Schwimm-Weltmeister Florian Wellbrock:Die Mutter weint auf der Tribüne

Bloß nicht die Kontrolle verlieren. In diesem Sinne hat Florian Wellbrock dann in Gwangju auch den weiteren Abend verbracht. Fotos hier, Interviews da, Dopingtest, Pressekonferenz. Die Medaille hatte er da längst in ihrem Kästchen verstaut. Und wenn er über diesen Erfolg sprach - "das ist natürlich eine große Nummer, da spüre ich schon auch ein bisschen Genugtuung" - dann klang er, als halte er gerade in der Schule ein Referat über einen Schwimmer, über den er ein paar interessante Dinge im Internet gefunden hat.

Dafür schluchzten auf der Tribüne die Eltern, die ihn großgezogen haben in Bremen, die einige schlaflose Nächte verbrachten aus Sorge, was aus dem Florian mal werden würde. Schwierige Schulkarriere, aufmüpfige Jugend. Und dann, nachdem er mit 17 nach Magdeburg zum Trainer Bernd Berkhahn gewechselt war, hat er das Gymnasium geschmissen. Klar, sagte Wellbrock in Gwangju, "ab der fünften Klasse haben Jungs in der Regel keinen Bock auf Schule, das war bei mir nicht anders". Er wollte immer nur schwimmen. Stattdessen also: Praktikum in einer Wohnungsgenossenschaft, Ausbildung zum Immobilienkaufmann. Auch durch die Lehrjahre haben sie ihm hin und wieder durchhelfen müssen, Berkhahn war da weit mehr als nur Trainer. Diesen Mai hat Wellbrock die Abschlussprüfung bestanden. "Rückblickend hat mir die Ausbildung sehr gut getan", sagte Wellbrock nun in Gwangju, ehe er sich aufmachte zu feiern, "sie hat meine Schwimmkarriere eher begleitet als behindert, ich bin daran gewachsen und selbstbewusster geworden."

Eine Familientragödie, als er neun Jahre alt war

Man kann sich Florian Wellbrock auf verschiedenen Wegen nähern. Über eine Familientragödie, als er neun Jahre alt war: Damals war seine Schwester nach einem Wettkampf zusammengebrochen und konnte nicht mehr wiederbelebt werden. Er hat "da für mich einen Haken hinter gemacht", hat er der SZ kürzlich bei einem Treffen in Magdeburg erzählt, "so emotionslos das vielleicht klingen mag". Kontrolle, darum geht es.

Oder man nähert sich Florian Wellbrock über die Schwimmerin Sarah Köhler, die ebenfalls mit zwei Medaillen aus Südkorea nach Hause reist, mit Staffel-Gold im Freiwasser und Silber über 800 Meter Freistil. Nach Hause, das heißt jetzt auch für Köhler: Magdeburg. Sie ist von Heidelberg dort hin gewechselt nach vielen Monaten des kraftraubenden Pendelns, der gemeinsamen Liebe wegen. Aber vorerst wohnen sie in getrennten Appartements. Kontrolle.

Diesem 1500-Meter-Rennen von Gwangju allerdings muss man sich von einer gewaltigen Enttäuschung her nähern: Über die 800 Meter war Wellbrock als 17. im Vorlauf gescheitert. "Er hat gerade das Gefühl, dass er nicht mehr schwimmen kann", berichtete der Trainer Berkhahn kurz darauf von seinem tief verunsicherten Schützling. Danach startete beim deutschen Team das "Projekt Florian". Trainingswissenschaftler, Psychologin, der Trainer, gemeinsam drehten sie jeden Stein um. "Ich glaube, wir haben es jetzt", sagte Berkhahn dann am Samstag. Offensichtlich hatten sie es jetzt.

War es eine Kopf- oder eine Körpersache? Oder beides? "Das will ich eigentlich gar nicht so genau sagen", sagte Wellbrock am Sonntagabend in Gwangju. Nicht, dass Paltrinieri oder Romanchuk noch was spitz kriegen. Die Drei sehen sich ja wieder, in einem Jahr in Tokio, und dann will Florian Wellbrock ganz sicher nicht Olympiasieger im Synchronschwimmen werden.

© SZ vom 29.07.2019/cat
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