Schwimm-WM in Rom Zu viele Helden

In Rom purzeln auch unantastbare Weltrekorde, mit den Hightech-Anzügen der Schwimmer macht der Fortschritt sich lächerlich. Paul Biedermann ist nach seinem Rekord wenigstens ehrlich.

Von Josef Kelnberger

Am Montag war Francesco Totti zu Besuch, der römischste aller Römer. Der Fußballer vom AS Rom hatte Heimspiel, in jeder Beziehung. Neben dem Foro Italico, wo sie gerade die vielen Weltrekorde schwimmen, erhebt sich die Silhouette des Olympiastadions, wo Totti seine vielen Tore schießt.

Michael Phelps (links) und Paul Biedermann (rechts) während des 200 m-Rennens in Rom.

(Foto: Foto: dpa)

Das Geschehen im Schwimmbecken wurde mit einer seitlich hinter Totti postiert en Kamera eingefangen. Sie schwammen also ihre Weltrekorde vor diesem klassischen, römischen Profil. Die Menschen im Stadion kreischten, als Totti zur Siegerehrung an den Beckenrand gebeten wurde. Er gratulierte einem dieser vielen Weltrekordler - oder war es eine Weltrekordlerin? Man verliert leicht den Überblick. Das Gekreische jedenfalls ging durch Mark und Bein in diesem Circus Maximus.

Helden haben Spaß

Die Weltrekord-WM von Rom. Vor dem Foro Italico erhebt sich 36 Meter hoch der Monolith mit der Aufschrift "Mussolini Dux". Selbst eine zart besaitete deutsche Seele kann nichts Anstößiges daran finden. Der Sportkomplex, einst Kultstätte der faschistischen Jugend samt den Heroen auf ihren steinernen Sockeln hat seinen Schrecken verloren, eingebettet in die Spaßgesellschaft der Schwimmer mit ihrer leuchtend blauen Fassade. Sechs Weltrekorde am Sonntag. Fünf am Montag, vier am Dienstag. Wie in einer Casting-Show ziehen die neuen Helden vorüber.

Das erwachsene Kindergesicht der Schwedin Sarah Sjöström, 15 Jahre alt. Der Weltrekord von Inge de Bruijn, 56,61 im Olympia-Finale 2000 in Sydney, galt aus vielerlei Gründen für unantastbar. Dann kam die junge Sarah. 56,44 im Halbfinale, 56,06 im Finale am Montag. Sie sagte: "Es ist phantastisch. Es ist unglaublich. Ich kann nicht verstehen, was passiert ist, es ist völlig verrückt. Ich widme den Sieg meiner Mama und meinem Papa." Vor zwei Jahren, sagt sie, erlebte sie eine tiefe Krise. Da war sie 13 Jahre alt. Aber dann machte Sjöström plötzlich unglaubliche Fortschritte: "Und dann hat es wieder Spaß gemacht."

So viele Heldinnen und Helden, die Spaß haben. Die Amerikanerin Rebecca Soni, Weltrekord über 100 Meter Brust im Halbfinale (1:04,84). Die Russin Anastasia Zueva, Weltrekord über 100 Meter Rücken im Halbfinale (58,48). Der Australier Brenton Rickard, Weltrekord im Finale über 100 Meter Rücken (58,58). Besonders viel Spaß hatte die 20-jährige Amerikanerin Ariana Kukors. Sie hatte am Sonntag den Weltrekord über 200 Meter Lagen im Halbfinale auf 2:07,03 verbessert, und weil ihr das so gut gefiel, nahm sie am Montag im Finale noch mal eine Sekunde weg. 2:06,15.

Kukors hatte sich auf dieser Strecke gar nicht für die WM qualifiziert, doch die Kollegin Elizabeth Pelton machte ihr den Weg frei, weil sie lieber die 100 Meter Rücken schwamm (und übrigens keinen Weltrekord aufstellte, sondern im Halbfinale scheiterte). Pelton sagte, Adriana Kukors werde sie zum Dank zum Essen einladen. Wohin? "Egal", sagte sie, "Hauptsache, ich krieg' am Ende ein Gelato." Sie werden bestimmt viel Spaß haben.

Hacketts Zorn

Alles wegen dieser Plastikhäute, die so fortschrittlich sind, dass sie den Fortschritt der Lächerlichkeit preisgeben. Selbst in Australien, wo man Schwimmer, die schneller sind als Australier, sofort des Dopings verdächtigt, ist nur noch die Rede von den Hightech-Anzügen.

Zwar wird Paul Biedermann aus Halle/Saale in den Medien dem "alten Ost-Deutschland" zugeordnet, was per se als Dopingverdacht gilt, aber er brachte das Thema Anzüge in Australien erst richtig in Schwung, als er Ian Thorpes Weltrekord von über 400m Freistil brach. Da kennen die Australier keinen Spaß. Dieser Rekord galt als ganz besonderer Schatz des Schwimmens, und dass er von einem Deutschen so nebenbei weggepustet wurde, empört die Australier. Sie fühlen sich als Hüter der Tradition.

Ian Thorpe zeigte Größe und ließ übermitteln: "Dieser Rekord hat mir besonders viel bedeutet. Aber Paul hat ein ganz erstaunliches Rennen geschwommen. Ich grüße ihn herzlich." Thorpes alter Weggefährte Grant Hackett dagegen formulierte Volkes Zorn. Biedermann kam glimpflich weg, er hatte zugegeben, dass er ohne den Plastikanzug diesen Rekord niemals geknackt hätte. Also bedauerte ihn Hackett, weil angesichts der Rekordflut "seine Leistung nicht so gewürdigt wird, wie er es verdient hätte". Hackett regt sich vielmehr über die alten Männer des Weltverbandes Fina auf, die diese Anzüge erlaubten. "Ich weiß nicht, wer den Laden gerade schmeißt", sagte er, "aber man sollte sie alle rauswerfen."

Thorpe, Hackett und die anderen Australier haben bei den Spielen 2000 in Sydney das Wettrüsten im Schwimmen erst so richtig angeheizt. Was sie antrieb? Nur Talent und hartes Training, selbstverständlich. Nun war Hackett, Stand Dienstag, der letzte Athlet, der noch Weltrekorde aus der Ära vor der Anzugrevolution hielt, über 800 und 1500m Freistil. "Last man standing", nannte sich Hackett, wissend, dass diese Distanzen in Rom erst noch anstehen. Er sagte: "Ich bin der letzte Mann, der noch steht, zumindest für einige, vergängliche Tage." Ein schöner, klassischer Satz, wie in Stein gemeißelt für den Schwimm-Spaß von Rom.

Das zweite Gold für Paul Biedermann

Sieg über den Unbesiegbaren