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Abstieg von Schalke 04:Das unvermeidliche Ende des Siechtums

Schalkes Abstieg ist verdient, denn: Jedes Mal im Saisonverlauf, wenn der Klub das Los vielleicht noch hätte wenden können, wurde zielsicher das Verkehrte getan.

Kommentar von Philipp Selldorf

0:1 in Bielefeld - wüsste man es nicht besser, dann könnte man meinen, die Fußballer des FC Schalke 04 hätten wenigstens zum Stichtag der Deklassierung eine raffinierte Tat vollbracht. Das besagte 0:1 gibt ja nicht nur den Anlass, einen großen Traditionsverein aus der ersten Bundesliga zu verabschieden und den in behördlich verordneter Privatheit still trauernden Angehörigen Mitgefühl auszusprechen - es enthält auch eine historische Pointe.

Mit demselben Resultat schrieben vor 50 Jahren (und zwei Tagen) Schalke 04 und Arminia Bielefeld in der Gelsenkirchener Glückauf-Kampfbahn gemeinsam das erste Kapitel im großen "Bundesliga-Skandal". Die Arminen gewannen durch ein Stolpertor in der 83. Minute beide Punkte, die hilfreichen Schalker Spieler kassierten dafür pro Nase 2300 D-Mark, was schon damals ein lachhaft geringer Betrag war. Weil die Profis das vor Gericht später leugneten, aber trotzdem überführt wurden, mussten sich die Schalker Fans später über Jahrzehnte hinweg als Anhänger des "FC Meineid" kriminalisieren lassen.

In der Schalker Vergangenheit mögen also noch schaurigere Dinge geschehen sein als in der Gegenwart. Aber das Leid, das der Klub jetzt durch umfassendes Versagen und zahllose Unbeholfenheiten über sein Volk gebracht hat, war und ist schon auch besonders furchtbar. Bereits mit dem Anstoß zur ersten Partie der Saison - einem 0:8 beim FC Bayern - hatte die Mannschaft begonnen, wie ein veritabler Tabellenletzter zu spielen, und seitdem hat sie damit auch nicht mehr aufgehört - bis hin zum standesgemäß trostlosen 0:1 in Bielefeld.

Die Verantwortlichen sind weg, geblieben sind die guten Seelen Mike Büskens und Gerald Asamoah

Zwischenzeitlich schienen Schalkes nervlich zerrüttete Profis eher ein Fall für die klinische Forschung zu sein als für die Fußball-Fachpresse. Doch selbst nachdem der Psychostress des Abstiegskampfes abgefallen war, weil Aussicht auf Rettung nur noch in der Theorie bestand, blieb ihr Bemühen um Erstliga-Fußball eine kaum anzusehende Zumutung.

Ja, Schalke hat auch Pech mit verletzten Spielern gehabt, sogar eine Menge Pech, und die Corona-Krise hat den schuldengeplagten Klub besonders hart getroffen. Doch die Demütigungen dieses Abstiegs sind selbstredend auch in dieser Höhe verdient. Zumal der Verein jedes Mal im Saisonverlauf, wenn er das Los vielleicht noch hätte wenden können, frappierend zielsicher wieder das Verkehrte getan hat. Die sportliche Leitung engagierte der Reihe nach die falschen Trainer (Manuel Baum, Christian Gross), man schmiss die falschen Leute raus, und als im Januar bereits die vorletzte Stunde schlug, schaffte man prompt die falschen Wintertransfers an. Die Heimkehrer Klaas-Jan Huntelaar und Sead Kolasinac steigerten zwar den Folklorefaktor, aber nicht die Leistungskraft der Mannschaft.

Dass währenddessen beim 1. FSV Mainz 05 ein anderer Heimkehrer den richtigen Trainer (Bo Svensson), den richtigen Sportdirektor (Martin Schmidt) und die richtigen Verstärkungen fürs Team (Glatzel, Kohr, da Costa) besorgte, das muss den Schalkern wie ein Hohn erscheinen. Denn bei jenem Herrn handelt es sich um denselben Christian Heidel, der vormals als Gelsenkirchener Sportboss von 2016 bis März 2019 durch gedankenloses Walten und teure Fehlgriffe tatkräftig zum Nieder- und Untergang beigetragen hat. Sein ehrenhafter, aber bis zur Verzweiflung überforderter Nachfolger Jochen Schneider vollendete das Werk.

Abrechnungen mit schuldbeladenen Verantwortlichen erübrigen sich - sie haben alle längst das Vereinsgelände verlassen. Wie in einem Mafia-Stück ist inklusive des Paten Clemens Tönnies einer nach dem anderen von der Bildfläche verschwunden. Geblieben sind die guten Seelen Mike Büskens und Gerald Asamoah, Letzterer vergoss in Bielefeld stellvertretend für das abwesende Publikum ein paar Tränen. Die großen Emotionen haben im Geisterspielmodus keinen Platz, aber Bielefeld war auch längst nicht mehr der Ort, um eines der traditionellen Dramen in Königsblau aufzuführen. Hier fand lediglich ein Siechtum sein unvermeidliches Ende.

Was bleibt, ist betretenes Staunen: So lang ist das noch nicht her, dass der Verein eine verlässliche Europacup-Adresse war. Der rapide Fall mahnt, den Abstieg nicht als Episode zu missverstehen. Ein Blick auf das abschreckende Beispiel des Hamburger SV und das noch gruseligere Schicksal des 1. FC Kaiserslautern genügt. Geld für die Organisation des Aufstiegs ist in Gelsenkirchen immer noch vorhanden, doch der Umbau der radikal entkernten Mannschaft ist ebenso anspruchsvoll wie riskant. Peter Knäbel, eher umständehalber als planvoll zum Sportvorstand befördert, behauptet zwar, den Wunschtrainer für die zweite Liga bereits in Dienst genommen zu haben. Aber auch Dimitrios Grammozis ist längst als gewohnheitsmäßiger Verlierer in die Chronik eingegangen. Womöglich wirkt das Gift dieses unheilvollen Jahres in Form der nächsten Trainerdebatte schon in den Neustart hinein.

© SZ/ebc/mok
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