FC Schalke 04:Turbulenzen um Rangnick

Gelsenkirchen Germany 23 04 2017 1 Bundesliga 30 Spieltag FC Schalke 04 RB Leipzig Ralf Rang; Rangnick

Gibt es eine Rückkehr? Ralf Rangnick, hier beim Gastspiel von RB Leipzig auf Schalke.

(Foto: Alex Gottschalk/DeFodi.de; imago/imago/DeFodi)

Zahlreiche Schalker Anhänger sehen in einer Verpflichtung von Ralf Rangnick als Sportvorstand die mögliche Rettung. Doch im Klub regt sich auch Widerstand.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Die Schalker Spieler, die am Samstagabend erschöpft von ihrem Ausflug zum 0:5 verlorenen Ligamatch in Wolfsburg zurückkehrten, wurden zu Hause in Gelsenkirchen von Protestbekundungen empfangen. Allerdings waren auf den Bannern, die wütende Fans an Zäunen auf dem Vereinsgelände angebracht hatten, keine Beschwerden über das Versagen der Profis oder die demütigende Niederlage festgehalten, sondern Sätze, die den Fußballern kryptisch vorkommen mussten: "Dr. Buchta, wessen Interessen werden vertreten?" lautete eine Aufschrift.

Vermutlich wird es nicht viele Angehörige des aktuellen Lizenzspieler-Kaders geben, die mit dieser Botschaft etwas anfangen konnten. Doktor Jens Buchta, seines Zeichens Rechtsanwalt mit Kanzlei in Düsseldorf, steht dem Schalker Aufsichtsrat vor, und dieser war am Wochenende in den Augen des königsblauen Publikums die weitaus wichtigere Mannschaft als das Team, das in Wolfsburg unterging. Die 0:5-Niederlage, die mit nahezu wissenschaftlicher Gewissheit den Abstieg in die zweite Liga besiegelte, geriet zur Nebensache. Die Welt der Knappen schien sich stattdessen mehr oder weniger exklusiv um die Frage zu drehen, ob Ralf Rangnick tatsächlich nach Gelsenkirchen zurückkehren könnte.

Rangnick sei "bereit" für die Schalke-Rückkehr, heißt es auch aus seinem Umfeld

Eine Gruppe von Schalke-Freunden mit Verbindungen in den Verein und zu Finanzpartnern des Klubs hatte in Gesprächen mit dem 62 Jahre alten Ex-Trainer die Möglichkeit einer Zusammenarbeit ausgelotet und von ihm positive Signale empfangen. Rangnick sei "bereit", versichert nicht nur die Initiative. Auch sein Umfeld dementiert diese Botschaft nicht. Der Schalker Aufsichtsrat, dem das Thema am Freitagabend angetragen wurde, reagierte allerdings weniger begeistert als die Fans, die in Rangnick große Hoffnungen projizieren.

"Pro Neuanfang - Pro Rangnick" hieß es auf einem weiteren Protestplakat, und wenn auch diese von Aktivisten bepinselten Banner mit Vorsicht zu werten sind, so lässt sich diesmal der repräsentative Charakter kaum bezweifeln. Bis Sonntagnachmittag hatten sich annähernd 30 000 Menschen einer Pro-Rangnick-Petition angeschlossen. Der schwäbische Experte wurde zuletzt zwar in Fankreisen durchaus kritisch gesehen, weil er in Leipzig und Hoffenheim Projekte verwirklicht hatte, die mit den Idealen der Anhänger eines Traditionsvereins wenig zu tun haben. Aber das ist vergeben und vergessen: Die Gemeinde würde ihn herzlich willkommen heißen. Womöglich würde ihn das Willkommen sogar erdrücken, denn es ist klar, dass er mindestens im Rang des Retters gesehen wird.

Tönnies soll nicht hinter der Rangnick-Allianz stecken - der Kandidat Krösche sagt ab

Im Aufsichtsrat empfing der Überbringer der frohen Botschaft, Professor Stefan Gesenhues, dennoch Widerstand und Einsprüche. Tenor: Man könne einer nichtlegitimierten auswärtigen Gruppe nicht erlauben, Vereinspolitik zu machen - zumal unter Einsatz einer Druck erzeugenden Pressekampagne. Die synchron lancierten Vorabmeldungen hätten die Wirkung einer "medialen Bombe" gehabt, heißt es. Eine ihrer Folgen: Markus Krösche erklärte am Sonntag, Sportchef bei RB Leipzig bleiben zu wollen. Der 40-Jährige war der Kandidat einer Auswahl-Kommission um den Aufsichtsratschef Buchta und offenbar kurz davor, sich dem FC Schalke anzuschließen. Die Turbulenzen in Gelsenkirchen haben ihn überzeugt, davon Abstand zu nehmen.

Ausdrücklich wird im Verein betont, dass Schalke gern bereit wäre, sofort in Gespräche mit Rangnick oder seinem Berater einzutreten - laut Kicker soll das schon diesen Montag passieren. Seine Kompetenz wird nicht in Zweifel gezogen. Allerdings fragt man sich, ob Rangnick wirklich weiß, worauf er sich bei einem dritten Engagement in Gelsenkirchen einließe. Zumal es für den eingetragenen Verein Schalke nicht so einfach wäre, auswärtiges Geld in den Kreislauf des Profibetriebes einzubringen. Spenden könne der e. V. nicht annehmen, um damit Profis für die zweite Liga anzuschaffen, heißt es zum Beispiel.

VfL Wolfsburg - FC Schalke 04

Aktueller Trainer auf Schalke: Dimitrios Grammozis.

(Foto: Swen Pförtner/dpa)

Auch unter den Fans werden hier und da misstrauische Fragen gestellt. Ob zum Beispiel nicht doch Clemens Tönnies hinter der Allianz der Unterstützer stecken könnte? Das ehemalige Vereinsoberhaupt hat sich zwar im vorigen Sommer zurückgezogen und neulich erst wieder bekräftigt, er sei "durch mit Schalke", nachdem man sein Angebot auf Finanzhilfe abgewiesen hatte - aber weiß man's? Die Initiative jedenfalls weiß, dass Tönnies "nicht vermittelbar" wäre und versichert, er sei nicht mit im Bunde.

Im Aufsichtsrat wird aber auch gemutmaßt, die ominöse Gruppe wolle einen Umsturz herbeiführen und den Verein umgehend in eine Aktiengesellschaft verwandeln, womöglich unter Beteiligung von künftigen Investoren. Die Gegenseite versichert jedoch, von Anlegern, die Schalke in Besitz nehmen wollten, könne keine Rede sein.

Satzungsrechtlich wäre das vorerst ohnehin nicht möglich. Schalke wird so lang ein e. V. bleiben, bis drei Viertel der 150 000 Mitglieder etwas anderes beschließen. Was bei der nächsten Vollversammlung im Juni dieses Jahres nicht geschehen kann.

Wohin die "Operation Rangnick" steuert, das ist einstweilen noch vollkommen ungewiss. Der Verein ist alarmiert auf allen Ebenen. Der kürzlich auch für den Zweitligabetrieb engagierte Trainer Dimitrios Grammozis hielt sich daher nach dem 0:5 in Wolfsburg mit Kommentierungen klugerweise zurück. Er weiß ja nicht, ob Rangnick demnächst sein Chef sein wird. Oder ob er womöglich für ihn Platz machen muss auf der Trainerbank. Rangnick ist ja nicht nur ein erfolgreicher Projektmanager, sondern auch als Coach ein anerkannter Aufstiegsspezialist.

© SZ/mok/cca
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