Schiedsrichter im Fußball:Erst pfeifen, dann anmaulen lassen

Schiedsrichter im Fußball: Farras Fathi, Schiedsrichter in der Bezirksliga und Assistent in der Bayernliga, kann verstehen, wenn sich manche Kollegen von ihrem Hobby abwenden.

Farras Fathi, Schiedsrichter in der Bezirksliga und Assistent in der Bayernliga, kann verstehen, wenn sich manche Kollegen von ihrem Hobby abwenden.

Die Zahl der aktiven Schiedsrichter ist bundesweit seit Jahren rückläufig. Bei manchen Spielen fehlen schon die Unparteiischen - die Gründe dafür sind vielfältig: von Corona bis zu pöbelnden Eltern.

Von Frederik Kastberg

Das größte Lob für einen Schiedsrichter ist es, wenn nach dem Spiel niemand über ihn spricht, heißt es oft. Schweigen als Zeichen der Anerkennung. Der Schiedsrichter leitet das Spiel, ohne selbst in den Mittelpunkt zu rücken, er oder sie ist auf dem Platz quasi unsichtbar. Doch in den vergangenen Jahren sind die Unparteiischen in Bayern und ganz Deutschland tatsächlich immer unsichtbarer geworden. Immer weniger Menschen wollen Spiele leiten.

6834 aktive Schiedsrichter hat der Bayerische Fußballverband (BFV) in der vergangenen Saison gezählt - vor vier Jahren waren es noch knapp über 10 000. Zwar sind die Zahlen wegen der Pandemie und den damit verbundenen Spielabsagen nur bedingt aussagekräftig, denn weniger Spiele bedeuten schlussendlich auch weniger aktive Schiedsrichter. Doch der Trend in den vergangenen Jahren zeigt eindeutig nach unten, das belegen auch die bundesweiten Zahlen: Zur Heim-WM 2006 gab es beim Deutschen Fußball-Bund noch 81 000 Schiedsrichter, mehr als 15 000 davon beim BFV. In der Saison 2019/20 waren es deutschlandweit genau 30 000 weniger. "Bei uns hören mehr Leute auf, als dass wir neue gewinnen", resümiert Sven Laumer, seit 2018 Mitglied im bayerischen Verbandsschiedsrichterausschuss. "Man muss damit rechnen, dass mehr und mehr Spiele nicht länger mit einem offiziellen Schiri zu besetzen sind, wenn es uns nicht gelingt, die Absprungquote zu verringern und Schiedsrichter langfristig zu binden."

In manchen Regionen ist es schon soweit. In Laumers Heimatkreis Neumarkt/Jura etwa können in den acht B-Klassen nicht mehr alle Spiele mit Schiedsrichtern vom Verband besetzt werden. "Das sehen wir nicht nur hier, sondern auch in anderen Bereichen Bayerns", sagt Laumer, der eigentlich Professor für Wirtschaftsinformatik ist. Auch in den Jugendklassen gebe es immer häufiger Partien ohne einen neutralen Spielleiter. In solchen Fällen müsse jemand vor Ort, in der Regel vom Heimverein, die Pfeife in die Hand nehmen und das Spiel leiten. "Die Erfahrung zeigt, dass die Spieler total froh sind, wenn mal wieder ein geprüfter Schiedsrichter da ist", berichtet Laumer, "weil sie sattelfest sind, was das Regelwerk anbelangt, und mit ihrer souveränen Spielleitung Ruhe in die Partie bringen."

Gewalt gegen Schiedsrichter ist ein Problem - aber nicht das einzige

Die Gründe für diesen Mangel sind vielschichtig. In den Monaten vor der Pandemie sorgten verschiedene Videoaufnahmen von Amateurplätzen, auf denen zu sehen war, wie Schiedsrichter tätlich angegriffen wurden, für Schlagzeilen. An einem Wochenende im Oktober 2019 bestreikten die Schiedsrichter in Berlin sogar einmal den kompletten Amateurfußball, um ein Zeichen gegen die aus ihrer Sicht zunehmende Gewalt zu setzen. In Bayern gebe es nur sehr wenige Fälle von physischer Gewalt gegen Unparteiische, so Laumer. Gleichzeitig betont er, "dass jeder Fall einer zu viel ist, den es auch konsequent zu verhindern gilt. Diese Bilder setzen sich extrem in die Köpfe und schrecken natürlich ab." Durch die sozialen Medien wirke das Problem oft größer, als es eigentlich ist.

