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Schalke-Gegner Tel Aviv:Ein verhängnisvoller Fernschuss

"Das war heute einzig und allein Gott. Gott ist mein Geheimnis", sagte er und seine Augen leuchteten dabei in den Raum, als wollte er ganz Afrika damit erleuchten, "das kann mir niemand mehr nehmen, das war das beste Spiel in meiner Karriere, gegen den besten Spieler der Welt." Er dankte Gott, dass er ihm geholfen habe, Messis Schüsse zu halten. Es war vielleicht der Moment des reinsten Glücks bei dieser WM.

Für Enyeama und seine junge Familie (er hat drei Kinder im Alter von eins bis drei) kündigte sich an diesem Tag auch eine Zukunft des Glücks an. Zumindest eine Zukunft mit sehr viel mehr Geld. Sein Berater Müller erzählt, dass er in Tel Aviv bezahlt wird "wie ein besserer Regionalliga-Spieler in Deutschland", seine Mitspieler bekämen zehnmal mehr. Importe aus Afrika müssten in Israel zu Beginn mit kleinen Gehältern vorlieb nehmen, und der Vertrag aus dem Jahr 2007 sieht mit Prämien nicht mehr als 100.000 Euro im Jahr vor. "Das ist lächerlich für einen Spieler mit seinen Qualitäten", findet Müller.

Es könnte schon heute mehr sein, wenn ein paar Tage später nicht dieser griechische Fernschuss gewesen wäre. Zuvor hatte er wieder phantastisch gehalten, doch dann ließ er diesen krummen Jabulani-Weitschuss aus den Armen gleiten und Torosidis staubte zum 2:1 für die Griechen ab. Müller stand zu diesem Zeitpunkt in aussichtsreichen Gesprächen mit Galatasaray Istanbul, "doch eine Stunde nach dem Spiel bekam ich einen Anruf, dass der Klub von weiteren Verhandlungen Abstand nimmt", erzählt Müller. Deshalb spielt Enyeama immer noch für kleines Geld in Israel. Aber immerhin in der Champions League.

Der Torwart hat entscheidend mitgewirkt, dass er und seine Mitspieler im größten Fußball-Schaufenster der Welt stehen. In den Play-offs gegen Red Bull Salzburg verwandelte er selbst wie gewohnt sicher einen Elfmeter. Nachdem ihn sein Trainer beim nigerianischen Top-Klub FC Enyimba zu Beginn seiner Karriere immer vor dem Elfmeterschießen auswechselte, hat Enyeama fleißig am Strafstoßritual gefeilt. Heute gilt er als Spezialist für Elfmeter-Abwehren wie Elfmeter-Verwandeln.

Bislang hat sich das in der Gruppe B der Champions League aber noch nicht ausgewirkt. In drei Spielen gegen Lissabon, Lyon und Schalke gab es drei Niederlagen. Wenn es so weiter geht, hat Vincent Enyeama noch drei internationale Partien Zeit, sich in der europäischen Fußballwelt einen neuen Vertrag zu erspielen (in Tel Aviv endet sein Kontrakt).

Vielleicht darf die Bundesliga ja dann einen Torwart aus dem Torwart-Exotenkontinent Afrika begrüßen. Enyeama hätte sicher bessere Aussichten als der letzte vergleichbare Vertreter aus einem Torwart-Exotenland: 1974 verpflichtete der TSV 1860 München den Haitianer Henri Françillon. Er hatte bei der WM die Italiener fast verzweifeln lassen. Seine Zweitliga-Premiere feierte er im Schnee, nach fünf Spielen war Schluss mit der Karriere in Deutschland. Aber das war lange vor der Globalisierung.

© sueddeutsche.de/ebc
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