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FC Schalke 04:Sechs Krisen auf einmal

Fußball: 1. Bundesliga, Saison 2020/2021, 2. Spieltag, FC Schalke 04 - SV Werder Bremen am 26.09.2020 in der Veltins Are; Michael Reschke

Keine Ruhe auf Schalke: der Technische Direktor Michael Reschke verlässt den Verein mit sofortiger Wirkung.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Der FC Schalke 04 kommt nicht zur Ruhe: Der sportliche Direktor Michael Reschke muss gehen, Vedad Ibisevic ebenso - und zwei Spieler werden vom Training suspendiert.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Am 24. November 1994 kam in Lille in Nordfrankreich ein Kind auf die Welt, dem Madame und Monsieur Bentaleb den Vornamen Nabil gaben. Wie es guter Brauch ist, erhielt Nabil Bentaleb nun zum 26. Geburtstag die Glückwünsche seines Arbeitgebers, am Dienstagvormittag verbreitete Schalke 04 über Twitter eine Alles-Gute-Nachricht. Doch dann hat man es sich offenbar anders überlegt am Ernst-Kuzorra-Weg und löschte die Gratulationen wieder. Das ließ den Klub wie einen Gentleman aussehen, der seiner Frau Blumen mitbringt und sie ihr eine Stunde später wegnimmt. "Warum löscht man so etwas?", schrieb ein entsetzter Twitter-Nutzer.

Dies war aber nur die erste Aktion der Schalker, die am Dienstag Verwunderung hervorrief. Um kurz nach halb fünf am Nachmittag eines ereignisreichen Tages teilte der Klub mit, dass er seine ohnehin spärlich besetzte Führungsetage um ein weiteres Mitglied dezimiert habe: Der Technische Direktor Michael Reschke, 63, verlässt Schalke mit sofortiger Wirkung. "Letztlich gab es unterschiedliche Auffassungen über die sportliche Zukunft des Vereins", ließ sich der Sportvorstand Jochen Schneider zitieren. Das ehedem innige Verhältnis zwischen Schneider und Reschke hatte sich zuletzt zu einer angespannten Beziehung entwickelt. In zentralen Fragen, unter anderem der Kadergestaltung, waren sich die beiden Männer nicht einig.

Der Klub durchlebt gleichzeitig eine Finanzkrise, eine Sportkrise, eine Führungskrise und eine Kabinenkrise

Als es im Sommer um den Job des nachweislich erfolglosen Trainers David Wagners ging (16 sieglose Spiele hintereinander in der Rückrunde der Vorsaison), setzte sich Schneider kraft Amt durch. Wagner blieb aber nur zwei weitere Spieltage - dann beurlaubte ihn sein Fürsprecher und musste sich dafür in der Öffentlichkeit Kritik gefallen lassen. Reschke hatte im Sommer für Wagners Ablösung plädiert. Nun kursierten Berichte, die von einem anderen Problemfall handeln, der für Entzweiung gesorgt haben soll. Angeblich hatte Reschke im Sommer Kapitän Omar Mascarell bei Hertha BSC zum Kauf angeboten und seinem Chef nichts davon gesagt. Das wäre ein triftiger Scheidungsgrund gewesen, nach SZ-Informationen verhielt sich der Fall aber umgekehrt: Die Initiative ging von Hertha aus, Schneider war informiert und wies den Antrag zurück.

Wäre Donald Trump der Präsident des FC Schalke 04, dann würde wohl selbst er nicht zu leugnen wagen, dass es im weißen Vereinshaus drunter und drüber geht. Der Klub durchlebt gleichzeitig eine Finanzkrise, eine Sportkrise, eine Identitätskrise, eine Führungskrise und eine Kabinenkrise. Jede dieser Krisen hat zerstörerische Ausmaße erreicht. An allen neuralgischen Stellen scheint Schalke derzeit geschwächt zu sein, das verbliebene Personal wirkt überfordert und uneinig. Von 1000 Freunden, die zusammenstehen wie im Vereinslied, kann keine Rede sein.

