Süddeutsche Zeitung

Schiedsrichter:Das Heimfahrt-Rätsel

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Felix Brych gilt als einer der weltbesten Referees - offiziell unbegründet ist bislang, warum er nur ein WM-Spiel leiten durfte.

Von Johannes Aumüller, Moskau

In der Regel dürften Schiedsrichter gewisse Sympathien für die Nationalmannschaft des Landes empfinden, aus dem sie kommen. Aber wenn ein Team bei einem Turnier nicht (mehr) dabei ist, gehören sie zu denjenigen, die diesem Aus auch etwas Positives abgewinnen können. Denn dann steigen die Chancen, dass sie selbst wichtige Partien leiten dürfen. So erschien es in diesem Jahr also vorstellbar, dass der Münchner Felix Brych, gemeinhin als bester deutscher Referee angesehen und als einziger Deutscher bei dieser WM als Schiedsrichter im Einsatz, vielleicht ein Halbfinale oder sogar das Endspiel bekommt. Aber daraus wird nichts. Eine Woche nach der Löw-Elf musste auch Brych abreisen, nach einem einzigen Einsatz. Und es stellt sich die Frage: Warum?

Es ist eine Entscheidung mit vielen Fragezeichen. Der Weltverband Fifa will sich zu den Gründen nicht äußern. Aber im Kern gibt es zwei Erklärungsstränge.

Der eine führt geradewegs zu jener Schlüsselszene in Brychs einzigem WM-Einsatz, diesem schwer zu leitenden, weil politisch aufgeladenen Gruppenspiel zwischen Serbien und der Schweiz. Eigentlich pfiff Brych gut, aber in der 66. Minute kam der Ball in den Schweizer Strafraum, dort beharkten sich die Abwehrspieler Stephan Lichtsteiner und Fabian Schär mit Aleksandar Mitrovic. Der Serbe fuhr durchaus seinen Arm aus, aber die Schweizer rangen und klammerten ihn zu Boden. Brych pfiff, aber er entschied auf Stürmerfoul, und nicht nur die Serben, sondern auch alle Beobachter waren entsetzt. Dies war nach Expertenmeinung ein klarer Fehler, es hätte Elfmeter für Serbien geben müssen.

"Offensichtlich wurde Felix' schwierige und strittige Elfmeter-Entscheidung (...) von der Fifa als so schwerwiegend bewertet, dass es keine weiteren Ansetzungen mehr für ihn gab", sagt der zuständige DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann. Es klingt zwar im Grundsatz nachvollziehbar, einen Schiedsrichter wegen eines Fehlers nicht mehr einzusetzen, zumal, wenn andere Referees überzeugen. Aber eine klare Linie ist bei der Fifa diesbezüglich nicht erkennbar. Und die zentrale Frage ist, inwieweit der Fehler Brych überhaupt anzulasten ist - oder ob er nicht eher beim Video-Assistenten (VAR) liegt. Das war im Spiel ebenfalls ein Deutscher, Felix Zwayer aus Berlin. Der kommt bei der WM nicht auf dem Rasen zum Einsatz, sondern nur als Video-Assistent - und darf auch nach Brychs Aus in dieser Funktion weitermachen.

Der frühere Schweizer Spitzen-Schiedsrichter Urs Meier beurteilt die Situation so: Er könne nachvollziehen, dass Brych die Entstehung des Fouls nicht genau gesehen habe, weil er auf die Flanke von außen schaute. Aber der Video-Assistent hätte eingreifen müssen. "Genau dafür ist der Videoassistent da - dass er den Schiedsrichter retten kann! Aber in diesem Fall ist der Airbag nicht aufgegangen", sagte er der SZ.

Es ist für die Bewertung dieser Szene entscheidend, ob und falls ja welchen Kontakt es gab zwischen Zwayer und Brych. Die Fifa hatte vor dem Turnier große Transparenz in Sachen Video-Assistent gelobt, aber eine konkrete Anfrage dazu beantwortet sie nicht. Der DFB wiederum verweist auf Anfrage auf die Fifa. Aus den Fernsehbildern geht indes nicht hervor, dass es Kontakt zwischen den Referees gab.

So oder so, diese Konstellation war heikel. Denn vor Beginn der vergangenen Saison hatte der deutsche Spitzenschiedsrichter Manuel Gräfe mächtig gegen DFB-Schiedsrichter-Funktionäre ausgeteilt und dabei nicht zuletzt den Aufstieg Zwayers kritisiert. Im folgenden Krach nahm Brych als eine Art Klassensprecher an der Seite von Gräfe an verschiedenen Krisenrunden teil. Da stellt sich nun die Frage, ob es grundsätzlich klug ist, Zwayer und Brych in einem Verbund einzusetzen.

Vor diesem Hintergrund gibt es aber auch die Diskussion, ob es tatsächlich (nur) an dem Fehler lag, dass Brych nach dem Serbien-Spiel gar nicht mehr zum Einsatz kam und nun abreisen musste - oder ob doch andere Dinge mit hineinspielen. Das Schiedsrichterwesen ist geprägt von intensiven sportpolitischen Vorgängen. Viele Funktionäre und Nationen kämpfen um Einfluss, und es gibt zahlreiche Interessenskonflikte, was allein die Tatsache belegt, dass der Italiener Pierluigi Collina zugleich Schiedsrichter-Chef des Weltverbandes Fifa sowie der Europa-Union Uefa ist.

Da gibt es für Entscheidungen bisweilen andere Gründe als die konkrete Leistung. Vieles lässt sich ja subtil steuern, etwa, ob ein Schiedsrichter zum Auftakt ein eher schwer zu leitendes Spiel bekommt - oder ein zwar gut klingendes, aber eher einfach zu leitendes. Zugleich gehört Serbien zu den Nationen, die im Schiedsrichterwesen als einflussreich gelten. So verwundert es Beobachter, dass ihr Vertreter Miorad Mazic trotz diverser Fehler in den vergangenen Jahren immer noch viele Nominierungen bekommt und nun ein WM-Viertelfinale (Brasilien - Belgien) leiten darf. Und nach dem Fehler in Brychs Spiel gab es ja einen serbischen Sturm der Entrüstung, gipfelnd in der von der Fifa erstaunlich milde sanktionierten Äußerung von Cheftrainer Mladen Krstajic ("Kriegsverbrecher").

Daneben berichtete die Bild von einem anderen möglichen Motiv, nämlich einem Verdruss unter Fifa-Funktionären über das Benehmen der deutschen Delegation. Dabei soll es sich unter anderem um Sonderwünsche für zusätzliche Spiel-Akkreditierungen und besondere Shuttle-Anfragen gehandelt haben. So etwas kommt bei großen Turnieren vor. Der DFB will dazu nichts sagen.

Brych selbst äußerte sich bisher nur knapp. "Der Verlauf der WM ist für mich und mein Team natürlich eine herbe Enttäuschung. Aber das Leben geht weiter, und wir kommen wieder", sagte er. Sein Ziel ist es, bei der EM 2020 noch einmal zu pfeifen. Nur ist es halt schwer vorstellbar, dass Deutschland dort wieder so früh ausscheidet.

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Quelle:
SZ vom 06.07.2018
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