Jörg Schmadtke lehnt sich zurück, die Hände schmiegen sich um den Hinterkopf. Denkerpose. Hmm, murmelt er, gute Frage, darüber habe er noch gar nie nachgedacht: Wer damals schon dabei war und sich bis heute in der Branche gehalten hat? Der Michael Zorc bestimmt, sagt Schmadtke, der ist doch schon eine halbe Ewigkeit in Dortmund. Oder der Christian Heidel in Mainz, der gehört dort ja im Grunde zum Inventar. Und, Moment mal: War der Klaus Allofs damals nicht schon längst in Bremen?
Na ja, resümiert Schmadtke schließlich, "es wird schon 'ne Handvoll geben, auch wenn ich sie jetzt nicht alle aufzählen kann". Mehr Aufwand möchte sich der Sportchef des VfL Wolfsburg da nicht machen, so was sei ja auch gar nicht wichtig, sagt er. Immerhin: Die aufgezählten Beispiele waren richtig, die Herren Zorc, Heidel und Allofs standen alle schon in Amt und Würden, als Schmadtke seinen ersten Job als Sportdirektor übernahm, im Jahr 2001 bei Alemannia Aachen.
Damals hieß der Job allerdings noch "Manager", es waren überhaupt ganz andere Zeiten. Der Ton war rauer, der Manager die personifizierte Kommandozentrale in den Klubs. Zwar verhielt sich nicht jeder von ihnen wie ein Feudalherr, aber fast alle erfüllten das Rollenbild des starken Mannes, dessen Daseinsberechtigung heute immer mehr Menschen in Frage stellen. Und auch der Fußball an sich war weniger komplex, es gab noch keine abkippenden Sechser und nur wenige Vereine mit ausgegliederten Lizenzspielerabteilungen oder Konzernen als Investoren.
Es ist also ganz schön was passiert, seit Jörg Schmadtke, 57, in Aachen angeheuert hat. An vielen Kollegen von damals ist entweder die Zeit vorbeigerauscht, oder sie haben es versäumt, sich an den Fußball der Moderne anzupassen. Schmadtke hingegen wurde bereits vor Jahren als einer der besten Manager der Republik geadelt, von keinem Geringeren als Uli Hoeneß, und der muss es wissen, er hat ja den besten Vergleich mit sich selbst.
"Die Leute haben eh ihr Bild von mir. Das stört mich nicht."
Jörg Schmadtke ist aber nicht nur immer noch dabei. Er ist vielleicht erfolgreicher denn je. Der VfL Wolfsburg hat eine erstaunliche Wandlung hinter sich, an Schmadtkes erstem Arbeitstag im Juni 2018 war der von Volkswagen alimentierte Klub noch ein Beinahe-Zweitligist, der die Klasse zweimal in Serie nur über den Umweg der Abstiegsrelegation hatte halten können. Und dann: Europa League, Europa League, Champions League.
Am Dienstag errang der VfL im ersten Königsklassenspiel seit fünf Jahren ein solides 0:0 in Lille, in der Bundesliga steht das Team an der Tabellenspitze. An dieser Stelle erwähnenswert: Bislang hat Schmadtke noch jeden seiner Vereine in einen Kontinentalwettbewerb manövriert. In Aachen war das ein Fußballmärchen, bei Hannover 96 das Ergebnis seriöser Aufbauarbeit. Danach ging es zum 1. FC Köln, zum einzigen Verein, den er auch emotional wirklich an sich heranließ. Europa League. Erstmals wieder nach 25 Jahren.
Hinterlassen hat Schmadtke, so sehen das zumindest einige in der Branche, aber häufig auch einen Haufen verbrannter Erde.
Fußball ist auch Außendarstellung und Kommunikation, beides ist heute wichtiger als je zuvor. Schmadtke blieb all die Jahre aber ein Mysterium. In einem früheren Leben war er mal ein extrovertierter und humorvoller Torwart, er galt als Intellektueller in einer zuweilen eher dumpfen Branche. Der Manager Schmadtke hat hingegen das Image des patzigen Alleinherrschers, der beständig signalisiert, dass ihm die Unterhaltungsindustrie Fußball ziemlich auf den Zeiger geht. Er selbst sagt: "Die Leute haben ohnehin ein Bild von mir, das bekomme ich nicht mehr verändert. Aber das stört mich nicht."
