DFB-Gegner Schweiz:Hauptsache Xhaka

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Dreh- und Angelpunkt im Schweizer Team: Granit Xhaka. (Foto: Fabrice Coffrini/AFP)

Der Spielmacher von Meister Leverkusen ist die entscheidende Figur der Schweizer. In einer Schwächephase des Teams kritisierte er Trainer Murat Yakin, aber sie rauften sich zusammen. Und jetzt steht eine exzellente Achse – mit einem Problem im Sturm.

Von Sebastian Fischer

Vielleicht hat ein Rotwein in Leverkusen geholfen, die Geschichte für den Schweizer Fußball zum Guten zu wenden. Es war Ende Februar, der Erzählung nach, der Abend vor dem 2:1-Sieg im Bundesligaspiel des späteren deutschen Meisters Bayer 04 gegen Mainz 05, als der Schweizer Nationaltrainer Murat Yakin seinen Kapitän Granit Xhaka im Rheinland besuchte. „Wir haben viel miteinander geredet. Am nächsten Tag schoss Xhaka für Leverkusen sein erstes Tor. Daraufhin lud er mich nochmals zum Nachtessen ein – zudem wollte er wissen, welchen Rotwein wir bestellt hatten“, so hat es Yakin im März in einem gemeinsamen Interview mit Xhaka fürs Schweizer Fernsehen erzählt. Beide grinsten. Und Xhaka ergänzte, dass er seinem Trainer ein Versprechen gegeben habe: „Wir wollen miteinander eine gute EM spielen.“

Wer es bis dahin nicht geglaubt hatte, der sollte es jetzt bitte nicht mehr anzweifeln: Yakin, 49, und Xhaka, 31, die zwei mutmaßlich wichtigsten Personen im Schweizer Nationalteam, sie verstehen sich! Doch, wirklich! „Für mich ist er auch neben dem Platz eine sehr interessante Persönlichkeit, mit der ich nicht nur über Fußball reden kann“, sagte Yakin über Xhaka. „Das Verhältnis zwischen dem Trainer und mir ist hervorragend“, sagte Xhaka.

Für die Schweiz, den EM-Viertelfinalisten 2021 und WM-Achtelfinalisten 2022, könnte ein aussichtsreiches Turnier bevorstehen, dafür muss man nur oberflächlich den Kader betrachten: im Tor der frühere Gladbacher und Münchner Yann Sommer, 35, italienischer Meister mit Inter Mailand. Davor Innenverteidiger Manuel Akanji, 28, von Englands Meister Manchester City. Davor Xhaka nach der wohl besten Saison seiner Karriere, als Mittelfeldorganisator des europaweit bestaunten Xabi-Alonso-Fußballs in Leverkusen. Für eine Achse der Extraklasse fehlt nur ein Stürmer von internationalem Format.

Doch um Feinheiten ging es im Schweizer Fußball bis vor einigen Wochen vordergründig nicht, sondern ums größere Ganze. Die schlechte Stimmung begann damit, dass im Herbst ein enttäuschendes Ergebnis aufs andere folgte: 2:2 in Kosovo, 3:3 gegen Belarus, 1:1 gegen Israel, 1:1 gegen Kosovo, 0:1 in Rumänien. Zwischendurch gelang nur ein 3:0 gegen Andorra. Die EM-Qualifikation klappte mit Ach und Krach. Trainer Yakin wurde öffentlich angezählt – nicht zuletzt, weil Kritik auch aus den eigenen Reihen kam: von Xhaka.

Der an Einfluss im Team unübertroffene Schweizer Rekordnationalspieler (125 Einsätze), seit jeher für seine Impulsivität bekannt, hatte nach dem Unentschieden gegen Kosovo die Spielvorbereitung kritisiert: „Ich glaube, wir haben nicht trainiert, wie wir eigentlich trainieren müssen“, sagte er. Es waren nicht seine ersten und nicht seine letzten kritischen Worte in Richtung Yakin. Mehrmals ging es auch darum, dass Xhaka im Nationalteam nicht auf seiner Lieblingsposition zentral vor der Abwehr zum Einsatz kam. Jedenfalls sagte Ende November der frühere Nationalspieler Stéphane Henchoz im Tages-Anzeiger, die Mannschaft habe sich seit dem WM-Aus Ende 2022 „zurückentwickelt“. Zu Yakin und Xhaka sagte er: „Ich sehe nicht, wie es mit ihnen gemeinsam weitergehen soll.“

Viele Hoffnungen ruhen immer noch auf Angreifer Xherdan Shaqiri

Es ging dann aber doch weiter, jedenfalls erfüllt Yakin seinen bis EM-Ende gültigen Vertrag. Der frühere Nationalspieler, einst auch für den VfB Stuttgart und den 1. FC Kaiserslautern aktiv, wird bisweilen weiterhin kritisch beäugt. Aber das Team scheint sich in einer 2024 eingeführten 3-4-3-Ordnung gefangen zu haben und wirkt nach hinten stabil. Xhaka spielt seine unumstrittene Rolle im Zentrum wie in Leverkusen, bestimmt mit seinen Pässen den Rhythmus. Und so ging es vor dem EM-Auftakt dann jetzt doch um die drängendste sportliche Detailfrage: Wer soll eigentlich die Tore schießen?

Der frühere Gladbacher Mittelstürmer Breel Embolo (27, AS Monaco) hat nach einem Kreuzbandriss wenig Spielpraxis. Spieler wie Ruben Vargas, 25, vom FC Augsburg können viel Wirbel entfachen. Aber einige Hoffnungen ruhen weiterhin auf dem einstigen FC-Bayern-Profi Xherdan Shaqiri, 32, der inzwischen bei Chicago Fire kickt.

Der Trainer jedenfalls ist offenbar auch um eine gute Beziehung zum in die Jahre gekommenen, aber wohl immer noch spektakulärsten Schweizer Offensivspieler bemüht. Der Neuen Zürcher Zeitung sagte Yakin: „Ich bin der größte Fan von Xherdan.“

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