Schottland besiegt Spanien:Elf Stierkämpfer müsst ihr sein

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John McGinn (li.) wehrt sich gegen den Spanier José Gayà mit allem, was er hat. (Foto: Charlotte Wilson/Offside/Imago)

Schottland besiegt überraschend Spanien, weil sich Spieler, Fans, das Regenwetter und ein unwahrscheinlicher Torschütze zu einer vorbildlichen Teamleistung aufschwingen. Für Spanien ist die schottische Spielweise "Müll".

Von Sven Haist, Glasgow

Nicht mal der Stadionsprecher war im Hampden Park nach Abpfiff richtig zu verstehen. Obwohl die Regie während der Ehrenrunde der schottischen Fußballnationalmannschaft die Musik kurzzeitig aussetzte und die Mikrofonlautstärke bis zum Anschlag aufdrehte, ließ sich gegen den ohrenbetäubenden Jubel im Nationalstadion zu Glasgow fast nicht ankommen. Nur ein paar Satzfragmente des Sprechers waren zu identifizieren, als er versuchte, den Doppeltorschützen Scott McTominay als Mann des Spiels zu würdigen und die gesamte Mannschaft für ihre "absolut großartige Leistung". Dann gab er auf und rief der durchdrehenden Zuschauermenge zu: "Enjoy your wee party!" Genießt eure kleine Party! Nach Schottlands 2:0 über Spanien in der EM-Qualifikation war allzu offensichtlich, dass es trotz fortlaufender Arbeitswoche niemand bei einer bescheidenen Feier belassen würde.

Die schottischen Fans sind ohnehin bekannt für ausgelassene Stimmung. Wenn dazu die Nationalmannschaft ein historisches Spiel abliefert wie am Dienstagabend, herrscht in der ehrwürdigen Spielstätte Hampden Volksfestatmosphäre. Auch die Stadt Glasgow verwandelte sich in eine Partymeile rund um die berühmte Sauchiehall Street, in der sich Kneipen, Bars und Diskotheken drängen. Zu den Klängen des Gala-Partyhits "Freed From Desire" feierten die Fans im Stadion minutenlang ihr Team, viele schossen Erinnerungsfotos, einige hatten Tränen in den Augen.

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Erst zum dritten Mal überhaupt gewann Schottland gegen Spanien, nach 1957 und 1984. Dieser Sieg sei nun ein "Triumph von Anfang bis Ende gewesen", freute sich BBC Scotland. Für den Independent war das Resultat "jenseits aller Vorstellungskraft", weil man auf so etwas mehr als 16 Jahre hatte warten müssen: Damals wurde Frankreich an gleicher Stelle besiegt. In einer Wortkreuzung der heimischen Namensvorsilbe "Mc" und des spanischen Ausdrucks "Matador" titelte die Sun: "McMatadors!" - schottische Stierkämpfer.

Durch die Heimsiege gegen Zypern und Spanien führt Schottland überraschend die Gruppe A mit sechs Punkten und 5:0 Toren an; eine Bilanz, die eher den Spaniern zugetraut worden war, die vorab nur sieben von 146 WM- oder EM-Qualifikationsspielen verloren hatten. Vor allem liegt Schottland nun schon fünf Punkte vor Norwegen, dem wohl ärgsten Konkurrenten um den zweiten verfügbaren Platz in der Gruppe für die EM-Teilnahme 2024 in Deutschland. Die Basis dafür bildete eine geschlossene Mannschaftsleistung, an der neben Nationaltrainer Steve Clarke und seinen Spielern die Fans und das berüchtigte nasskalte Glasgower Regenwetter beteiligt waren. Sinnbildlich für die kollektive Anstrengung stand, dass McTominay das Match entschied, ein Teamplayer durch und durch. Schon im Duell mit Zypern traf er nach seiner Einwechslung in der Schlussphase doppelt.

Dem Höllenlärm ist im Hampden Park sogar ein eigener Begriff gewidmet

Dabei trat der 26-Jährige von Manchester United bislang kaum als Torschütze in Erscheinung. Er gilt vielmehr als robuster und verlässlicher Mittelfeldabräumer, der auch in der Abwehr aushelfen kann. Meist ist er dort so eingespannt, dass nicht daran zu denken ist, die eigene Offensive zu unterstützen. Doch diesmal rückte McTominay gerade bei Flanken auffallend oft mit nach vorne - und bewies jeweils zu Beginn beider Halbzeiten präzises Timing. In der siebten Minute legte ihm Andrew Robertson den Ball zum erfolgreichen Torabschluss vor (nachdem sein Gegenspieler weggerutscht war). In der 51. Minute drosch McTominay aus dem Lauf heraus einen Abpraller volley ins Netz und löste damit einen Torschrei aus, wie es ihn selten zu hören gibt. Dem Höllenlärm ist im Hampden Park ein eigener Begriff gewidmet: Hampden Roar. Der Legende nach stammt der Ausdruck aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, als die Schotten nach Siegtoren gegen den Erzrivalen England so laut jubelten, dass es angeblich überall in der Stadt zu hören war.

Perfektes Timing und sehr gute Haltungsnoten: Der Schotte Scott McTominay wird gegen Spanien zum unwahrscheinlichen Helden. (Foto: Charlotte Wilson/Offside/Imago)

Eine solche Atmosphäre habe er "noch nie" erlebt, sagte McTominay, und immerhin spielt er seit Kindestagen für Manchester United. Er wurde im englischen Lancaster geboren, hatte jedoch wegen seines in Glasgow geborenen Vaters die Option, für Schottland aufzulaufen. Die Zeitung The Herald schrieb, er habe sich nun "für immer seinen Platz in der schottischen Fußballhistorie" reserviert.

Für die Spanier hingegen fühlte sich der Hampden Park wohl so furchteinflößend an wie das schottische Nationalgericht Haggis. Auch weil Nationaltrainer Luis de la Fuente, der das Amt nach der WM von Luis Enrique übernommen und zuvor das U-21-Team des Verbands trainiert hatte, einen Fehler beging: Im Vergleich zum Auftaktsieg gegen Norwegen veränderte er seine Startelf auf acht Positionen, verzichtete auf etliche Leistungsträger. Die vielen Neulinge konnten dem Druck nicht standhalten. Frustriert klagte Routinier Rodri hinterher über die Spielweise des Gegners. Sie sei "Müll", fand er, weil die Schotten immer auf Zeit spielten, ständig provozierten und leicht fielen - wobei letztgenannte Punkte unisono von der anderen Seite den Spaniern vorgeworfen wurden.

Als die Gäste den Platz verlassen hatten und die Schotten ihre Ehrenrunde absolvierten, blinkte auf dem Stadionmonitor die Zuschauerzahl auf: 47 976. Sie wirkte wie das schottische Codewort für diesen unvergesslichen Abend.

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