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Regionalliga:Doch wieder Provinz

19.06.2021, Fussball, Qualifikationsrunde, 2020-2021, zum Aufstieg in die 3 Liga, Rueckspiel, TSV Havelse - 1.FC Schwein

Geschlagen und am Boden: Schweinfurt muss erneut in die Regionalliga.

(Foto: Heiko Becker/imago images)

Schweinfurt verpasst den Aufstieg in die Dritte Liga gegen Havelse - und wird sich nun mit einigen Hochkarätern in der Regionalliga messen müssen.

Von Christoph Leischwitz, Havelse

Halb zwölf am Hannoveraner Hauptbahnhof, einige Passanten im Untergeschoss blicken verdutzt hinauf zu Gleis sieben: Grölende Fußballfans sind zu hören. "Deutschlaaaaand"? - Nein, "Schweinfuuurt" rufen sie. Sie sind unterwegs ins 20 Kilometer von Hannover entfernte Havelse, wo das zweite Aufstiegsspiel zur dritten Liga anstand. Die Anhänger der Schnüdel sollten dort in der Mittagshitze (allerdings gut geschützt unter einer mächtigen Eiche) dann auch ein denkwürdiges Spiel zu sehen bekommen. Allerdings ohne guten Ausgang für den Meister der Regionalliga Bayern: Der TSV Havelse gewann auch das zweite Spiel 1:0 (1:0) und steigt damit in die dritte Liga auf.

So werden künftig die Schweinfurter Fans wieder in Regionalzüge steigen müssen, um die Mannschaft anzufeuern. Die Havelser hingegen werden ab der kommenden Saison in die große Stadt fahren. Ihr eigenes Stadion ist nämlich nicht ansatzweise drittligatauglich und wird jetzt erst einmal brachliegen. Auf der Haupttribüne - dort, wo am Samstagnachmittag auch Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder mitfieberte - war zu hören, dass die Gemeinde Garbsen im Landkreis Hannover auf dem Gelände eigentlich gerne Wohnhäuser bauen würde. Nach dem Aufstieg bauten sie erstmal Bierbänke im Strafraum auf - den Rasen braucht vermutlich niemand mehr.

Es war ein komplett anderer Auftritt der Schweinfurter als im Hinspiel

Schweinfurts Trainer Tobias Strobl wiederum hatte Tränen in den Augen. Auch wenn die Heimniederlage eine Woche zuvor durchaus verdient gewesen war, so hatte man nun das Gefühl, vom Schicksal im Stich gelassen worden zu sein. "Die sind so gut", sagte er über seine Spieler, sie hätten nach dem späten 0:1 vor einer Woche - Torwart Luis Zwick war in der vierten Minute der Nachspielzeit der Ball durch die Finger gerutscht - so viel Mut gezeigt, und das, obwohl jeder wusste: "Alles entscheidet sich in diesem einen Spiel." In der Tat endete das Gastspiel in Niedersachsen dann zwar mit dem selben Ergebnis - aber es war ein komplett anderer Auftritt.

Denn nach zehn Minuten hatten sich die Schnüdel schon mehr Chancen erspielt als im gesamten Hinspiel. Strafraumstürmer Adam Jabiri war damals fast gar nicht zum Abschluss gekommen, jetzt scheiterte er zunächst aus spitzem Winkel (4.), dann im Eins-gegen-eins mit Torwart Norman Quindt (5.), den er auch nicht mit einem Drehschuss aus kurzer Distanz überwinden konnte (7.), dann wurde auch noch sein Kopfball auf der Linie geklärt (8.); eine Szene, die deutlich machte, dass alles anders lief als im Hinspiel - da hatte Jabiri einen Havelser Kopfball auf der Linie klären müssen. Später setzte der 37-Jährige auch noch einen Schuss an die Latte (42.), auf der Schweinfurter Bank veränderten sich die Blicke allmählich: von konzentriert zu ungläubig.

Die offensichtlich beeindruckten Havelser waren bis zu ihrem Tor nicht gefährlich in Erscheinung getreten. In der furiosen Anfangsphase hätte Schweinfurts Routinier Daniel Adlung allerdings beinahe einen Foulelfmeter verursacht (4.), Schiedsrichter Christof Günsch deutete aber unter lauter Protesten dem Havelser Kevin Schumacher, doch bitte wieder aufzustehen. Schumacher war es dann aber, der das beschauliche Havelse erbeben ließ. Nach genau einer halben Stunde eroberte er sich den Ball im Mittelfeld, niemand konnte ihn stoppen, weder fair noch unfair, und vom Strafraumrand traf er mit einem strammen Schuss ins rechte Eck. "Es tut so unfassbar weh", sagte Torwart Zwick, gerade weil in der starken Anfangsphase alle dachten: Heute klappt's. Doch wie schon im Hinspiel fehlte auch diesmal in der Schlussphase die Präzision im gegnerischen Strafraum, um wirklich gefährlich zu werden. "Wir haben diese Serie heute in den ersten 20 Minuten verloren", sagte Schweinfurts sportlicher Leiter Robert Hettich und fasste den Tag so zusammen: "Wir hatten heute die Möglichkeit, verdient aufzusteigen."

Jetzt aber ist die Abkürzung in die dritte Liga - mit bayerischen Playoffs nach einer abgebrochenen Saison - nicht mehr möglich, es steht erneut der lange Weg über eine volle Regionalliga-Saison an, mit havelsesken Stadien in Buchbach oder in Eichstätt. Und mit namhafter Konkurrenz, weil die SpVgg Bayreuth große Ambitionen hat und die Drittliga-Absteiger SpVgg Unterhaching und FC Bayern München II so schnell wie möglich wieder hoch möchten. Immerhin: In der kommenden Saison steigt der bayerische Regionalliga-Meister wieder direkt auf. Den TSV Havelse sieht man also frühestens in der Saison 2022/23 wieder. Wenn er denn die Klasse hält. Die Verein soll in den Strukturen weiter als Amateurverein geführt werden, ist zu hören. Abgesehen davon ist noch gar nicht klar, wer Trainer Jan Zimmermann beerben wird, der künftig Hannover 96 trainieren wird. Seine letzte Amtshandlung: biernasse Haare aus dem Gesicht wischen.

© SZ/fhas/lib
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