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Schiedsrichter in der Bundesliga:Gebt ihnen Sehhilfen!

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Von den Funktionären im Stich gelassen: Schiedsrichter Markus Schmidt während der vieldiskutierten Partie zwischen dem FC Schalke 04 und Eintracht Frankfurt.

(Foto: AFP)

Die Bundesliga ist zur Lotterie verkommen, zumindest bei der Beurteilung strittiger Handspiele. Dass die Frankfurter Eintracht darunter zuletzt häufig litt, verdient wenig Beileid. Unterstützung benötigen die kritisierten Schiedsrichter - und zwar technische.

Klaus Hoeltzenbein

Die Bundesliga ist zur Lotterie geworden, was sich als besonders unangenehm für die Frankfurter Eintracht erweist. Die Schiedsrichter verteilen neue Glückslose, und die Eintracht zieht nur Nieten. Es könnte sich jetzt also durchaus Mitleid einstellen, angesichts offenkundiger Wettbewerbsnachteile und zunehmender Verstimmung beim Frankfurter Vorstandschef Heribert Bruchhagen: "Ich habe die Nase voll."

Schon am dritten Spieltag, beim 0:1 gegen Augsburg, hatte es ja diese Kommunikationspanne unter den Unparteiischen gegeben. Der Vierte Offizielle entdeckte da einen klaren Elfmeter für die Eintracht - doch als er Meldung beim Haupt-Schiedsrichter machen wollte, war sein Headset kaputt. Anstatt nun "Heribert!", "Nase voll!" oder "Elfmeter!" zu schreien, blieb der Mann stumm - und der Vorfall ungeahndet.

Am vierten Spieltag nun gab es beim 2:2 auf Schalke gleich zwei Elfmeter-Situationen, die falsch und nicht im Sinne der Eintracht interpretiert wurden. Wieder Niete, und dennoch hält sich das Mitleid mit den Frankfurtern eher in Grenzen. Das liegt zuvorderst in der Person Bruchhagens begründet.

Hatte der Konservative unter den Liga-Chefs doch erst zwei Tage vor dem Schalke-Gastspiel bekundet, wie tolerabel es sei, wenn mal wieder was falsch läuft: "Die Strittigkeit der Entscheidungen ist ein sehr wesentliches Tool unserer Sportart." Weil er die Auffassung vertritt, dass all die Rechthaberei (Tor oder nicht Tor?) zur Emotion des Spiels gehört, hat Bruchhagen auch im März opponiert, als die Erst- und Zweitligisten mit 25 von 36 Stimmen die Einführung der Torlinien-Technik ablehnten. Gegen den dringenden Wunsch der Schiedsrichter nach einer Sehhilfe.

Brauchen Schiedsrichter bald die Ausbildung zum Neurologen?

Nun wäre die Torlinien-Technik dem Referee Markus Schmidt in seinen Schalker Streitfällen keine Hilfe gewesen. Nur eine wie auch immer geartete Video-Technik, die den Strafraum ausleuchtet, hätte seine Elfmeter-Urteile absichern können. Da die fehlt, ließ Schmidt fälschlicherweise weiterspielen, obwohl der Schalker Ayhan den Ball mit dem Oberarm ins Aus bugsierte. So entschied er fälschlicherweise auf Elfmeter, als der Ball Frankfurts Medojevic unglücklich an die Hand sprang. Und so wurde dieses 2:2 zu einem verfälschten Resultat.

Beide Fehl-Pfiffe liegen zudem im Trend strittiger Handspiele. Ausgelöst durch eine tiefe Rechtsunsicherheit. Erstes Kriterium für Handspiel ist die "Absicht", dahinter öffnet sich der Raum für Interpretationen. Samt Kauderwelsch: Was ist eine "natürliche Handbewegung"? Was nicht? Braucht der Schiedsrichter bald die Ausbildung zum Neurologen, um eine Grenze zwischen "Absicht" und "Reflex" zu ziehen? Ab wann beginnt die "Vergrößerung der Körperfläche"? Bei einer Spannweite von 1,50m? Das alles treibt sie derzeit an, die Fußball-Lotterie. Wer die Nase voll hat davon, muss den Schiedsrichtern helfen, wenn sie mal um eine Sehhilfe bitten.

© SZ vom 22.09.2014

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