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Krawalle bei der Fußball-EM:3254 Hooligans wurden vorsorglich die Reisepässe entzogen

Und verewigt sind auch die Jagdszenen, die sich 300 Meter weiter nach 18 Uhr an der Place Général de Gaulle abspielten. Hier kämpfte jeder gegen jeden: Briten, Russen und obendrein französische Schlägertrupps, darunter offenbar jene berüchtigten "Ultras", die bei den Heimspielen von "Olympique de Marseille" die Fans der Gastmannschaft einschüchtern. Auf einem Video ist ein Mann zu erkennen, der zwischen Schlägern zu schlichten versucht. Plötzlich taucht aus Schwaden von Tränengas ein bulliger Kerl in Shorts und blauer Jacke auf, der den Passanten mit einem linken Haken niederschlägt. Einfach so. Es fliegen Steine, Polizeisirenen tönen, der Mann bleit regungslos im Staub zurück.

Angesichts solcher Dramen klingen die Erklärungen der französischen Gastgeber am Morgen danach merkwürdig schal. Und sehr abgeklärt. "Nein, wir können keinen Fehlschlag konstatieren", wehrt sich Antoine Boutonnet, der Chef der staatlichen Sonderdivision zur Bekämpfung von Hooligans (DNLH). Von Kritik am Sicherheitskonzept der Behörden will auch Henry-Pierre Brandet, der Sprecher des Innenministeriums, nichts hören: "Wenn es ein Scheitern gibt, dann ist es ein Scheitern des Fußballs, der klar zeigt, dass er an einem Teil seiner Fans krankt."

Brandet verweist darauf, dass die britische Regierung 3254 Hooligans vorsorglich die Reisepässe entzogen hatte. Dass dennoch Hunderte Hooligans aus Großbritannien und Russland in Marseille Bürgerkrieg spielen konnten, liege in der Verantwortung von London und Moskau: "Das waren wohl Leute, die die Geheimdienste der Herkunftsländer nicht kannten."

Gefahr durch Hooligans war zuletzt abgeklungen

Hat Paris die fremden Rowdies und Schläger unterschätzt? Aus Kreisen der Stadtpolizei raunt nun Kritik, der Staat habe nicht erlaubt, die per Zug anreisenden Fans gleich am Bahnhof abzufangen und per Bus direkt ins Stadion zu verfrachten. Als Erklärung mag dienen, dass im Land der "Euro 2016" die hausgemachte Gefahr durch Hooligans zuletzt abgeklungen war. Von 2009 bis heute hatte die DNLH, die Sonderdivision für Hooligans, ihre Einsatzkräfte in Fußballstadien um 47 Prozent verringern können.

Aber Paris wusste, dass allen voran die Fans aus England und Russland, aus Polen und der Türkei Probleme machen wollten. Deshalb hatte man ja die samstägliche Partie im "Stade Vélodrome" als eines von fünf "Risikospielen" eingestuft. Dennoch gelang nach dem Schlusspfiff einem Mob russischer Fans, in für Engländer reservierte Stadionblöcke vorzudringen. Die Uefa kündigte am Sonntag an, sie wolle zumindest aus dieser Panne von Marseille Lehren ziehen und das Sicherheitspersonal aufstocken.

Auch die Stadt Marseille erwog Konsequenzen. Kritiker forderten, an Spieltagen ein Alkoholverbot zu verhängen. Am Sonntagabend verfügte Innenminister Bernard Cazeneuve ein Ausschankverbot im "sensiblen Umfeld" von Stadien.

Das meint wohl auch Marseilles alten Hafen, zumindest am 21. Juni - denn dann wartet im Stade Vélodrome" das nächste sogenannte Risiko-Spiel: Ukraine gegen Polen.

© SZ vom 13.06.2016/ska

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