Ein Tag im Sommer, draußen ist es heiß, aber in der Geschäftsstelle des VfL sorgen Klimaanlage und Erfrischungsgetränke für eine wohltemperierte Gesprächsatmosphäre. Schmadtke trägt eine lässige Stoffhose und eine dunkle Strickjacke, auch seine Laune ist im Grunde sportlich-leger. Wenn da nicht dieser Verdacht wäre, diese vermeintlich offene Flanke. Seine Meriten, schön und gut, aber bislang, sagt Schmadtke, habe sich die Öffentlichkeit doch vor allem für die Sache mit den Trainern interessiert ...
Er kommt also selbst auf das Thema zu sprechen, das sich wie Kaugummi durch seine Vita zieht: Schmadtke hat sich irgendwo zwischen Aachen und Wolfsburg den Ruf erworben, dass er zwar immer den richtigen Trainer für seine Mannschaften findet, aber leider nur selten den passenden Trainer für ein funktionierendes Sportchef-Trainer-Verhältnis. So war das, zum Beispiel, mit dem Österreicher Oliver Glasner, der Wolfsburg in der vergangenen Saison auf den dritten Platz gecoacht hat - und der jetzt bei Eintracht Frankfurt arbeitet, dem Gegner des VfL an diesem Sonntag (19.30 Uhr). So war das auch bei Glasners Vorgänger Bruno Labbadia in Wolfsburg, oder zuvor mit Mirko Slomka in Hannover und Peter Stöger in Köln: Zunächst harmonische Beziehungen, die später aufgrund von Dissonanzen in der Scheidung endeten - entweder Schmadtke warf hin, oder die Trainer verließen fluchtartig die Stadt.

Jörg Schmadtke legt Wert auf zwei Feststellungen. Erstens: Entlassen hat er in all den Jahren nur drei Trainer, eine überschaubare Quote, die der dauerversimpelnden Öffentlichkeit aber nicht ins Bild passe. Zweitens: In diesem Job, sagt Schmadtke, komme es "vor allem darauf an, wie man Einzelinteressen und Gemeinschaftsinteressen übereinanderlegen kann".
Vielleicht muss man an dieser Stelle mal den Eindruck skizzieren, der sich aus Gesprächen mit einigen von Schmadtkes Wegbegleitern ergibt, Leuten, die eng mit ihm gearbeitet oder mit ihm zusammen Fußball gespielt haben: Schmadtke richte sich niemals nach dem Wind, eher dagegen. Privat sei er eine echte Frohnatur, nur in der Öffentlichkeit gebe er sich größte Mühe, das zu verbergen. Er gehe Konflikte ein, weil er eine tiefere, analytischere, weitsichtigere Risikoabwägung betreibe als andere Sportchefs; lieber zu früh streiten als zu spät. Auf wundersame Art gelinge es ihm, eine Nähe zu seinen Spielern zu pflegen und doch distanziert zu bleiben. Er handle niemals aus Eitelkeit, sondern stets zum Wohle des Klubs.
So ähnlich erzählt das auch Martin Kind, 77, der Geschäftsführer von Hannover 96. Er war 2013 sozusagen der erste Zeuge eines waschechten Schmadtke-Trainer-Showdowns. Am Telefon sagt Kind, sein damaliger Sportchef Schmadtke habe "keine Lust auf Grabenkämpfe" mit dem 96-Coach Slomka gehabt, nur deshalb habe Schmadtke sein Amt seinerzeit zur Verfügung gestellt. Ihn ziehen zu lassen, sei aus Sicht des heutigen Zweitligisten "ein großer Fehler" gewesen, bedauert Kind. Die Entscheidung Schmadtkes zeuge hingegen von "Führungsstärke", er denke immer "arbeitgeberorientiert".
Haben Trainer heute zu viel Macht? Schmadtke will die Entscheidungshoheit im Klub absichern.
