Frank Baumann kam des Weges, sah – und sagte kein Wort. Nicht mal guten Abend. Ein kurzes Nicken in Richtung der Berichterstatter genügte ihm, und diese machten sich auch gar nicht mehr die Mühe, ihn um einen Kommentar zum Spiel zu bitten. Dass Schalkes Sportvorstand wie üblich die Gelegenheit ausließ, vor die Kameras zu treten, folgt seinem geringen Interesse an persönlicher Publicity und festigt zugleich sein Renommee des stillen Machers. Als nächstes Kapitel einer von Baumann heimlich inszenierten Erfolgsgeschichte sprach das 1:0 gegen Darmstadt 98 ohnehin für sich. Den Tabellenführer Schalke 04 lässt der Sieg zumindest für die Dauer eines Wochenendes als den FC Bayern der zweiten Liga erscheinen.
Die zweite deutsche Liga hat sich in den vergangenen Jahren einerseits zum Treffpunkt der Traditionsadressen und andererseits zu einem Ort von Willkür und Gesetzlosigkeit entwickelt. Stabile Erfolgsserien sind dort nicht vorgesehen, die Schalker sind gerade aber im Begriff den Trend zu widerlegen. Ob vorübergehend oder dauerhaft, vielleicht sogar, indem sie im kommenden Sommer Adieu sagen zur Zweitklassigkeit, das steht noch zur Debatte. Frank Baumann und andere Verantwortliche reden klugerweise nicht über eine mögliche Beförderung in die erste Liga, sie werden aber, wenn die Tendenz anhält, zur Jahreswende um ein gewisses Bekenntnis nicht herumkommen. Ein Aufstieg war im Sommer weder geplant noch angestrebt worden, die Chance dürfte man aber sicherlich nicht auslassen und müsste sie dann mit Investitionen ins Team unterstützen. Aus dem aktuellen Überraschungserfolg würde dann eine Verpflichtung entstehen.
Einstweilen bewegt sich Schalke noch zwischen den traditionellen Extremen. Das frühere Kluboberhaupt Clemens Tönnnies formulierte sie beispielhaft, als er kürzlich in einem ZDF-Beitrag davor warnte, von der Champions League zu träumen – und zugleich einen Vergleich mit den ruhmreichen „Eurofightern“ von 1997 zog. Die Fakten erlauben allerdings historische Bezüge: Fünfmal haben die Schalker zuletzt hintereinander gewonnen, am nächsten Spieltag könnten sie den Vereinsrekord einstellen, den Cheftrainer Ralf „Professor“ Rangnick 2004 ins Geschichtsbuch schrieb.
Damals standen Marcelo Bordon, Mladen Krstajic und Tomasz Waldoch im Zentrum einer schlagkräftigen Verteidigungsreihe, einige jener hochkarätigen Profis, die Manager Rudi Assauer für viel Geld bei zornigen Konkurrenten wie Werder Bremen und VfB Stuttgart abgeworben hatte. Heute heißen die Männer, die mit italienischer Effizienz und Gründlichkeit Schalkes Deckung betreiben, Hasan Kurucay und Nikola Katic. Sie stammen vom internationalen Gebrauchtprofimarkt, wo sie zuletzt wenig Nachfrage erzeugt haben. Was den wenig zahlungskräftigen Schalkern entgegenkam.
Die Schalker Abwehrarbeit mutet nahezu sozialistisch an
Kurucay war im Sommer drei Monate stellungslos geblieben, nachdem ihn der OH Leuven – der in Belgiens erster Liga unter vielen kleinen Klubs noch etwas kleiner ist – nicht mehr hatte weiterbeschäftigen wollen. Katic kam vom FC Zürich, der schon in der vorigen Saison keine Verwendung für ihn gefunden und in die zweite englische Liga verliehen hatte. Sieht man Kurucay und Katic nun bei der Arbeit zu, fragt man sich, ob sie vielleicht für den goldenen Ball kandidieren wollen. Fünf Gegentore hat Schalke in zehn Spielen kassiert, und das liegt natürlich nicht nur an den beiden 28-jährigen Abwehrspezialisten, aber durchaus auch an ihren persönlichen Qualitäten. Kopfballstärke zeichnet beide aus, Ruhe am Ball, Stellungsspiel, intelligente Vorwärtsverteidigung, die nötige Härte sowieso.
Dass die normalerweise angriffslustigen Darmstädter am Freitagabend in der 75. Minute zum ersten Mal einen Ball in die Richtung des Schalker Tores abfeuerten, beruhte allerdings zuvorderst auf der sozialistisch anmutenden Schalker Abwehrarbeit. Sie gründet auf der eifernden Beteiligung ausnahmslos aller Akteure, einschließlich des vordersten Angreifers Moussa Sylla, 25, dem es bisher in der Karriere genügt hatte, Torjäger zu sein. Am Freitag erzielte Sylla sein viertes Saisontor, am Schluss war er aber so platt, dass er vor Erschöpfung am Ball vorbeitrat. Womit er nicht der einzige in einem komplett erschöpften Team war. „Die Beine waren sehr schwer“, seufzte Kapitän Kenan Karaman, „die Fans haben geholfen, die letzten Körner rauszuholen.“ Am Mittwoch steht im DFB-Pokal das Wiedersehen mit Darmstadt an.
In der kollektiven Verausgabung bestätigt sich das Programm des Trainers Miron Muslic, dem Bild eine entsetzte Schlagzeile gewidmet hatte, als im Mai das Engagement des aus Bosien stammenden Österreichers bekannt wurde. Sie lautete „Schalke verpflichtet völlig unbekannten Trainer!“ und war keine Übertreibung. Inzwischen beschäftigen sich die Spekulationen zwar eher mit dem Thema, wie lang der Klub diesen Trainer noch zu halten vermag, und viele Fans schwärmen von der „Aura“ des 43-jährigen, als ob er kein Fußballlehrer, sondern ein Prediger wäre. Doch die Art, wie Muslic mit einer Mischung aus Autorität und Herzlichkeit die Prinzipien seiner fußballerischen Lehre verwirklicht – „Struktur, Organisation und vor allem Intensität“ –, ist sichtlich aufreibend und zehrend.
Wie weit reicht der Atem? Und wie verkraftet das Team eventuelle Rückschläge? Das sind Fragen, die sich Miron Muslic ausdrücklich nicht stellt, wie er am Freitagabend lächelnd versicherte: „Jetzt muss ich mir schon über unsere Serie Sorgen machen?“, erwiderte er amüsiert, und da werden ihm die Schalker Anhänger sicherlich beipflichten. Sie haben in den vergangenen Jahren an ganz anderen Sorgen gelitten.


