichtiger als die körperliche Fitness.“

„Das finde ich gut, weil wir sauberen Sport ausüben wollen“, sagt Märtens bezüglich der vielen Dopingtests, die er in diesem Jahr absolvieren musste

Dass er in Paris auf die Weltkarte des Schwimmens gekrault ist, dann auch noch den Weltrekord knackte, brachte auch etwas anderes mit sich: Sieben Dopingtests hat Märtens zwischen dem 1. Januar und 7. Juli 2025 absolviert, damit ist er knapp unter dem Schnitt der russischen und chinesischen WM-Starterinnen und -starter. Und er ist zusammen mit Florian Wellbrock, dem viermaligen Freiwasser-Weltmeister von Singapur, der am meisten getestete deutsche Spitzenschwimmer in diesem Jahr. „Das finde ich gut, weil wir sauberen Sport ausüben wollen“, sagte er im Gespräch Anfang Juli.

Da war er gerade aus einem dreiwöchigen Höhentrainingslager in den französischen Pyrenäen zurückgekehrt, wo er ebenfalls kontrolliert worden war. Bundestrainer Bernd Berkhahn, unter dem Märtens mit Wellbrock in Magdeburg ackert, hatte seinen Trainingsschwerpunkt ein wenig verlagert, „wir sind mehr in Richtung Ausdauer gegangen, dass man die Rennen durchsteht“, wie Märtens erklärte. Bei früheren Weltmeisterschaften war er eher mal zu schnell angegangen und auf der letzten Bahn eingebrochen. Ein guter Plan war das, wie sich jetzt in Singapur herausstellte.

Aber vielleicht war am Ende auch ein anderes kleines Detail richtungsweisend für Märtens’ Triumph: „Der Anschlag war heute ganz gut“, sagte er, „das war ja nicht immer mein Freund.“ Diesmal half er ihm auf den allerletzten Zentimetern.

Märtens hat nun einen Tag Pause – und darf staunend die Bilanz der DSV-Schwimmer in Singapur betrachten. Sie haben nach den vier Goldmedaillen durch Wellbrock im Freiwasser und nun jener von Märtens im Becken schon jetzt die beste Bilanz seit 2009. Dabei haben die Beckenwettbewerbe erst angefangen. Lukas Märtens könnte am Mittwoch erneut nach Gold greifen. Über 800 Meter Freistil zählt er, man ahnt es, zu den Topfavoriten. Sofern er sich vom Dogfight erholt.

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