Schweden Man fährt Bahn

Die Schweden fürchten nichts mehr als Starrummel und Personenkult - selbst Zlatan Ibrahimovic tut alles, um nicht aufzufallen.

Von Jörg Marwedel

Es ist nicht leicht für die Fußballprofis dieser Welt, in der überhöhten Bedeutung und all dem Luxus ihres Berufsstandes die Bodenständigkeit zu bewahren. Wer es doch probieren will, dem sei die schwedische Nationalmannschaft als Vorbild ans Herz gelegt. Vermutlich gibt es kein Team bei dieser WM, das ein so unaufgeregtes Verhältnis zu seinem Sport pflegt. Schweden mögen keinen Starrummel und Personenkult. Wenn ihr Trainer Lars Lagerbäck, der wie fast alle Schweden Englisch wie eine zweite Muttersprache spricht, über die Befindlichkeiten des Teams referiert, kann man ihn sich mit seiner Brille und dem ruhigen, nüchternen Vortragsstil auch als Dozent an der Bremer Universität vorstellen. Und zum ersten Spiel am Samstag in Dortmund gegen den Außenseiter Trinidad & Tobago reist der blau-gelbe Tross von seinem Bremer Quartier mit einem öffentlichen Verkehrsmittel an. Man fährt Bahn.

Der schwedische Nationaltrainer Lars Lagerbäck

(Foto: Foto: dpa)

Natürlich haben auch die Schweden Galionsfiguren. Im Medienzelt am Weserstadion, Platz 11, dekorieren farbige Porträts von Kurt Hamrin, legendärer Stürmer der 58er WM-Elf, Ralf Edström, Torjäger des 74er WM-Teams, sowie Christian Wilhelmsson und Fredrik Ljungberg aus dem aktuellen Aufgebot Podium und Wände. Aber vermutlich ist auch dies kein Zufall: dass man dafür nicht Henrik Larsson und Zlatan Ibrahimovic ausgewählt hat, die beiden einzigen Spieler des Kaders, die den Status des internationalen Stars genießen. Sie sollen nicht herausgehoben werden aus dem Kollektiv der stämmigen Burschen. Und als Ibrahimovic - ein Zugeständnis an die Medien - doch zum Smalltalk auf die kleine Bühne beordert wird, hört man schnell heraus, wie gut der ansonsten recht eigenwillige Stürmer von Juventus Turin seine Lektion gelernt hat.

Frage: "Muss sich Trinidad besonders vor Larsson und Ibrahimovic fürchten?" Antwort: "Sie sollen sich vor dem ganzen Team fürchten, nicht vor zwei oder drei Spielern." Dann spielt der einstige Straßenkicker aus dem Malmöer Immigranten-Viertel Rosengaard herunter, dass Larsson (zuletzt FC Barcelona) und er eben "etwas höher spielen" als die Teamkollegen - als handele es sich dabei um Zufall und nicht den Werdegang eines außergewöhnlichen Talents. Sein tschechischer Mitspieler bei Juventus Turin, Pavel Nedved, attestierte Ibrahimovic dabei unlängst er könne "noch besser werden als Schewtschenko". Und als die Rede auf den italienischen Skandal und Ibrahimovics vom Zwangsabstieg bedrohten Arbeitgeber kommt, versucht sich der Stürmer (18 Tore in 37 Länderspielen) erneut als Abwehrkünstler: "Ich kann zum Skandal nichts sagen, ich habe einen Vertrag."

Coach hat noch ein paar Sorgen

Die Abgründe des Geschäfts und seine persönliche Zukunftsplanung bleiben also ausgeblendet, so will es Trainer Lagerbäck, und dafür sorgt auch Pressechef Thomas Saleteg, indem er weiteren Nachfragen zum Thema, etwa nach einem möglichen Wechsel des 24-Jährigen zu Real Madrid, mit einem knappen "okay" zuvorkommt. Lieber spricht Ibrahimovic über das Wiedersehen mit einem einstigen Förderer: Leo Beenhakker, Trainer des Gegners Trinidad & Tobago, war sein Vorgesetzter bei Ajax Amsterdam, der ersten Auslandsstation des damals Zwanzigjährigen. "Er war mehr als ein Sportchef", erzählt der Profi, "er war ein Freund und half mir, wo er konnte." Und als ihm jemand Beenhakkers Satz zuträgt, er werde dem früheren Schützling bei der Begrüßung "erst einen Tritt in den Hintern geben und ihn dann küssen", da lächelt der zuvor so verschlossene Ibrahimovic.

Was von den Schweden bei dieser WM zu erwarten ist, wird das Auftaktspiel in der Gruppe B wohl noch nicht zeigen, denn Trinidad ist vermutlich der schwächste aller 32 Teilnehmer. Zuletzt gelang gerade ein mühseliges 2:1 über den Regionalligaklub FC St. Pauli, weshalb Schwedens Trainer Lagerbäck versucht, dem Selbstbewusstsein seiner Spieler eine kleine Warnung beizumischen: "Wir haben die bessere Mannschaft, aber es ist knifflig, gegen sie zu spielen."

Tatsächlich hat der Coach noch ein paar Sorgen. Ibrahimovic fehlte es nach einer langen Saison und einem Kurzurlaub noch an Spritzigkeit, weshalb der Stürmer zuletzt mit Co-Trainer Roland Andersson Extra-Schichten schob, um Treffsicherheit und Beweglichkeit zu fördern. Im Tor wird nach dem Trainingsunfall des Stammkeepers Andreas Isaksson - er erlitt nach einem strammen Schuss von Kim Källström eine Gehirnerschütterung - ein gänzlich unerfahrener Mann stehen: John Alvbage hat erst zwei Länderspiele absolviert, Rami Shaaban sogar erst eins. Aber vielleicht ist das alles auch kein Problem. Zumindest nicht gegen Trinidad & Tobago.