Viel schwieriger sei es, die neu ausgebildeten Schiedsrichter über einen längeren Zeitraum zu halten. Laumer spricht von einem "Praxis-Schock", der viele in den ersten zwei Jahren ereilt. Das liege zum einen an falschen Erwartungen, zum anderen aber auch an den verbalen Attacken von Eltern, Spielern und Vereinsverantwortlichen. "Ich muss nicht rausfahren und ein Jugendspiel pfeifen und mich auch noch von den Eltern anmaulen lassen, dass ich den Freistoß für ihr Kind nicht gepfiffen habe", sagt er. "Darauf haben viele zu recht keinen Bock mehr."

Diese Erfahrung teilt auch Farras Fathi. Der 24-jährige Student pfeift selbst in der Bezirksliga und ist Assistent in der Bayernliga. In München bildet er regelmäßig neue Schiedsrichter in sogenannten Neulingskursen des BFV aus. In den ersten ein bis zwei Jahren pfeifen die Neuen in der Regel nur im Jugendbereich, dort seien "definitiv die Eltern das Problem": "Das sind schon Störfaktoren, weil sie fachlich keine Ahnung haben, und das macht es den Schiris sauschwer", sagt Fathi. "Du kannst dich mit deiner eigenen Leistung relativ gut fühlen, aber wenn die Eltern dich dann so blöd angehen, fährst du mit einem ganz anderen Gefühl nach Hause. Die pfeifen teilweise sehr gut und bekommen trotzdem richtig bodenlos Kritik ab." Wer zu Beginn seines Daseins als Regelhüter nur solche Erfahrungen sammelt, widmet sich schnell wieder angenehmeren Dingen des Lebens.

Neue Anreize müssen her - zum Beispiel Ermäßigungen bei der Deutschen Bahn?

Viele junge Schiedsrichter hätten in der fußballfreien Pandemiezeit ohnehin neue Hobbys für sich entdeckt, bevor sie auch nur einmal die Pfeife in der Hand gehabt hätten. Für Fathi ein weiterer Grund dafür, dass auf den Sportplätzen im Freistaat nun neutrale Schiedsrichter fehlen: "Wandern, Klettern und was es sonst noch so gibt. Da fragen sich viele: Warum soll ich meine Wochenenden jetzt immer nur auf dem Platz verbringen?" Die Neulingskurse haben im vergangenen Jahr dennoch stattgefunden, die Resonanz sei sogar ziemlich gut gewesen. Allerdings seien nur 50 bis 60 Prozent derjenigen, die den theoretischen Teil online abgeschlossen haben, auch zum praktischen Teil vor Ort in den Vereinen erschienen, erzählt Fathi. "Und ohne den Praxis-Tag kannst du kein Schiri sein." Immerhin: Laumer zufolge hat der Verband während der Pandemie rund 1000 neue Schiedsrichter ausgebildet.

Trotzdem müssten neue Anreize her - und Fathi hätte da auch schon einige Ideen parat: "Es braucht neue Kooperationen und Partnerschaften, damit dieses Amt wieder attraktiv wird. Wie wär's mit Rabatten bei der Deutschen Bahn? Ermäßigte Eintrittspreise im Zoo oder Prozente in Sportgeschäften?", schlägt er vor. "Man muss ein bisschen kreativ werden. Sonst haben wir ein chronisches Schiedsrichterproblem, das sich über die Jahre nur zuspitzt, weil das Amt immer unattraktiver wird." Ganz so pessimistisch sieht Laumer die Lage nicht, er sei ohnehin "von Natur aus ein Optimist", aber auch er warnt: "Wenn wir uns hinsetzen, Däumchen drehen und nur jammern, wird es sicherlich schlimmer werden."

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