Süddeutsche Zeitung

Schalke-Fanbetreuer im Gespräch:"Das Vertrauen in die Polizei geht verloren"

Die Szenen beim Spiel zwischen Schalke und Saloniki erzürnen die Gemüter - vor allem die Polizei steht wegen ihres Eingriffs in der Kritik. Markus Mau, Leiter des Schalker Fanprojekts, berichtet im Interview über aggressive Reaktionen in der Kurve, Vertrauensverlust in die Staatsmacht und den Streit um eine provokante Fahne.

Von Victor Fritzen

Markus Mau ist Leiter des Schalker Fanprojekts, das im Januar 1994 gegründet wurde. Finanziert wird es von der Deutschen Fußball Liga (50 Prozent) sowie von der Stadt Gelsenkirchen und dem Land Nordrhein-Westfalen. Die Mitarbeiter verstehen sich als Bindeglied zwischen Fans, Vereinen und Behörden. Angestellte des Fanprojekts, oft Sozialarbeiter oder szenekundige Experten, begleiten die Anhänger zu allen Heim- und Auswärtsspielen des FC Schalke 04 im Bus oder Zug und stehen als Ansprechpartner zur Verfügung - auch beim Spiel gegen Saloniki war Markus Mau mittendrin.

SZ.de: Das Spiel zwischen Schalke und Saloniki geriet gestern zur Nebensache, weil es im Schalke-Fanblock Tumulte wegen eines Polizei-Einsatzes gab - wie bewerten Sie das Vorgehen der Beamten?

Markus Mau: Aus unserer Sicht war es eine katastrophale Fehleinschätzung der Polizei, die zu vielen Verletzten geführt hat. Mir fällt es schwer, die Beweggründe der Beamten nachzuvollziehen. Es sind nicht nur Ultras verletzt worden, sondern auch Familien mit Kindern. Im Nachhinein ist es schon fast absurd und hanebüchen.

Laut Polizei war der Auslöser des Eingriffs die Fahne eines mazedonischen Fanklubs, die die griechischen Fans provoziert haben soll. War das wirklich so?

Markus Mau: Nein. Die "Ultras Gelsenkirchen" (UGE, d. Red.) verbindet seit mehreren Jahren eine Freundschaft mit den Ultras des Klubs Vardar Skopje. Deswegen war es auch nichts Ungewöhnliches, dass die Fahne vor dem Block hing. Sie hing auch in der Bundesliga häufig dort oder beim Spiel gegen Piräus in der vergangenen Saison. Klar, dass die Saloniki-Fans das nicht unbedingt gut fanden, aber es spricht doch nichts dagegen, dass es solche Zeichen im Stadion gibt.

Die Gäste fühlten sich offenbar provoziert, weil viele Griechen Mazedonien nicht als Staat anerkennen. Das dürften die Schalker durchaus bewusst in Kauf genommen haben. Musste das sein?

Die S04-Ultras haben eine lange Freundschaft mit den Mazedoniern aus Skopje - und die kamen eben für dieses Spiel zu Besuch. Klar, dass sie da auch ihre Fahne aufhängen dürfen.

Sie befanden sich vor der Eskalation im Block der Griechen. Wie haben Sie die Stimmung erlebt?

Ich habe es anders wahr genommen als die Polizei. Dort hieß es, dass 2700 Griechen kurz vorm Durchdrehen gewesen seien und den Platz stürmen wollten - das stimmt nicht. Es war ein normales internationales Spiel in unserer Arena. Sicher, die Griechen haben die Fahne bemerkt und waren bestimmt nicht glücklich. Das ist so, als würden Schalke-Fans eine Dortmund-Fahne im Gästeblock sehen. Aber dass damit ein solch drastischer Polizei-Einsatz in der Schalke-Kurve begründet wird, ist unverhältnismäßig.

"Leute waren fassungslos"

Wie hätte sich die Polizei korrekterweise verhalten müssen?

Sie muss den Gästeblock sichern. Es wäre mit der gleichen Anzahl an Beamten locker möglich gewesen, die Griechen im Block ruhig zu den Ausgängen zu führen. Dann hätte man nicht in die Nordkurve gehen müssen. Dieses Vorgehen ist ein absolutes Novum. Ich habe es noch nie erlebt, dass die Polizei in der Heimkurve eingreift.

Die Polizei behauptet, dass "Schwerverletzte und Tote" zu befürchten gewesen seien - das klingt heftig. Wie drastisch sahen Sie die Situation?

Das ist an den Haaren herbeigezogen. Die griechischen Fans haben sich wahnsinnig gefreut, dass kurz vor dem Einsatz das 1:1 gefallen ist und für sie das Tor zur Champions League ganz weit aufgegangen ist. Das war für sie das Wesentliche.

Wie haben sich die Schalker Fans verhalten, als sie nach dem Spiel den Block verlassen haben? Welche Reaktionen gab es?

Es gab Leute, die fassungslos waren und vergeblich versuchten, mit der Polizei zu sprechen. Davon hätte ich mir mehr gewünscht. Auf der anderen Seite haben viele aggressiv reagiert und die Beamten angegriffen. Es waren aber nicht die Ultras. Es waren Normalos, ältere Männer, die sich sehr ereifert haben. So eine Situation habe ich noch nie erlebt.

Das Verhältnis zwischen Ultras und Polizei ist generell kompliziert. Welche Signalwirkung haben solche Vorfälle für junge Fans?

Genau das bereitet uns am meisten Sorge. Ein solcher Vorfall in der Heimkurve, wo auch viele Jugendliche stehen, bleibt haften. Sie singen künftig "Bullen sind Schweine", ohne mit der Wimper zu zucken. Das Vertrauen in die Polizei geht verloren, was eine große Gefahr für die Gesellschaft ist. Da muss man entgegenwirken, auch wenn es für uns als Fanprojekt schwierig ist.

Das Fanprojekt arbeitet oft auf Dialog hin. Muss man sich jetzt Sorgen machen für den Rest der Saison?

Ich befürchte ja. Wenn es beim nächsten Auswärtsspiel wieder zu einer Konfrontation mit der Polizei kommt, wird es kompliziert. Manche Fans sehen Gewalt als einziges Mittel, um sich zu behaupten. Auf diese Weise verliert die Kommunikationsbereitschaft an Wert.

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