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Krise beim FC Schalke 04:Traditionell dem Untergang zugeneigt

FILE PHOTO: Bundesliga - Schalke 04 v VfB Stuttgart

Manuel Baum Baum soll Schalke retten. Irgendwie.

(Foto: LEON KUEGELER/REUTERS)

Nach zwei Monaten Schalke weiß der bisher tadellos professionelle Trainer Manuel Baum: Kein Problem ist auf Schalke so groß, dass das nächste nicht noch größer sein kann.

Kommentar von Philipp Selldorf

Michael Langer hat in seiner Torwart-Karriere unter anderem mit dem VfB Stuttgart die Meisterschaft gewonnen, für Manchester United auf dem Platz gestanden und ein paar schöne Erfolge im Europacup gefeiert. Diese Erfahrungen nimmt ihm, wie Fußballer gern sagen, keiner mehr.

Allerdings sollte wohl nicht verschwiegen werden, dass er für den VfB im Meisterjahr 2007 nur ein vereinzeltes Spiel in Vertretung von Timo Hildebrand bestritten hat; dass United nach drei Tagen Probetraining von einer Verpflichtung Abstand nahm; und dass sich seine Europacup-Historie in zwei Auftritten mit IFK Norrköping gegen FC Pristina erschöpft.

Nun steht Michael Langer aus Bregenz mit 35 Jahren offenbar kurz davor, seine Einsatzbilanz in der Bundesliga schlagartig zu verdoppeln. Am Sonntag soll er, falls nicht Wunderheilungen eintreten, anstelle der verletzten Frederik Rönnow und Ralf Fährmann das Tor von Schalke 04 gegen Bayer Leverkusen hüten.

Trainer Manuel Baum, einst selbst Torwart, hat versichert, er habe "überhaupt kein Problem damit, den Michi aufzustellen". Man mochte ihm das sogar glauben, denn zwei unselige Monate auf Schalke haben ihn gelehrt: Kein Problem ist so groß , dass nicht das nächste noch größer sein kann. Vorige Woche 1:4, jetzt Rönnow verletzt, bisher Baums solidester Mann.

Bis er sich Ende September in Frankfurt verabschiedete, hatte Manuel Baum ein gutes Leben als Aufseher der U 18-Nationalelf und Mitarbeiter der DFB-Nachwuchsakademie. Der Ruf aus Gelsenkirchen habe ihn "elektrisiert", so erklärte er seinen Wechsel. Er konnte nicht wissen, dass dieser ehedem wundervolle Ort im Jahr 2020 die Fußball-Hölle auf Erden ist.

Inzwischen wird Baum regelmäßig gefragt, ob er überhaupt noch Hoffnung habe, bis Weihnachten mal ein Spiel zu gewinnen, und diese Fragen werden ihm nicht von lustigen Youtubern oder hämischen BVB-Agenten gestellt, sondern von erfahrenen Sportreportern, die es nicht böse, sondern völlig ernst meinen.

Der Trainer reagiert darauf tadellos professionell, er beklagt sich nicht, er hadert nicht, er schimpft nicht. Er seufzt nicht mal, wenn er, wie am Freitag, die aktuellen Ausfälle bekanntgibt: Mit all den verletzten, suspendierten und verstoßenen Spielern ließe sich zurzeit eine komplette Elf formieren. Der Trainer sei "die ärmste Sau", hat neulich Spielmacher Mark Uth ausgerufen. Das war zwar solidarisch gemeint, aber mäßig geeignet, um das Renommee des ohnehin nicht euphorisch empfangenen Fußball-Lehrers zu stärken.

Noch ist nicht bekannt, wie der tapfere Herr Baum in die Geschichte von Schalke eingehen wird: Im Kleingedruckten, weil er auf dem Weg zum Saisonende seinen Posten hatte räumen müssen ("Der Klub musste einen neuen Impuls setzen ...")? Im Rang des Gescheiterten, weil er den Abstieg nicht hat verhindern können? Oder als Kandidat für den nächsten Jahrhunderttrainer nach Huub Stevens, weil er das Ziel, den Klassenerhalt, erreicht hat?

Letzteres mag den traditionell der Untergangsstimmung zugeneigten Schalke-Fans fast illusorisch erscheinen. Das liegt aber eher am ausgezehrten und depressiven Zustand des tief gesunkenen Großvereins als an der sportlichen Aufgabe. Eigentlich ist bei allem Anlass zum Defätismus nach 25 Spielen ohne Sieg noch gar nicht so viel passiert. Schalke hat fünf Spiele gegen Spitzenteams verloren und gegen drei der vier Widersacher von ähnlicher Kragenweite Unentschieden gespielt.

Nicht zuletzt mit Blick auf die wegweisenden Spiele der nächsten Wochen hat der Klub anhand der Strafaktion gegen die Spieler Nabil Bentaleb, Amine Harit und Vedad Ibisevic versucht, Baums bereits bedrohte Kommandeursstellung zu festigen. Darin steckt ein klares Bekenntnis zum Trainer, allerdings ein zwiespältiges: Einerseits offenbart man Entschlossenheit. Andererseits Verzweiflung.

© SZ/bek
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