Süddeutsche Zeitung

Schweinsteiger-Ersatz Gündogan:Meister des Gleichgewichts

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Im WM-Qualifikationsspiel gegen Kasachstan wird Ilkay Gündogan die Position des gesperrten Bastian Schweinsteiger einnehmen. Viele sehen im Dortmunder bereits den Nachfolger des Münchners - manche sogar den Herausforderer.

Von Christof Kneer, Herzogenaurach

Ilkay Gündogan hat bisher acht Minuten mit Bastian Schweinsteiger zusammengespielt. Am vergangenen Freitag war das, in Kasachstan, Gündogan kam kurz vor Schluss für Khedira, und es wäre etwas kühn, aus diesen paar Minuten größere Schlüsse zu ziehen.

Weder haben sich Gündogan und Schweinsteiger auffällig gesucht auf dem Platz noch haben sie sich demonstrativ übersehen. Sie haben einfach ein paar Minuten miteinander verbracht, sie haben gemeinsam ein Spiel nach Hause geschaukelt, das schon entschieden war, als Gündogan kam.

Ilkay Gündogan, 22, muss im Moment damit leben, dass jeder Pass und jedes Wort nach Schweinsteiger-Potenzial durchleuchtet wird. Seit zwei, drei Jahren hat die Öffentlichkeit ja Geschmack gefunden an diesen Duellen im Morgengrauen, es begann mit dem alten Ballack, der vom jungen Khedira besiegt wurde, es ging weiter mit dem mittelalten Mertesacker, der vom jungen Hummels besiegt wurde, und der mittelalte Podolski hat auf seiner Position so viele Herausforderer, dass man fast den Überblick verliert.

Dieses gut verkäufliche Duellszenario hatten zuletzt ein paar Gurus (Thon), Ex-Gurus (Netzer) und Ex-Ex-Gurus (Beckenbauer) genutzt, um ihre Meinungsbeiträge ein bisschen aufzupeppen, nach dem Motto: Schweinsteiger ist zu alt, er spielt zu viel quer, er macht das Spiel zu langsam. Gündogan? Ist jünger, spielt steiler und zieht schneller.

Bei dieser Debattenlage kann Ilkay Gündogan von Glück sagen, dass er Ilkay Gündogan ist. Er ist rhetorisch sattelfest, er lässt sich nicht locken. Er hat zuletzt ja schon politisch korrekt darauf hingewiesen, dass es nicht fair sei, die Länderspiele in Holland und Frankreich zum Anlass für Schweinsteiger-Debatten zu nehmen; Gündogan war gut bei diesen Spielen, das schon, aber Schweinsteiger war keinesfalls schlecht. Er war halt einfach nicht dabei.

Jetzt sitzt Gündogan in der Lobby des DFB-Hotels in Herzogenaurach und zeigt, dass man auch sitzend ein guter Sechser sein kann. Ein guter Sechser muss ein Meister des Gleichgewichts sein, er muss Offensive und Defensive so ausbalancieren können, dass ein Team seinen Frieden finden kann.

Gündogan kann defensiv sein, er sagt dann, dass "Bastian bei Bayern zu seiner alten Stärke zurückgefunden" habe, dass er "eine Führungspersönlichkeit mit großen Verdiensten" sei. Er kann aber auch offensiv sein und sagen, "dass das nichts daran ändert, dass ich in diese Rolle auch reinwachsen möchte".

Und damit das Team seinen Frieden findet, sagt er dann noch: "Ich weiß, dass ich da im Moment noch hinten anstehen muss." Und: "Mein Verhältnis zu Bastian ist nicht so schlecht, wie manche von außen vermuten." Das ist Defensive und Offensive in Vollendung. Gündogan ordnet sich unter, betont aber das "noch". Er dementiert ein schlechtes Verhältnis, nennt es aber auch nicht gut.

