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Bundesliga:Schalke 04, ein krasser Sanierungsfall

FC Schalke 04: Bauschutt neben dem Trainingsgelände

Das Bild zur Situation: Ein Haufen Schutt am Schalker Trainingsgelände.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Die Entlassungen auf Schalke zeugen davon, dass der Verein und seine Aufseher zu lang gezögert haben, um den Abstieg abzuwenden. Es geht nun um die Abwicklung der Saison mit Anstand.

Kommentar von Philipp Selldorf

Ja, es ist vorgekommen, dass Christian Gross Namen verwechselt hat und einmal auch nicht wusste, wie Schalkes U-23-Torwart mit Vornamen heißt. Aber wenn ein 66 Jahre alter Trainer aus dem Ruhestand zur Rettung eines im Prinzip kaputten Großvereins gerufen wird, dann kommt es wohl nicht darauf an, dass er die Besetzungsliste der Reservemannschaft auswendig kennt. Solange er nur der richtige Trainer ist, was Christian Gross aber nach Lage der Dinge nicht war. Seine Berufung setzte somit in logischer Folge die Fehlerkette fort, die der zuständige Schalker Sportvorstand Jochen Schneider bereits mit den Vorgängern David Wagner und Manuel Baum in Gang gesetzt hatte. Schalke war zu Saisonbeginn nicht zum Abstieg verurteilt, nicht mal im schon sehr, sehr dunklen Winter war der Klassenverlust unausweichlich. Jetzt aber ist es soweit.

Angehörige des täglichen Betriebs in Gelsenkirchen beschreiben den schweizerischen Fußball-Lehrer Gross als eine Mischung aus preußischem Offizier und preußischem Beamten. In diesem trefflichen Bild, das von Haltung und Pflichtbewusstsein erzählt, aber nicht von einer zeitgemäßen Erscheinung, erschließt sich der Irrtum seiner Bestellung. Dass die Spieler aus der Erfahrung des Trainingsbetriebs zuletzt Einwände gegen den Chefcoach vorgebracht hatten, dieser Vorgang hat deshalb mehrere Aspekte: Einerseits haben sie, wie das Fußballer seit Generationen immer wieder tun, den Trainer als Alibi für ihre eigenen Verfehlungen und Unvollkommenheiten vorgeschützt. Andererseits haben sie in einer Art Verzweiflungsakt einen Ausweg gesucht, um in letzter Sekunde doch noch unter kompetenter Anleitung in den Abstiegskampf aufzubrechen.

Wenn, wie es kolportiert wird, die Alt-Schalker Sead Kolasinac und Klaas-Jan Huntelaar auf Veränderung drängten, dann steckt dahinter sicher kein Vergnügen an einer Intrige. Dafür sind die beiden nicht im Winter zu ihrem alten Klub heimgekehrt. Sie wollten helfen, den Sturz in die zweite Liga abzuwenden.

Als nun am Sonntag aus Gelsenkirchen die Nachricht von der Massenentlassung kam, klang das wie die Katastrophenmeldung von einem Drama auf hoher See. Als ob sich auf einem untergehenden Schiff die Besatzung vor dem Ertrinken noch gegenseitig umbringen würde. Das drastische Eingreifen zeugt jedoch davon, dass der Verein und seine Aufseher zu lang gezögert haben, um zu handeln.

Mit Schuldfragen und Vergangenheitsbewältigung braucht sich jetzt aber bei Schalke 04 niemand mehr aufzuhalten, Schneider und Gross sind nun bereits Teil der Vereinsgeschichte. Die übrige Saison muss die verbliebene Belegschaft mit so viel Anstand abwickeln, dass der Klub nicht den letzten Rest Reputation in der Szene verliert - und dem trauernden Publikum wenigstens ein wenig Achtung vor dem eigenen Klub zurückgibt.

Schalke ist ein krasser Sanierungsfall, die Entscheidungen im Sport sind jetzt von schicksalhafter Bedeutung, die Zukunft des Vereins hängt an ihnen. Dennoch kommt es nicht nur darauf an, den richtigen Sportchef zu finden und einen Trainer zu benennen, der zur Abwechslung mal länger als zwei Monate im Amt bleiben sollte. Es geht auch um die Organisation des Vereins an sich. Ein Aufsichtsrat mit elf Mitgliedern ist prinzipiell eine Fehlkonstruktion. Sie erschwert das Handeln und fördert lediglich die Indiskretionen.

© SZ/mok
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