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Schalke gewinnt gegen Mainz mit 2:1:Es ist wieder Fußball

FC Schalke 04 v 1. FSV Mainz 05 - Bundesliga

Weniger Undiszipliniertheiten, mehr Spielwitz: Armine Harit, hier gegen Mainz' Jeremiah St. Juste, findet unter Trainer David Wagner zu neuem Elan.

(Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images)

Verschollen geglaubte Requisiten ebnen den glücklichen Schalker Sieg. Doch Trainer Wagner muss die Gründe für einen rätselhaften Leistungsabfall erforschen - und freut sich über die Verwandlung von Amine Harit.

David Wagner hätte eine Menge über die Moral und Mentalität seiner Leute erzählen können, er hätte auch von der Kraft schwärmen können, zurückzukommen in eine schon verloren geglaubte Partie, und einen verdienten Lohn für das resolute Powerplay der letzten Minuten reklamieren können. Das tat er aber alles nicht. Stattdessen sprach der Trainer vom großen Glück, das Schalke 04 doch noch den 2:1-Siegtreffer gegen Mainz 05 beschert habe, und davon, dass seine Spieler in der "sehr schlechten zweiten Halbzeit" vor allem dann in Not waren, wenn sie versuchten, den Zweck des Spiels zu erfüllen: "Unser größtes Problem war der Ballbesitz."

Dieser Satz klang danach, als hätten die Schalker am Freitagabend dort weitergemacht, wo sie in der vergangenen Saison aufgehört hatten. Damals waren die Heimspiele für die mit den Hausherren sympathisierenden Zuschauer schwer zu ertragen. Franz Beckenbauer hätte mit Recht gesagt: "Ich weiß nicht, was es ist - aber Fußball ist es nicht." Die enttäuschten und wütenden Pfiffe des Publikums waren wie der Rasen, der Ball und der Sauerstoff in der Luft unbedingter Bestandteil der Heimspiele.

Am Freitagabend nun gab es keine Pfiffe nach dem Abpfiff, sondern euphorischen Krach. Die Schlussphase der Partie war dramatisch und aufregend und brachte in der 89. Minute den Siegtreffer durch Amine Harit, der sein Solo mit einem Kunstschuss beendete. Wenig später fielen viele der beteiligten Akteure auf dem Rasen um wie nach einer Europacupschlacht mit Verlängerung. Die Sieger aus Erschöpfung, die Verlierer aus Frustration. Mainz 05 war zwar erst relativ spät zum Ausgleich durch Karim Onisiwo gekommen (74.), hatte in der zweiten Hälfte aber besser ausgesehen als die Schalker. "Wenn du mich nach dem 1:1 gefragt hättest, wer schießt das nächste Tor, dann hätte ich nicht gedacht, dass wir das wären", sagte Wagner. Dieses Geständnis dürfte den Mainzern gefallen haben, deren Manager Rouven Schröder schon übermütig geworden war und im Geiste schon drei Punkte verbucht hatte: "Nach dem 1:1 waren wir klar überlegen", fand er, die Niederlage bezeichnete er als "mega frustrierend".

Sogar Doppelpässe sahen die leidgeprüften Schalker Anhänger

Es ist wahrscheinlich eine gute Nachricht für Schalke 04, dass Cheftrainer Wagner aus ehrlicher Überzeugung keinen Protest gegen Schröders einseitige Einschätzung einlegte. Wagner begnügte sich damit, die drei Punkte zu feiern und den Energieeinsatz in der Schlussphase zu loben, den Gesamtauftritt bewertete er hingegen kritisch. "Nach dem Spiel gibt´s keinen Grund für keinen, in Euphorie zu verfallen", sagte Wagner und würdigte damit eine zweite Halbzeit, "in der wir völlig den Faden verloren haben", wie Sportvorstand Jochen Schneider sagte.

Tatsächlich setzte um die 60. Minute herum ein Prozess ein, der im Widerspruch zu den bis dahin herrschenden Eindrücken stand: Schalke hatte wie eine echte Heimspielmannschaft begonnen. Der zentrale defensive Block mit Omar Mascarell, Benjamin Stambouli und Salif Sané stand stabil, die starken Suat Serdar und Weston McKennie beherrschten das Mittelfeld. Die Führung nach 36 Minuten war folgerichtig. Dabei ergab das brillante Zusammenspiel zwischen Harit und Serdar einen Treffer aus dem Lehrbuch für modernen Fußball: Der Schütze läuft steil in die Spitze, der Passgeber findet die Lücke zum Ziel. Zur Pause ließ sich feststellen: Ja, es wird wieder Fußball gespielt auf Schalke, mit Freilaufen, Positionswechseln und sogar mit echten Doppelpässen - eine Requisite, die im vergangenen Jahr als verschollen galt. Und mit einem Harit, der wieder auf dem Platz für Aufsehen sorgt, und nicht mehr mit Undiszipliniertheiten auffällt, wie in der Vorsaison. Woran es noch mangelte: An der Torgefahr. Guido Burgstaller kam als Mittelstürmer kaum zur Geltung.

Warum die Schalker dann sukzessive nachließen, bis schließlich aus jedem Ballgewinn gleich wieder ein Ballverlust wurde und jeder eigene Angriffsversuch eher die eigene als die gegnerische Abwehr in Gefahr brachte, das konnte Wagner nicht erklären, das will er nun erforschen. Die Höhen und Tiefen seiner Mannschaft hat er längst noch nicht ausgelotet. "Wir sind erst zehn bis zwölf Wochen zusammen - das ist noch nichts", sagte er. Aber eines steht für ihn auch nach dem ersten und eigentlich vielversprechenden Kennenlernen schon fest: Vom Europacup zu reden, das sei in der gegenwärtigen Situation "total unrealistisch". Warum sollte man das tun, fragte er rhetorisch in die Runde: "Weil wir ein geiles Stadion und super Zuschauer haben?" Nun, ein paar Argumente könnten einem nach diesem Abend einfallen: Dass der in der Vorsaison verloren gegangene Harit, wieder von seiner Kunst und auch Kunstschusstechnik Gebrauch macht, ist nur eines davon.