Katie Ledecky kam am späten Samstagabend mitten durch den Presseraum, sie grüßte freundlich lächelnd. Und kurze Zeit später, nach einem der wohl größten Wettkämpfe ihrer Karriere, wirkte die 28-jährige US-Amerikanerin so wie immer: Wie die nette Nachbarin, die vorbeikommt, um einem vor ihrem Urlaub noch schnell den Hausschlüssel fürs Blumengießen zu überreichen. So unprätentiös wie Ledecky ist wohl keine andere Schwimmerin auf ihrem Niveau. Wobei, was heißt auf ihrem Niveau? Es gibt ja keine, die ihr das Wasser reichen kann. Frage an sie: War das das beste 800-Meter-Rennen der Geschichte? Antwort: „Das müsst ihr beurteilen. Aber mit solchen Ergebnissen werden Langstreckenrennen noch an Bedeutung gewinnen. Und es ist wirklich aufregend, dabei zu sein.“
Über die 800-Meter-Freistil-Strecke hatte Ledecky zuvor einen spektakulären Wettkampf abgeliefert, aber nicht nur sie. Es war ein Kopf-an-Kopf-Rennen dreier Frauen, eines Trios, das so schnell schwamm auf dieser Strecke wie keines je zuvor. Ledecky verwies in 8:05,62 Minuten die Australierin Lani Pallister (8:05,98), die Ozeanien-Rekord schwamm, auf Platz zwei; die 18-jährige Dreifach-Weltmeisterin aus Kanada, Summer McIntosh (8:07, 29), wurde Dritte. Die viertplatzierte Simona Quadarella aus Italien kam erst knapp sieben Sekunden später ins Ziel, ihre 8:12, 81 Minuten bedeuteten aber immer noch Europarekord. Es war ein Dog-Fighting-Race, wie man ein Rennen nennt, das allen alles abverlangt.
Ledecky kann in Los Angeles alleinige Rekord-Olympiasiegerin werden
Zuerst ging dann McInstosh, die sich nach dem Rennen desillusioniert und tief enttäuscht zeigte, K.o., Pallister und Ledecky pflügten auf der letzten Bahn aber weiterhin Seite an Seite bis zum Anschlag. Und Ledecky war am Ende wieder vorn, wie immer. „Während der letzten 200 Meter habe ich mir immer wieder gesagt, dass ich meinen Beinen vertrauen muss“, sagte Ledecky. „Ob Sie es glauben oder nicht, ich bin tatsächlich ein bisschen besser im Beinschlag geworden, weil ich es satthatte, dass alle sagten, ich würde nicht richtig schlagen.“ Am Ende habe sie sich gesagt: „Vertrauen, Vertrauen, Vertrauen.“
Ledecky hat vor allem auf den 800 Metern alles gewonnen. Mit 15 Jahren wurde sie auf dieser Strecke in London 2012 zum ersten Mal Olympiasiegerin, mit 16 erstmals Weltmeisterin. Seither hält sie den Weltrekord, den sie erst vor wenigen Wochen verbessert hatte – und nun in Singapur knapp verpasste.
Die bereits mit neun Olympiasiegen und nun 23 WM-Titeln dekorierte Ausnahmeschwimmerin aus Washington eifert im Grunde nur noch einer Athletin nach, weit über das Schwimmen hinaus: der Turnerin Larisa Latynina, die mit ebenfalls neunmal Gold, aber mehr Silbermedaillen die erfolgreichste Sportlerin bei Olympischen Spielen ist.
Das klare Ziel von Ledecky, die sich in ihrer Heimat auch sozial engagiert – und schon mal mit einem Glas voll Schokomilch auf dem Kopf durch den 50-Meter-Pool schwamm, ohne dass es herunterfiel: die Sommerspiele 2028 in Los Angeles, im eigenen Land. 38 000 Zuschauer werden dann in der wohl ausverkauften Arena sein. Sie könnten Augenzeugen werden, wie Ledecky auch Latynina überholt.

