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Schiedsrichter Zwayer:2004 nahm Zwayer Schmiergeld an

Die Sequenz der Bilder, die Zwayer vorgespielt wurde, zeigt eindeutig den Moment der Kollision der beiden Spieler; das lässt sich aus der Perspektive einer Fernsehkamera bestimmen, die den Referee am Monitor filmte. Möglicherweise war der Ausschnitt zu kurz, um die Wucht des Tritts zu bestimmen; vielleicht bekam Zwayer auch nur eine Einstellung zu sehen. So lautete die Vermutung des Schiedsrichter-Experten Peter Gagelmann bei Sky, und darauf lässt auch die Aussage Zwayers schließen, die Hasan Salihamidzic, Sportdirektor des FC Bayern, vernahm, als er den Referee nach der Partie zur Boatengs Foulspiel an Martínez befragte: Demnach habe Zwayer nur gesehen, wie Boateng "den Fuß streifte". Zwayer sagte am Montag allerdings im kicker, er sei mit der Bildauswahl zufrieden gewesen.

Allerdings hatte es ein Vorspiel zum Finale gegeben, bei dem Zwayer ebenfalls im Mittelpunkt stand: Im der zweiten Runde des DFB-Pokals zwischen Leipzig und dem FC Bayern verhängte er einen Strafstoß gegen die Münchner nach einem Sensenstritt von Arturo Vidal - nur um sich zu korrigieren und auf Rat seines 30 Meter vom Tatort entfernten Linienrichters den Elfmeter zurückzunehmen. In der Partie im Oktober war der Videobeweis noch nicht zum Einsatz gekommen, aber damals hatte nicht nur Leipzigs Sportdirektor Rangnick Zwayer Vorteilsnahme für die Bayern unterstellt. Wiederholen ließ sich dieser Vorwurf am Samstag zumindest nicht.

Gleichwohl trägt Zwayer immer noch die Hypothek mit sich herum, dass er im Zuge des Hoyzer-Skandals im Mai 2004 Schmiergeld angenommen hat und dafür auch vom DFB verurteilt wurde. Ein absichtlicher Fehler konnte ihm nicht nachgewiesen werden, außerdem war er einer der wichtigsten Zeugen und half dabei, den Fall Hoyzer aufzuklären. Sein Schiedsrichter-Kollege Manuel Gräfe griff Zwayer allerdings aufgrund dieses Sachverhalts scharf an und stellte in Frage, ob einer, der Schmiergeld angenommen habe, Spitzen-Referee in Deutschland werden könne.

Neu entflammt ist davon abgesehen eine Grundsatzdebatte über Wohl und Wehe des Videobeweises in seiner jetzigen Form. Denn so lange den Zuschauern verborgen bleibt, was dem Referee am Monitor zugespielt wird, so lange die Kommunikation zwischen Schiedsrichtern und Kontrolleuren unhörbar bleibt, fehlt es an der Transparenz, die den letzten Zweifler überzeugt. Mats Hummels, nach eigener Aussage "anfangs Befürworter und Verteidiger des Videobeweises", sagte nach dem Pokalfinale: "Wenn er so bleibt wie jetzt, bin ich sogar eher dafür, ihn wieder abzuschaffen." Ähnlich äußerte sich Keeper Sven Ulreich, der eine "Vollkatastrophe" beklagte. Fest steht: Der Videobeweis wird auch im Sommer Dauerthema bleiben.

© SZ vom 22.05.2018/schm
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