Zwischenmenschlich endeten die Beziehungen aus unterschiedlichen Gründen im Streit, aber auf der Sachebene ging es immer um das Gleiche: Schmadtke wollte die Entscheidungshoheit im Inneren absichern, die Trainer forderten mehr Mitsprache bei der Gestaltung des Kaders ein. Es wurde also eine sehr grundsätzliche Frage verhandelt: Wer gibt den sportlichen Kurs vor? Der Klub selbst? Oder ein leitender Angestellter, der vielleicht schon bald ganz woanders Trainer ist?
An vielen Standorten haben die Trainer ihren Einfluss auf strategische Entscheidungen in den vergangenen Jahren ausgebaut, sie bestimmen immer häufiger, welche Art von Fußball ein Verein spielt. Das mag seine Gründe haben, im Misserfolgsfall sind die Trainer ja weiterhin die ersten, die ihren Job verlieren. Aber viele verfügen neuerdings auch über teils mehrere Berater, die ihre Öffentlichkeitsarbeit steuern und in den Verträgen Ausstiegsklauseln platzieren. Den Karriere-Leitgedanken des "nächsten Schrittes", den Spieler bei ihren Klubwechseln für sich reklamieren, nehmen längst auch die Trainer für sich in Anspruch: Julian Nagelsmann ging per Millionenablöse zum FC Bayern, Borussia Mönchengladbach verlor Marco Rose an Borussia Dortmund und löste dafür Adi Hütter von der Frankfurter Eintracht aus, die sich wiederum Glasner aus Wolfsburg als Ersatz beschaffte.
Hat er diese Entwicklung antizipiert? Schmadtke sagt, er reagiere nun mal "allergisch", wenn ein Trainer "die Medien und die Öffentlichkeit" für eigene Interessen instrumentalisiere, das gehe "am Ende immer gegen den Klub". Es sei ja so: Wenn ein zu einflussreicher Coach über Nacht verschwinde, könne das gesamte Konstrukt "in Schieflage" geraten. In der Tat wurden im Sommer einige seiner Kollegen vor vollendete Tatsachen gestellt. Der VfL-Sportchef konnte sich hingegen monatelang nach einem neuen Trainer umsehen, während er sich hinter den Kulissen noch mit Glasner zoffte.

Zur allgemeinen Überraschung fiel die Wahl auf Mark van Bommel, 44, der zwar eine trophäenreiche Spielerkarriere hinter sich hat, als Coach aber noch keine großen Referenzen vorweisen konnte. Viele fragten sich: Der frühere "Aggressive Leader" van Bommel und das Alphatier Schmadtke - wie lange das wohl gutgehen wird?
Bisher geht es gut. Als der Niederländer beim DFB-Pokal-Spiel in Münster einen verhängnisvollen Wechselfehler beging und dafür Spott und Häme einstecken musste und außerdem das Pokal-Aus, stellte sich Schmadtke demonstrativ hinter den neuen Coach, den er für genau den Richtigen hält, um mit dem VfL die "nächste Evolutionsstufe" zu erreichen: mehr Ballbesitz, schnellere Lösungen gegen tiefstehende Mannschaften. Spitzenteam-Fußball. Dafür hat Schmadtke im Transfersommer auch entsprechend investiert: Nur der FC Bayern hat mehr Geld für neue Spieler ausgegeben.
Sein Vertrag läuft bis 2022, Verlängerung nicht ausgeschlossen
Für die Zukunft des VfL, sagt Schmadtke, habe er bereits ein "Storyboard" entworfen. Den Sportdirektor Marcel Schäfer baut er intern zu seinem Nachfolger auf, sie träfen Entscheidungen mittlerweile "auf Augenhöhe", sagt er. Schmadtkes Vertrag in Wolfsburg läuft noch bis Sommer 2022, Verlängerung aber nicht ausgeschlossen. Weshalb zum Schluss die Frage bleibt: Geht ihm die Branche wirklich so auf die Nerven, wie es manchmal den Anschein hat?
Jörg Schmadtke bläst die Backen auf. Einigen Protagonisten im Fußball, sagt er, würde "mehr Differenziertheit im Denken" schon nicht schaden. Aber eigentlich habe er auch keine große Lust mehr, irgendwem sein Leben zu erklären.



