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Blutdoping-Prozess in München:Impfstoff statt Blutbeutel

Prozessbeginn nach Doping-Skandal bei Ski WM

Der Beginn öffentlicher Ermittlungen: Bei der nordischen Ski-WM Anfang 2019 in Seefeld fuhr die Polizei vor, die Operation „Aderlass“ setzte ein.

(Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Der Erfurter Sportarzt Mark Schmidt klagt in seiner zweiten Erklärung im Aderlass-Prozess über Haftbedingungen und macht ein Angebot - andere wichtige Fragen umschifft er.

Von Johannes Knuth

Als er den Saal A101 des Münchner Landgerichts II betritt zum 13. Verhandlungstag, wirkt Mark Schmidt, blaues Hemd, dunkelgraue Jeans, zunächst so aufgeräumt wie immer: als breche er in einen neuen Arbeitstag in seiner einstigen Arztpraxis auf. Er zieht einen Stapel Papier aus einem hellbraunen Umschlag, manche Stellen sind mit rotem Stift markiert. Später trägt der 42-Jährige seine schriftliche Einlassung, seine zweite in diesem Prozess, selbst vor. Es dauert nicht lange, da kocht die Erregung sicht- und hörbar in ihm hervor.

Die vergangenen Tage waren eher mittelprächtig für den Erfurter Mediziner verlaufen, manche Zeugen hatten doch Risse in seine Verteidigung getrieben. Danilo Hondo etwa, der ehemalige deutsche Radprofi: Der hatte nach seiner Vernehmung ungläubig gelächelt, als er von Schmidts Aussage hörte, der Doktor habe mit seinen langjährigen Blutdoping-Praktiken bloß Kosten decken wollen. "Er wollte nur Geld verdienen", sagte Hondo, so habe er das zumindest wahrgenommen. Er selbst habe allein 25 000 Euro für eine Saison gezahlt, fünf Mal mehr, als Schmidt bei seinen meisten Klienten aufgerufen haben will.

Da war auch Dario Nemec, lange Jahre eine Art Co-Kapitän in Schmidts Netzwerk. Der hatte unter der Woche bestätigt, dass er oft Medikamente geordert habe, auch für Schmidt, die oft "gar keine Medikamente" mit Beipackzettel waren - weil diese bei den Dopingtests nicht aufschienen. Eines dieser Präparate hatte bei einer Schmidt-Kundin eine allergische Reaktion provoziert.

Das alles passte jedenfalls nicht so recht zu den Beteuerungen des Erfurter Arztes, er habe nur die Gesundheit der Sportler in diesem blutigen Gewerbe schützen wollen. Das klang eher nach: Nehmen, was die Küche und die Labore hergeben - auch wenn viele Kunden offenbar auch keinerlei Skrupel zeigten.

"Die Organisation war immer mein Part"

Auf all das geht Schmidt am Freitag allenfalls indirekt ein. Er schärft stattdessen das Bild, wonach er schon der Kopf seines Netzwerks war ("Die Organisation war immer mein Part"), was vor allem seine vier Helfer entlasten soll, die in München mitangeklagt sind. Andererseits stellt er sich als Rädchen in einem Getriebe dar, das eine viel größere Betrugsmaschine des Spitzensports ankurbelt. Er habe zum Beispiel seine Maschine noch gar nicht in den Dienst gestellt gehabt, mit der er das Blut der Athleten aufbereiten wollte - "da kamen schon die Anfragen von Sportlern".

Auch eine einflussreiche Person aus dem slowenischen Radsport war offenbar interessiert, mit Schmidt "eine geschäftliche Beziehung einzugehen", auch "mit einer Maschine": Milan Erzen. So schildert es ein an den Ermittlungen beteiligter Zollbeamter am Freitag. Schmidt, so der Beamte, sei aber vor Erzen gewarnt worden (der jegliches Fehlverhalten stets bestritten hat). Auch auf eine SMS des Slowenen - "Gibt's dich noch, machst du das noch?" - habe Schmidt nicht reagiert.

Auf Erzen geht Schmidt in seinem Statement danach aber überhaupt nicht ein. Er klagt massiv über die Bedingungen seiner Untersuchungshaft in Stadelheim, wo er seit dem Frühjahr 2019 einsitzt. "Unglaublich, dass so etwas in Deutschland überhaupt möglich ist", sagt er, mit nun merklich errötetem Kopf. Manches klingt tatsächlich gruselig, wenn etwa ein Hepatitis-C-Kranker in Schmidts Zelle für die ersten sechs Wochen, die für sechs Menschen ausgelegt gewesen sei, sich den Arm aufgeschlitzt habe und Hilfe erst nach knapp 40 Minuten eingetroffen sein soll.

Dann hat Schmidt noch eine Bitte: Er habe verfolgt, dass es derzeit Engpässe bei Kühlschränken gibt, für etwaige Corona-Impfstoffe. Wenn seine alten Geräte, in denen er einst das Blut der Sportler lagerte bei bis zu minus 70 Grad, noch tauglich seien, dürften die Behörden die Geräte gerne an die Impfzentren weiterleiten. In beiden fänden bis zu 10 000 Proben Platz, rechnet Schmidt vor, da ist er wieder ganz der umsichtige Arzt. Dann, findet er, habe er der Kammer erst mal alles gesagt.

© SZ vom 28.11.2020/bek
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