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Schalke 04:Gleich wieder ein führender Krisenstandort

Alles wie immer: Es läuft nicht bei Schalke 04.

(Foto: AP)

Die Liga erlebt ganz neue Zeiten, doch bei Schalke 04 ist alles beim Alten. Erst fehlte es an Toren, dann am Geld - jetzt wieder an Toren.

Kommentar von Philipp Selldorf

Sollten tatsächlich Milliarden Menschen in aller Welt zugeschaut haben, dürften sich viele von ihnen ziemlich gewundert haben. Was hat das mit Profifußball zu tun?, werden nicht wenige in die Stille ihrer gastlosen Wohnzimmer gerufen haben. Doch wurden sie auch überrascht von Momenten, in denen sich die ganze Schönheit des Spiels offenbarte, und am Ende blieb es den Betrachtern in Timbuktu, Tokio und Großaspach nicht erspart, Zeuge einer Aufführung zu werden, von der niemand weiß, ob sie Komödie oder Schurkenstück darstellt.

Ja, der Auftritt von Breel Embolo am Samstag beim Topspiel in Frankfurt hat wieder viele der Gegensätze enthalten, die das wundersame Repertoire des Angreifers hergibt. Die Welt hatte Anlass zu staunen. Während Embolo an der Aufgabe, einen einfachen Ball zu stoppen, spektakulär und somit nahezu erwartungsgemäß scheiterte, platzierte derselbe Embolo trotz polizeilicher Umzingelung jenen filigranen Pass, der den Weg zur Führung für Gladbach öffnete. Und am Ende gelang es dem nicht eben schmächtigen Angreifer auch wieder, eine gegnerische Berührung, die zarter wirkte als der Luftzug eines vorbeifliegenden Schmetterlings, wie ein mittleres Gewaltverbrechen aussehen zu lassen. Der Schiedsrichter gab seiner kunstvollen Darstellung recht und erteilte einen zweifelhaften Elfmeter.

Im Grunde lässt sich also sagen, dass es in der Bundesliga geradewegs dort weitergeht, wo es vorher aufgehört hat. Embolo bleibt sich und dem Rest der Welt ein Rätsel, Erling Haaland steht immer richtig, Filip Kostic trägt die Trikots so eng wie Arjen Robben, Vedad Ibisevic landet zentimetergenau Flugkopfbälle, Yussuf Poulsen macht nur die schwierigen Tore, und Markus Schubert gibt im Schalker Tor eine unglückliche Figur ab.

Die Krise als Chance bei Schalke?

Die Schalker waren bis zum Betriebsstopp im März einer der akuten Sorgenfälle der Liga. Sieben Spiele nacheinander blieben sie ohne Sieg, Trainer David Wagner rief im Notstand den Catenaccio aus. Dann kam die Pause, und Schalke war schon wieder ein führender Krisenstandort. Diesmal mangelte es nicht mehr nur an Toren, sondern am Geld. Jetzt kommen zwar wieder ein paar Euros rein, aber das ist schon die einzig gute Nachricht für die Königsblauen. Sportlich ist auf verblüffende Weise alles beim Alten: Ein Angriffsspiel findet nicht statt, das Mittelfeld verweigert den Spielaufbau, die Abwehr hält hohem Tempo des Gegners nicht stand, der Torwart gibt keinen Halt, sondern sucht ihn selbst.

Geändert hat sich auf Schalke freilich der Debattentext. Der Vereinsobere Clemens Tönnies sieht - endlich? - die Gelegenheit gekommen, in eine lange verpönte Diskussion einzusteigen. Der FC Schalke 04 e.V. solle darüber nachdenken, ob er aus dem e.V. nicht besser eine AG oder GmbH machen möchte, "vor allem in Corona-Zeiten müssen wir darüber sprechen".

Die Krise als Chance, dieses Motto muss ja nicht zwangsläufig eine lahme Floskel sein. Tönnies verzichtet klugerweise darauf, seinen Anstoß zu vertiefen. Die Debatte wird auch so in Schwung kommen, das 0:4 beim alten Nachbarn Borussia ebnet ihr zusätzlich den Weg.

© SZ vom 18.05.2020

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