Eine Verletztenkrise ist am Dienstag übrigens auch noch dazugekommen: Bastian Oczipka musste das Training abbrechen und wegen einer Muskelverletzung abtransportiert werden. Zwar handelt es sich nur um einen einzelnen Spieler, doch der Linksverteidiger gilt auf Schalke als unersetzlich - allein deshalb, weil er der einzige bundesligareife Linksverteidiger im Kader ist.

Während Oczipka zur Untersuchung gebracht wurde, nahm auch der Geburtstag von Bentaleb seinen unerfreulichen Lauf. Mit tückischen Glückwünschen kennt er sich auf Schalke ja längst aus. Vor anderthalb Jahren hatte ihm der Cheftrainer Huub Stevens herzlich zur Geburt von Zwillingen gratuliert - um gleich darauf öffentlich zu erklären, dass sich dadurch an der Situation des Spielers nichts ändern werde. Stevens hatte Bentaleb suspendiert, weil dieser bei einem Heimspiel nicht auf der Tribüne gesessen hatte. Dass Bentaleb die Abwesenheit mit dem Geburtstermin im Krankenhaus erklärte, nützte ihm nichts. Ein paar Wochen später nahm ihn Stevens zwar wieder in die Mannschaft auf, warf ihn aber bald darauf aus disziplinarischen Gründen ein zweites Mal raus.

Harit und Bentaleb gehören offenbar nicht mehr dem Kader an

Insofern ist am Dienstag nichts Ungewöhnliches geschehen, als Sportvorstand Schneider den frankoalgerischen Profi zur nächsten Anhörung bestellte. Am Abend bestätigte der Klub Berichte verschiedener Medien, Bentaleb sei bis auf weiteres vom Mannschaftsbetrieb ausgeschlossen und zum Einzeltraining verpflichtet. Ob Schneider dem Betroffenen vorher zum Geburtstag gratuliert hatte, wurde dabei nicht überliefert. Auch Amine Harit, 23, musste sich zum Rapport einvernehmen lassen und wird vorerst ebenfalls nicht mehr dem Kader angehören. Den beiden werden Respektlosigkeiten gegen den Cheftrainer Manuel Baum und dessen Assistenten vorgeworfen.

Harit hatte am Samstag auf Order des Trainers nach 38 Minuten der Partie gegen Wolfsburg (0:2) das Feld zur Auswechslung verlassen müssen und war daraufhin grußlos in die Kabine gestürmt. Der Zoff zwischen Co-Trainer Naldo und Vedad Ibisevic, der am Sonntag zum Trainingsabbruch führte, geriet da fast zur Randnotiz. Doch für den 36-jährigen Ibisevic, den Reschke quasi zum Selbstkostenpreis gewonnen hatte, waren die Konsequenzen noch klarer: Der Vertrag mit dem Stürmer wurde zum 31. Dezember aufgelöst. "Leider hat es hier auf Schalke nicht so gepasst, wie wir uns das gemeinsam versprochen haben", ließ Schneider wissen.

Aufsehenerregend war auch, was über Benjamin Stambouli berichtet wurde: Der 30-jährige Vizekapitän habe am Samstag das Stadion verlassen, nachdem ihn Trainer Baum zur Halbzeit ausgewechselt hatte. Diese Erzählung der Bild wies Schalke jedoch als "Falschmeldung" zurück. Es gebe "Zeugenaussagen und Videoaufnahmen", die den Spieler von der Darstellung entlasteten, meldete der Klub. Schneider, der im Sommer (gegen Reschkes Votum) Stamboulis Weiterbeschäftigung durchgesetzt hatte, teilte mit, der Franzose sei über die Auswechslung enttäuscht gewesen, aber man habe mit ihm gesprochen: "Es ist alles ausgeräumt ... Benji gibt jeden Tag alles für unseren Verein."

© SZ vom 25.11.2020/schm
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