Schießen:Die Zehntelmillimeter-Patzer

Tokio 2020 - Schießen

Olympiasieger von 2016, in Tokio knapp am Ziel vorbei: Christian Reitz.

(Foto: Alex Brandon/dpa)

Pistolenschütze Christian Reitz wird zweimal Fünfter. Damit holt der 34-Jährige zwei von fünf Finalplätzen für den Deutschen Schützenbund, der ohne Medaille bleibt. Eine Enttäuschung für den 2016 so erfolgsverwöhnten Verband.

Von Thomas Hahn, Asaka

Christian Reitz erzählt vom Wackeln. Er tut das nicht, um zu rechtfertigen, dass er als einer der Medaillenfavoriten mit der Schnellfeuerpistole bei den Spielen von Tokio Fünfter geworden ist. Sondern weil er danach gefragt wurde. Was meint er, Christian Reitz, der Olympiasieger von 2016, wenn er sagt, er habe sich im Wettkampf zu viele "Wackler" geleistet? Vorhin im Finale auf der Schießsportanlage von Asaka war ihm kein Wackler anzusehen. Er stand in seine Aufgabe vertieft vor den Scheiben, hob konzentriert den Arm, wenn er dran war, gab seine Schüsse ab, immer fünf in schneller Reihenfolge, und zeigte keine Regung, wenn er mal nicht in die Mitte der Scheiben getroffen hatte.

"Wackler", sagt Reitz, "das ist Zehntelmillimeter-Arbeit." Wackeln heißt für ihn, vor dem Auslösen den Druck auf den Abzug mit dem Finger um ein paar Gramm zu viel gelockert zu haben. Oder in der Kürze der Zeit beim Zielen die Kimme um ein paar Zehntelgrad nicht richtig aufs Korn ausgerichtet zu haben. "Wenn wir eine wirklich gute Serie haben, haben wir eine Zehntelsekunde Zeit zum Zielen, und da wollen wir Auslösen, Visierung, alles unter einen Hut bringen", sagt Reitz, "da sind kleine Fehler fast normal. Aber wenn sie zu groß werden, dann rächt sich das."

"Was soll man machen", sagt Reitz, "wenn die anderen besser waren, waren die anderen besser."

Wackeln heißt in der Welt des Pistolenschützen Christian Reitz also, um den Hauch einer Bewegung oder um den Bruchteil eines Augenblicks an der Perfektion vorbeigeschrammt zu sein. Das kann man sich nicht übelnehmen. Deshalb war es durchaus verständlich, dass Christian Reitz nicht zu Tode betrübt war, als er ohne die ersehnte Medaille aus der Finalhalle zurückkehrte. Andere waren an diesem Tag einfach ein bisschen perfekter gewesen als er. Vor allem Jean Quiquampoix, der Goldgewinner aus Frankreich, der bei den acht Serien bis zum Sieg vor Leuris Pupo aus Kuba und Li Yuehong aus China gleich drei Mal die Mitte aller fünf Scheiben getroffen hatte. "Was soll man machen", sagt Christian Reitz, "wenn die anderen besser waren, waren die anderen besser."

Der Sportpolizist Christian Reitz, 34, vom SV Kriftel ist ein Optimist. Er hält grundsätzlich wenig davon, sich zu beschweren. Er mag zum Beispiel auch nicht mitmachen bei den Klagen anderer Sportlerinnen und Sportler über das Olympische Dorf an Tokios Waterfront, weil er sagt: "Ich weiß nicht, was manche für Vorstellungen haben. Das ist ein Olympisches Dorf, kein Fünf-Sterne-Hotel."

Aber was in den tieferen Regionen seiner Seele vorging, hat keiner ahnen können an diesem mittelprächtigen Tag im eigens für die Spiele aufgebauten Schützendorf am Südrand der Präfektur Saitama. Christian Reitz ist der derzeit erfolgreichste und beständigste Schütze, den der Deutsche Schützenbund (DSB) im Feuerwaffenbereich gerade hat. Ein Medaillensammler und ständiger Hoffnungsträger. Das wird man nicht, wenn man das Gewinnen nicht wichtig nimmt. Und er ließ dann ja auch zumindest ein bisschen durchschimmern, dass er sich ärgerte, nachdem er gleich zu Beginn der Spiele in seiner Nebendisziplin Luftpistole auch schon Fünfter geworden war. Zwei fünfte Plätze. "Grundsätzlich nicht verkehrt", sagte Christian Reitz. Aber ein Medaillengewinn war halt das Ziel gewesen. Verdammte Wackler. "Nicht schön."

Zumal der ganze Feuerwaffenbereich des Deutschen Schützenbundes (DSB) damit ohne Medaille blieb. Genauso wie 2012 in London. Die Revanche vier Jahre später glückte dann: drei Mal Gold, einmal Silber bei 15 Quotenplätzen ohne Bogenschützen. Besser ging es kaum, der DSB verdiente sich damit mehr Fördergeld und Anerkennung. Aber fünf Jahre später ist das Niveau wieder anders.

Zugunsten neuer Sportarten hat der Schießsport Startplätze verloren

Weil das Internationale Olympische Komitee mehr neue Sportarten wie 3×3-Basketball oder Sportklettern im Spiele-Programm haben will, hat der Schießsport Startplätze verloren. Auch deshalb umfasste das deutsche Team in Tokio nur noch acht Mitglieder. Aus der Gewehrsparte waren Barbara Engleder und Henri Junghänel nicht mehr dabei, die zwei anderen Golddekorierten von Rio neben Reitz; sie haben ihre Karrieren beendet. Und Empfehlungen von gestern waren natürlich keine Garantie für neue Erfolge: Pistolenschützin Monika Karsch aus Regensburg erreichte nach Platz zwei 2016 in Asaka kein Finale.

Was bleibt, sind fünf Finalplätze, von denen zwei der unverwüstliche Reitz sicherstellte. Sportdirektor Heiner Gabelmann bilanzierte schonungslos: "Es ist auf jeden Fall ein schlechtes Abschneiden."

Immerhin, die Finalistinnen Jolyn Beer (Kleinkaliber Dreistellungskampf), Doreen Vennekamp (25-Meter-Pistole) und Nadine Messerschmidt (Skeet) sind alle erst Mitte zwanzig, also wohl noch mittendrin in ihren Sportkarrieren. Daheim gibt es Talente wie die 19-jährige Gewehrschützin Anna Janßen, von der manche sagen, der DSB hätte sie längst konsequenter an den Erwachsenenbereich heranführen sollen. Sportdirektor Heiner Gabelmann sieht auch durchaus genügend junge Leute an Deutschlands Schießständen, aus denen sich mit guter Nachwuchsarbeit eine neue Gewinner-Generation formen lassen müsste. "Wir haben 1,4 Millionen Mitglieder. 900 000 bis eine Million sind reine Gewehrschützen. 20 Prozent sind unter 18", sagt er.

Und Christian Reitz bleibt dem DSB mindestens bis Olympia in Paris 2024 erhalten. Er sieht keinen Grund, aufzuhören. "War auch nie geplant." Außerdem glaubt er an die Gesetze von Serien. Nach den medaillenlosen London-Spielen kam der Erfolg von Rio. Insofern ist der Misserfolg von Tokio kein schlechtes Omen. "Hoffentlich", sagt Christian Reitz, "kommt in Paris das Glück wieder zu uns."

© SZ/lib/lein
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