Viele große Bundesliga-Torjäger, ob nun Gerd oder Dieter Müller, Klaus Fischer, Horst Hrubesch oder Harry Kane, sind erstaunlich stille, ja fast schüchterne Kerle. Natürlich gibt es Ausnahmen wie Ailton: flamboyante Artisten, denen man Zirkusnummern auch ohne Netz zutraute. Die erstgenannten Spieler aber ließen (oder lassen) lieber Tore für sich sprechen und schweigen, wenn der Trainer nicht auf ihre Dienste zählt. Insofern hatte es fast schon aufrührerische Dimensionen, als Torjäger Patrik Schick am Samstag in die Mikros sprach: „Vier Chancen, drei Tore“, sagte der eher schüchterne Tscheche mit den dünnen Armen nach dem Ende des spektakulären Nachmittags, an dem Bayer Leverkusen mal wieder eine Aufführung am ungeschützten Trapez zeigte. Schick suchte nun nach den passenden Worten, oder aber er ließ den Interviewer selbst Chancen durch Treffer dividieren, bevor er sagte: „Das war heute gut.“
Schick ist zu melancholisch, um darauf hinzuweisen, dass die unbefriedigende Quote von herausgespielten und genutzten Torchancen einer der Hauptgründe dafür war, dass der Titelverteidiger deutlich zu wenig Punkte gesammelt hat (20 statt 31 in der Meistersaison) – und dass das nicht seine Schuld ist. Nein, das hat eher schon mit Victor Boniface zu tun, dem schillernden Mittelstürmer, der an guten Tagen nicht bloß Tore erzielt, sondern die Bälle halten und verteilen kann, während Schick schon manchmal wie ein Fremdkörper wirken kann, dem die Kugel verspringt.
Nicht so am Samstag gegen Heidenheim, da verbesserte Schick seine persönliche Ausbeute auf vier Tore aus drei Startelf-Einsätzen (Boniface: sechs aus neun). Der 28-Jährige war bemüht, für das Team zu ackern, das hatte seinem Trainer besonders gefallen. Xabi Alonso weiß, dass er das Ego von Schick weiter streicheln und umschmeicheln muss, damit dieser Boniface ersetzen und vielleicht sogar vergessen lassen kann. Schick hat dafür schon Trips zur Nationalelf storniert, während sein nigerianischer Kollege/Rivale von Alonso öffentlich einen raren Rüffel kassierte: Boniface habe auf seiner Reise mit Nigerias Auswahl gegen Ruanda „etwas in der Muskulatur gespürt“ und trotzdem fast eine halbe Stunde weitergespielt, „das war vielleicht etwas, was er nicht hätte tun sollen“. Im Bayer-Lazarett, das täglich größer wird (Terrier erlitt eine Unterarmfraktur, Hofmann eine Muskelverletzung, Frimpong schied angeschlagen noch vor der Pause aus), ist nun auch der 23-jährige Boniface erst mal wochenlang Stammgast.
Doch wie es im Fußball so ist: Des einen Leid ist des anderen Chance, und Schick nutzte sie mit links (32., zum 2:2), mit rechts (52., zum 3:2) sowie per Kopf (71., zum 4:2). „In der Box ist er eine Macht“, lobte Kapitän Granit Xhaka, „er braucht nicht allzu viele Chancen. Er hatte sehr viel Geduld an den Tag legen müssen, doch Geduld zahlt sich aus, wenn man nicht aufgibt.“ Das 5:2 (2:2) gegen den 1. FC Heidenheim war so oder so ein Mittelstürmerspiel, wobei der freche, kleine Gegner des Meisters viel mehr über das Schicksal seines Stürmers hadern musste. Marvin Pieringer stahl zunächst dem Bayer-Verteidiger Piero Hincapie den Ball vor dem 0:1 (10.), er prüfte kurz danach Bayer-Keeper Lukas Hradecky und hielt die Deckung von Leverkusen in Alarmstimmung, weil der Meister anfangs hinten wie so oft in dieser Saison unsicher wirkte. Zu viele Patzer und Gegentore (18 im Vergleich zu den elf der Vorsaison) sind ja der zweite Grund für die schwache Punkteausbeute von Bayer 04, perfekt nachgestellt von Jonathan Tah und Xhaka, die sich vor dem 0:2 (21.) durch ein dreistes Powerdribbling von Mathias Honsak verladen ließen.
Xhaka trifft gegen Heidenheim und verkündet baldigen Nachwuchs
Dann aber musste Pieringer verletzt raus (28.), „das hat unserem Spiel nicht gutgetan“, sagte Gästetrainer Frank Schmidt. Er wusste, dass dies die Untertreibung dieses Nachmittags war, denn in der dreiminütigen Spielpause ging der Rhythmus der Gäste flöten; beim Meister hingegen nahmen die Achsenspieler Tah, Xhaka und Wirtz den Dienst auf, und ganz vorne fanden sie Schick. Der Rest ist bekannt, auch wenn es noch drei nennenswerte Details gab. Erstens erhielt nicht Schick den begehrten „Gerd-Müller-Drehung-auf-dem-Bierdeckel“-Preis, sondern Exequiel Palacios, der sein wegweisendes 1:2 durch eine brillante Ballannahme nach Xhakas Tempopass ermöglichte (30.). Der Schweizer Taktgeber wiederum offenbarte durch seinen Jubel nach dem herrlichen Fernschusstor zum 5:2-Endstand (81.), dass im Hause Xhaka bald Nachwuchs erwartet wird: „Meine Frau hat am Morgen schon gefragt, wann ich endlich treffe, dass wir das verkünden können.“
Trotzdem hatte ganz Heidenheim recht, als beklagt wurde, dass der eingewechselte Sirlord Conteh das ganze Match noch einmal hätte kippen können – hätte er nach feinem Zuspiel die erste Chance der Gäste seit der 21. Minute genutzt. Doch Conteh ist eben kein Schick, und ehe er schießen konnte (71.), war die Gelegenheit verloren. Autor der gewagt-gekonnten Grätsche, die ein 3:3 verhinderte, war übrigens Bayer-Verteidiger Hincapie, der diesen wilden Kick eingeleitet hatte, ehe Patrik Schick übernahm.

