Süddeutsche Zeitung

Schottland bei der EM:Ball der tapferen Herzen

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Die Geschichte geht weiter: Schottland scheitert zum elften Mal bei einem großen Turnier in der Vorrunde.

Von Michael Neudecker, Glasgow

James McFadden scheint ein sehr geduldiger Mensch zu sein, und es macht ihm offenbar auch nichts aus, von Fremden umarmt zu werden. James McFadden ist ein ehemaliger schottischer Fußballer, der jetzt beim Fernsehen arbeitet, er war also an diesem Abend auf der Medientribüne im Hampden Park in Glasgow, gleich daneben ist die Tribüne der Fans, wobei: Das ganze Stadion ist hier eine einzige Fantribüne, wenn die Nationalmannschaft spielt. Die Fans erkennen ihren McFadden natürlich, "he's a Scottish hero, man!", sie riefen ihn herbei, so höflich, wie das an so einem berauschten Abend eben möglich ist, James, come on, Foto hier, Foto dort, McFadden lächelte. Einer nach dem anderen kam über die Treppen, es nahm kein Ende, es war vor dem Spiel, da waren die Schotten noch gut drauf.

Nach dem Spiel war das Stadion dann schnell leer, 1:3 gegen Kroatien, es war doch zu deutlich. Die Schotten hatten es versucht, sie hatten gekämpft wie es das Schotten-Klischee von den "Bravehearts" verlangte, meistens jedenfalls, aber die Kroaten passten und schnibbelten wie die abgezockten Routiniers, die sie ja sind, eine allenfalls mittelmäßige Darbietung reichte ihnen. Dabei wäre doch so vieles möglich gewesen. McFadden etwa hat vor dem Spiel von der Chance gesprochen, "Geschichte zu schreiben", damit kennt er sich aus. McFadden, 38, hat 2007 während der EM-Qualifikation das 1:0-Siegtor Schottlands in Frankreich erzielt, er hat, man kann es nicht anders sagen, den Ball aus vielleicht 30 Metern ins Kreuzeck gezimmert, es war der erste Sieg der Schotten in Frankreich seit 1950. Es sagt allerdings auch etwas über die Erfolgsgeschichte einer Mannschaft aus, wenn der Siegtorschütze eines EM-Quali-Spiels seit 14 Jahren als Nationalheld gefeiert wird.

2007 haben sich die Schotten dann doch nicht qualifiziert, die 2021 stattfindende Euro 2020 ist ihre erste Teilnahme an einem größeren Turnier seit 1998, und sie beenden diese EM nun als Letzter der Gruppe D. Elf Mal waren sie insgesamt bei Welt- und Europameisterschaften dabei - die Endrunde haben sie noch nie erreicht.

Wille, Leidenschaft, alles vorhanden. Aber das Team von Steve Clarke hat noch viel zu lernen

Diesmal schien es aber eine echte Chance zu geben, die Schotten haben ja eine durchaus interessante Mannschaft, mit Leistungsträgern wie dem 24-jährigen Scott McTominay, Mittelfeldspieler bei Manchester United, oder dem 26-jährigen John McGinn von Aston Villa, und mit aufstrebenden Talente wie dem 20-jährigen Bobby Gilmour, der in der Premier League für Chelsea aufläuft; Gilmour fehlte am Dienstag allerdings wegen eines positiven Corona-Tests, gut möglich, dass diese Sache das Turnier noch eine Weile beschäftigt. Vor allem haben sie ihren Kapitän, Andy Robertson, feste Größe beim Spitzenklub Liverpool. Robertson ragte auch bei diesem Turnier heraus aus einer Mannschaft, deren Willen und Leidenschaft man ihr oft anmerkte, bisweilen aber auch, dass sie noch viel zu lernen hat.

"Wir sind eine Mannschaft mit viel Potenzial", sagte Andy Robertson am späten Dienstagabend, und Steve Clarke, der Trainer, lobte die Mannschaft für ihre insgesamt doch sehr ordentlichen Auftritte bei dieser EM. "Wir haben gezeigt, was wir können", sagte Clarke, "und wir werden weiter dazu lernen". Vor allem, fügte er an, sei er fest entschlossen, dafür zu sorgen, dass es nicht noch einmal 23 Jahre dauert, bis zur nächsten Gelegenheit, James McFaddens Beitrag zu Schottlands Fußball-Historie ein wenig zu relativieren.

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