Süddeutsche Zeitung

Schalke in der Champions League:Chelsea geknackt, Rätsel ungelöst

Schalke 04 hat gegen Chelsea nur eine Not-Defensive zur Verfügung, doch ausgerechnet die ist der Rückhalt des Teams. Ausgelassen jubelt der Verein über das Unentschieden zum Champions-League-Auftakt. Warum nur klappt es in der Bundesliga nicht genauso gut?

Von Andreas Morbach, London

Kaan Ayhan hatte schon auf dem Spielfeld eine gute Figur abgegeben. Nach dem beachtlichen 1:1 der Schalker zum Champions-League-Auftakt gegen den FC Chelsea offenbarte der 19-Jährige nun zusätzlich seine gute Kinderstube. "Sorry for my English", entschuldigte er sich bei den britischen Journalisten höflich. Dann machte Ayhan kehrt und ging, immer entlang der Seitenauslinie, auf den Stadionausgang zu.

Klaas-Jan Huntelaar hatte noch nicht Feieraband. Der niederländische Stümer beschäftigt sich in diesen Wochen besonders intensiv mit dem Innenleben von Schalke. Vor vier Tagen, nach dem peinlichen 1:4 in Gladbach, hatte er bereits mächtig Alarm geschlagen. Und auch das positive Resultat an der Stamford Bridge beurteilte er nun wohltuend sachlich, obwohl er es war, der das frühe Führungstor der Londoner durch Cesc Fabregas nach einer Stunde egalisiert hatte.

"Auch heute war nicht alles gut, aber diesmal sind wir im Spiel geblieben", dankte der 31-Jährige den Gastgebern für ihre vielen ausgelassenen Torchancen. "Wir dürfen jetzt nicht abwarten, wie's weitergeht", forderte Huntelaar. "Wir müssen das Lenkrad selbst in die Hand nehmen, uns fokussieren. Dann gewinnen wir auch unsere Spiele."

Gewonnen hat das Team von Jens Keller auch nach dem fünften Pflichtspiel der Saison noch nicht; andererseits fühlte sich das Remis beim Tabellenführer der Premier League zumindest an wie ein kleiner Sieg. Wie schon das 1:1 gegen das Nonplusultra im eigenen Land. "Das war ein ähnliches Spiel wie das gegen Bayern", stellte Innenverteidiger Ayhan fest. "Auch da haben wir zurückgelegen und dann gezeigt, was in uns steckt."

Dass seine Mannschaft den neuerlichen Achtungserfolg zudem unter schwierigsten Umständen erreicht hat - zuletzt reihte sich Kapitän Benedikt Höwedes in die lange Liste verletzter Spieler ein -, machte Jens Keller erwartungsgemäß "wahnsinnig stolz". Da mochte der Trainerkollege José Mourinho ("Zu verteidigen, so wie sie das gemacht haben - auch das ist Fußball") noch so die Nase über die aufopferungsvoll kämpfende S04-Defensive rümpfen. Keller vermochte keinen Anlass erkennen, Chelsea um Verzeihung zu bitten. "Wir haben gegen eine Weltklassemannschaft gespielt. Und ich möchte nicht über den Marktwert von Chelsea und den meines Teams nachdenken", retournierte der gebürtige Schwabe Keller Mourinhos dezenten Vorwurf.

Schalke braucht den Druck

Die von den Ausfällen besonders betroffene Defensive, in der Mittelfeldmann Roman Neustädter in Kellers Notfallplan diesmal den - meist umsichtigen - Abwehrchef gab, war im Londoner Südwesten erstaunlicherweise der große Rückhalt der Schalker. Zudem fand der zuletzt bedenklich matte Kevin-Prince Boateng auf der britischen Insel sein Kämpferherz wieder.

Über die eigene Leistung oder die Lage auf Schalke sprechen wollte der 27-Jährige aber nicht. Lieber stapfte Boateng wortlos davon. Dafür sprach Jens Keller über Boateng. "Er hat in der ersten Halbzeit einen Schlag aufs Knie abbekommen, saß dann in der Pause mit unheimlichen Schmerzen in der Kabine. Ich habe ihn angefleht, auf dem Platz zu bleiben - und er hat dann in der zweiten Halbzeit gute Bälle gespielt, ist ruhig am Ball geblieben", erzählte der Coach und schlussfolgerte: "Man sieht - wenn es bei ihm läuft, läuft es auch bei uns."

Ein Rätsel bleiben die Schalker nach diesem anfangs gehemmten, am Ende aber kraftvollen Auftritt an der Themse allemal, auch für sich selbst. "Wenn es hart auf hart kommt, spielen wir einfach konzentrierter und besser", sagte Abwehrmann Kaan Ayhan. Ebenso wie Trainer Keller, der seufzte: "Es hat vollkommen den Anschein, als bräuchten wir diesen Druck. Ich allerdings brauch' das so nicht unbedingt."

Seine Nerven gerne etwas mehr schonen würde auch S04-Manager Horst Heldt. Am Samstag gastiert Eintracht Frankfurt in Gelsenkirchen, und in London forderte Heldt unmissverständlich: "Jeder unserer Spieler hat hier den Turnaround hinbekommen - und Fakt ist, dass uns das jetzt bei den nächsten Aufgaben helfen muss."

Oder wie es Nationalspieler Julian Draxler formulierte: "Die Champions League ist ein eigener Wettbewerb. Aber jetzt müssen wir in der Bundesliga zeigen, dass wir uns verändern wollen."

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