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FC Schalke 04:Kommt Nübel zurück ins Schalker Tor?

FC Schalke 04: Die Torhüter Markus Schubert und Alexander Nübel

Markus Schubert agiert in den vergangenen Spielen nicht glücklich bei Schalke 04.

(Foto: Martin Meissner/Pool via Getty I)

Die Königsblauen sind in der Rückrundentabelle Letzter und die Debatte um Trainer David Wagner nimmt an Dynamik zu. Um der Mannschaft mehr Sicherheit zu geben, könnte der vierte Torwarttausch der Saison anstehen.

Seit Ende Februar hat Alexander Nübel, 23, nicht mehr bei einem Bundesligaspiel im Tor gestanden. Durch sein unerhörtes Missgeschick beim 0:3 in Köln hatte er sich quasi selbst auf die Ersatzbank befördert. Damit schien beschlossen und verkündet zu sein, dass Nübels letzter Beitrag im Dienst des FC Schalke 04 ein Eigentor war, und daraus ergibt sich dann auch eine platte, aber passende Metapher für die generelle Situation des jungen Torwarts. Dass Nübels Entscheidung, zum FC Bayern zu wechseln, ebenfalls einem Eigentor gleicht, ist ein Gemeinplatz, an dem sich die ganze Fußballnation immer wieder gern versammelt. Erst in dieser Woche bekam es der Torwart von einigen Alt-Internationalen schriftlich: Nübel sei durch den Umzug nach München im Begriff, "der große Verlierer" zu werden, hat Toni Schumacher befunden, während Stefan Effenberg warnte, dieser Arbeitsplatzwechsel könne "die Karriere kosten".

Aber womöglich nimmt diese Karriere erst mal die nächste unvermutete Wendung, denn die Geschichte von Schalke 04 und Alexander Nübel scheint immer noch nicht zu Ende erzählt zu sein. Das liegt weniger an ihm als an seinem Kollegen Markus Schubert, der bei Schalkes 1:2-Niederlage gegen Fortuna Düsseldorf nicht zum ersten Mal eine unglückliche Figur abgab. Sein unseliges Eingreifen fügte der nicht mehr nur besorgniserregenden, sondern bestürzenden sportlichen Krise der Knappen ein weiteres Kapitel hinzu.

Rund eine Stunde hatten die Schalker durch vorsätzlich anspruchslose, aber effektive Spielweise die Düsseldorfer unter Kontrolle gehalten und sich durch Weston McKennies Treffer die 1:0-Führung verdient. Doch dann trat Schubert in Aktion und leistete die Vorarbeit zu Rouwen Hennings' Ausgleich. Typisch war, dass Schubert in einem einzigen Augenblick das Richtige und Falsche zugleich tat: Er schaffte es, den platzierten Schuss von Kaan Ayhan aufzuhalten, aber er schaffte es nicht, den Ball aus der Gefahrenzone zu entfernen. Er wehrte ihn geradewegs nach vorn ab, wo Hennings nach guter Mittelstürmerart zur Stelle war.

An dieser Szene, die zum Wendepunkt des Spiels geriet, war nicht nur Schubert beteiligt. Komplett wird das Bild des schaurigen Vorgangs erst durch das überflüssige Foul von Alessandro Schöpf, das zu Ayhans Freistoß führte, und durch das bedenklich friedfertige Verhalten des Verteidigers Matija Nastasic im Zweikampf mit Hennings. Schubert konnte auch nichts dafür, dass Trainer David Wagner erst bei Anbrechen der Schlussviertelstunde von seinen Wechselmöglichkeiten Gebrauch machte, und dass dem Coach erst fünf Minuten vor Schluss einfiel, dass er ja auch noch den schnellen, unerschrockenen Draufgänger Jean-Clair Todibo einsetzen könne.

Todibo hätte der hilflosen Aufholjagd längst vorher gutgetan, zumal Verteidiger Ozan Kabak zwar eine Stunde lang der beste Schalker, in der letzten halben Stunde aber auch der müdeste Schalker war. Und warum Juan Miranda, wie Todibo Leihgabe des FC Barcelona und ein anerkanntes spanisches Nationalspielertalent, wieder 90 Minuten draußen blieb? Wagner gab darauf nach dem Spiel keine Antwort. Es hatte ihn aber auch niemand gefragt.

Wagner steht zu seinem umstrittenen System

Zur Rede stehen stattdessen nun die elementaren Fragen, etwa Wagners nahezu kompletter Verzicht auf ein eigenes Offensivspiel, dessen Mutwilligkeit er unter anderem dadurch belegte, dass er dem chronisch torlosen Stürmer Guido Burgstaller den Vorzug gab. Der Trainer erklärte, er habe "die einzig richtige und einzig mögliche Spielweise gewählt". Mit diesem Eingeständnis von strategischer Ohnmacht war dann auch alles gesagt. Logisch, dass Wagner nicht mehr von Kritik verschont bleibt.

Die Debatte in Gelsenkirchen erstreckt sich somit auf größere Gebiete als den Torraum. Nach zehn sieglosen Spielen geht es um die Verantwortung für den sportlichen Niedergang. Die Vereinsführung um Sportvorstand Jochen Schneider versucht, Wagner zu schützen und zu stützen, aber es ist auch allen Beteiligten klar, dass da eine unheilvolle und möglicherweise umstürzende Dynamik in Gang gekommen ist. Eine Niederlage gegen Bremen am Samstag, eine weitere am folgenden Wochenende in Berlin - mit solchen Gedankenspielen muss man sich in Gelsenkirchen nun tatsächlich beschäftigen, denn keine Mannschaft steht in der Rückrunde schlechter da als Schalke. "Es ist nicht richtig, es allein am Trainer festzumachen - wir alle müssen die Dinge besser machen", sagte Schneider am Mittwochabend tapfer.

Am Tag darauf präzisierte er sogar seinen Beistand: "Wir werden gemeinsam mit David Wagner zur neuen Saison den roten Faden wieder aufnehmen", versicherte Schneider, "und da weitermachen, wo wir im Januar, Februar unterbrochen wurden."

Ob Wagner diese Phase in der Tat übersteht, wird auch von seinem Mut abhängen, Entscheidungen zu treffen und Änderungen herzustellen. Wenn er jetzt Schubert aus dem Tor nähme und Nübel hineinstellte, dann würde das öffentliches Aufsehen und Gerede auslösen, aber seiner Mannschaft würde er damit wahrscheinlich ein Stück Vertrauen in den letzten Mann zurückgeben. Schubert, der sogar noch jünger aussieht, als er in Wahrheit ist (21 Jahre), ist ein Verbleib im Schalker Krisen-Tor kaum zu wünschen. Auch seine Karriere beginnt, in Gefahr zu geraten.

Ein weiterer Torwarttausch, der vierte der Spielzeit 2019/20, wäre sowohl eine logische Maßnahme als auch eine Pointe dieser verwirrenden Saison, in der Schalke erst monatelang ein Champions-League-Team simulierte, um anschließend monatelang einen Absteiger zu mimen. Nübel würde bei einer Befragung des Publikums vermutlich nicht auf den ersten Rängen der Beliebtheitsliste landen. Aber die Fans, die ihn vor drei Monaten beim vermeintlichen Abschiedsspiel in Köln verhöhnt hatten, die bräuchte er unter den herrschenden Bedingungen nicht zu fürchten.

© SZ vom 29.05.2020/schm
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