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Schweinsteiger-Abschied:Der Kopf sagt ja - im Bauch rumort's

Bastian Schweinsteigers Abschied mag sportlich die richtige Entscheidung sein, emotional aber fällt er schwierig aus. Mit ihm verliert der FC Bayern ein starkes Stück seiner DNA.

Kommentar von Gunnar Jans

Manchmal muss man auch als Vorstandsvorsitzender da hingehen, wo es weh tut. Karl-Heinz Rummenigge hat sich den gekränkten, enttäuschten, wütenden Fans gestellt, die viel lieber Bastian Schweinsteiger gesehen hätten bei der Mannschafts-Präsentation.

Als er dann offiziell verkündete, dass der Mann, der vor 17 Jahren als pubertierender Teenager aus Oberaudorf nach München kam und hier zum Weltstar und Weltmeister reifte, den FC Bayern Richtung Manchester verlassen wird, da wusste er, dass die Pfiffe in der Arena nicht dem Spieler galten, sondern ihm, dem Verkünder der schlechten Botschaft - auch wenn er sich noch so sehr mühte, dem Anhang den Wechsel als Schweinsteigers ausdrücklichen Wunsch zu verkaufen. Ihm dies zu verwehren, sagte Rummenigge, wäre doch "ein bisschen hartherzig" gewesen; aber genau so lautet der Vorwurf: Man habe Schweinsteiger kühlen Herzens ausrangiert, der Trainer habe ihn in die Flucht geschlagen.

"Ins Reich der Fabel verweisen" wollte Rummenigge diese Version, als er versicherte, Pep Guardiola habe "in der ganzen Geschichte keine Rolle gespielt". Aber genau das hat Schweinsteiger beim spanischen Trainer doch gefehlt: die besondere Wertschätzung, die er unter dessen Vorgängern Heynckes und van Gaal genießen durfte.

Für Rummenigge am Ende des Tages eine Win-Win-Situation?

So aber klang die Wechselverkündung doch sehr geschäftsmäßig: Wie Rummenigge nun von "seriösen Gesprächen mit einem wunderbaren Menschen" berichtete, der noch einmal eine neue Herausforderung (mitsamt letztem großen Vertragsabschluss) suche; wie er erklärte, dass auch für "jede Identifikationsfigur irgendwann die Karriere zuende" gehe; und wie er für den notwendigen Übergang beim Mannschaftsumbau warb. Es fehlte nur noch der Hinweis, dass der Transfer "am Ende des Tages eine Win-Win-Situation" sei.

Tatsächlich hat es genau diesen Anschein: Schweinsteiger gerät nicht in die missliche Lage, von Guardiola, der im zentralen Mittelfeld auf die Spanier Martínez, Thiago und Alonso und auf Philipp Lahm als Sechser setzt, zum Bankdrücker degradiert zu werden, was für ihn als DFB-Kapitän im EM-Jahr besonders unangenehm wäre. Er erhofft sich bei seinem früheren Mentor van Gaal, unter dessen Führung Manchester United sich gerade noch mehr im Umbruch befindet als der FC Bayern, das Vertrauen, das ihm bei Guardiola fehlt. Er kann sich nicht nur auf eine neue Herausforderung im Ausland freuen, sondern auch über eine Vertragslaufzeit und Bezüge, die man ihm in München nicht mehr gewähren mochte.

Und statt sich Guardiola auszuliefern, nimmt er sein Schicksal selbst in die Hand: Mutig und kämpferisch, so wie er seine Karriere beim FC Bayern verbrachte, hat er sich dort auch verabschiedet. Der FC Bayern wiederum bekommt eine stattliche Ablöse für einen Spieler, den man sportlich nicht mehr so dringend benötigt wie in früheren Tagen, und entgeht gleichzeitig allen Debatten, die die Säbener Straße Woche für Woche erschüttert hätten, wenn Schweinsteiger auf der Bank sitzen würde.

Liebling Schweini - von den Fans verehrt wie zuletzt nur Mehmet Scholl

Haben also alle alles richtig gemacht bei diesem Wechsel? Der Kopf sagt ja, im Bauch der Bayernfans aber rumort es. Was sportlich sinnvoll erscheint, ist es emotional noch lange nicht. Liebling Schweini hat sich in die Herzen der Fans gespielt, wie dies zuletzt nur Mehmet Scholl vermochte. Matthäus, Effenberg, selbst Kahn gelang dies trotz aller Erfolge nie so sehr, auch Philipp Lahm wird hoch geschätzt und allerorts respektiert - verehrt aber wird Schweinsteiger, der Stehaufmann, dem man auch Flausen und Fehlschüsse verzeiht.

Mit Schweinsteiger verliert der FC Bayern ein starkes Stück seiner DNA, auf die wiederum Guardiola so wenig Rücksicht nimmt wie auf das Gefühl der Bayern-Familie. Nach dem niemals alternden Medizinmann Müller-Wohlfahrt und Physio-Urgestein Fredi Binder trifft es nun eine Spielerlegende - nichts und niemand scheint mehr heilig zu sein, und der Vorstand setzt so manches bisher Unvorstellbare um, in der Hoffnung, den Spanier über den Sommer 2016 hinaus zum Verbleib bewegen zu können. Der aber hält sie hin. Eine riskante Strategie ist das, für alle Seiten. Ein baldiges Bekenntnis des Trainers, in welche Richtung auch immer, wäre nun angebracht, allein damit diese Frage nicht immer wieder aufkommt: Was bleibt, wenn Guardiola den FC Bayern weiter kompromissloss nach seinem Gusto gestaltet, um ihn dann doch selbst zu verlassen?

Rummenigge übrigens hat Schweinsteiger die Tür offen gehalten für eine zweite Karriere im Verein, nach der aktiven Zeit. Gut möglich also, dass der verlorene Sohn in ein paar Jahren (als was auch immer) zurückkehrt - und Guardiola längst weg ist.

© SZ vom 12.07.2015/fued
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