Gündogan weiß, dass er warten kann

Gündogan meint das alles auch so, das Offensive und das Defensive, und er kann es sich auch leisten, das so zu meinen. Er weiß und akzeptiert, dass die DFB-Elf auf Schweinsteiger nicht verzichten kann, auf sein Kämpferherz ebenso wenig wie auf seine strategische Veranlagung, und am allerwenigsten auf seine Ausstrahlung und sein Image als Weltklassespieler, was Gegnern Respekt einflößt, auch wenn sie seinen Nachnamen nicht aussprechen können.

Aber Gündogan weiß auch, dass er warten kann. Er ist 22 und die DFB-Trainer halten ihn für noch besser, als er sich selbst. "Das Gefühl, dass ich hier anerkannt bin, kommt weniger von mir", sagt er, "dieses Gefühl gibt mir das Trainerteam." Joachim Löw hat am Montag ja fast die Frage nicht verstanden, als jemand wissen wollte, ob Gündogan am Dienstag den gelbgesperrten Schweinsteiger ersetzen werde. "Ilkay wird spielen, klar", sagte Löw. Und sein Blick sagte: Ja, wer denn sonst?

Im Moment ist Gündogan eine Art dritter Stammspieler auf der Doppelsechs. Er kommt gleich hinter Schweinsteiger und Khedira, er sei nicht nah dran an der Stammelf, sagt Löws Assistent Hansi Flick, sondern "sehr nah dran". Fürs Team ist das eine gute Nachricht, weil es bedeutet, dass nicht mehr Toni Kroos in die Defensivzentrale rückt, wenn Schweinsteiger oder Khedira passen müssen.

Kroos ist ein fabelhafter Fußballer, aber er ist kein Meister des Gleichgewichts. Gündogan dagegen hat seine defensiven Sinne geschärft, seit er in Dortmund spielt. "Beim BVB stehen wir viel höher als früher in Nürnberg, da kommt man häufiger in direkte Duelle.

Das hat mein Zweikampfverhalten geschult. Ich glaube, inzwischen ist es eine Stärke von mir, den Gegner so unter Druck zu setzen, dass er Fehler macht oder ich den Ball erobern kann", sagt er. Löw sieht Gündogan schon jetzt "auf internationalem Topniveau, und er hat alle Voraussetzungen, ein Weltklassespieler zu werden". Gündogan sitzt immer noch in der Lobby des DFB-Hotels, und jetzt zeigt er, dass ein guter Sechser auch schweigen kann. "Das ist für mich hier kein Thema", sagt er, angesprochen auf das angebliche Interesse des FC Barcelona.

Spanische Medien raunen, Barça habe sich Gündogan als Nachfolger für Xavi, 33, ausgeguckt, weil er ähnlich wie der beste Mittelfeldspieler der Welt diese kleinen Bewegungen draufhabe und weil er auch diese fließenden Pässe beherrsche, die das Spiel nicht mit Zeitverlust belästigen. "Eine Ehre" sei der Vergleich, sagt Gündogan, aber Xavi, puh, "das ist noch mal ein anderes Niveau".

Bis 2015 ist Gündogan an Dortmund gebunden, ohne Ausstiegsklausel, und es sieht im Moment nicht so aus, als würde er eine vermissen. "Wir haben beim BVB eine tolle Gruppe, die im Kern sicher so zusammenbleiben wird. Es gibt nicht die Riesengründe, aus dieser Nummer auszusteigen", sagt er. Er könne sich "durchaus vorstellen, über 2015 hinaus zu bleiben".

Für die Bundesliga wäre das eine gute Nachricht, sie bekäme noch häufiger das Duell Gündogan vs. Schweinsteiger zu sehen. Das letzte Duell, im Pokal-Viertelfinale, ging klar an den Münchner. Schweinsteiger machte ein großartiges Spiel, und einmal hat er Ilkay Gündogan umgegrätscht.

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SZ vom 26.03.2013/jom
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