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Schalke 04:Untergang in aufrechter Haltung

Bundesliga: Spieler von Schalke 04 beim Spiel gegen Borussia Dortmund

Wieder liegt der Ball am Anstoßpunkt, diesmal bei Benito Raman. Erneut verliert Schalke mit vier Toren Unterschied ein Spiel.

(Foto: Pool via REUTERS)

Schalke-Trainer Gross begegnet dem 0:4 beim BVB immerhin mit Resthoffnung und Würde. Die Polizei sieht sich dagegen mit wütenden Ultras konfrontiert - auch Dortmund muss für die eigenen Fans um Entschuldigung bitten.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Es waren nicht mehr die schnellen Dortmunder Jadon Sancho und Raphael Guerreiro oder der ungeheuerliche Erling Haaland, die Schalkes Spieler um 21.30 Uh am Samstagabend durch die Gelsenkirchener Arena scheuchten. Stattdessen trieben Ordner in orangenen Westen die Profis an, um sie zum Hinterausgang zu geleiten. Den üblichen Heimweg versperrte aus Sicherheitsgründen eine Einsatzhundertschaft der Polizei, die sich ihrerseits mit zwei Einsatzhundertschaften der heimischen Ultras konfrontiert sah. Fans hatten versucht, aufs Stadiongelände zu gelangen, Polizisten verhinderten dies "mittels einfacher körperlicher Gewalt", so der Pressebericht des Präsidiums. Die Menge verlief sich nach einer Weile, es gab keine Verletzten oder Festnahmen.

Was die Fans den Spielern mitteilen wollten, das wussten sie möglicherweise selbst nicht. Schalkes Profis hatten beim 0:4 gegen Borussia Dortmund das zehnte Mal in der laufenden Saison eine Niederlage mit drei oder mehr Toren Abstand hinnehmen müssen. Mit all den negativen Einträgen, die sich bereits nach 21 Spieltagen in der Gegentor- und Punktebilanz auftürmen, gehen sie auf ruhmlose Weise in die Geschichte der Bundesliga ein. Schalke ist zum Synonym des Verlierens und eines beispiellosen Untergangs geworden - das sollten Makel und Strafe genug sein für jeden Beteiligten.

Andererseits hat es auch diesmal nicht so ausgesehen, dass sich ein Haufen desinteressierter Gehaltsempfänger wehrlos der nächsten Niederlage ergeben hätte. Das 0:4 beruhte nicht auf Leistungsverweigerung, sondern auf den Kriterien des Spielverlaufs und den Wirkungen des Klassenunterschieds zwischen dem Tabellensechsten und Tabellenachtzehnten. Prägend waren zwei meisterliche Dortmunder Momente: Das 2:0, das Haaland kurz vor dem Pausenpfiff mittels seiner irrwitzigen körperlichen Schussgewalt erzielte, und der Spielzug zu Guerreiros 3:0 in der 60. Minute, der einen viertelstündigen Aufmarsch der Schalker gegen das BVB-Tor beendete.

Geschehen und Resultat ließen letztlich nicht viel Raum zur Interpretation, dennoch hat Schalkes Trainer Christian Gross nicht unzulässig fantasiert, als er feststellte: "Es war ein Tag, an dem Vieles gegen uns lief." Der Tatbestand dürfte ihm bekannt vorgekommen sein. Man hätte also verstanden, wenn er hinzugefügt hätte, dass er nun genug habe vom Verlieren und von der Endzeitstimmung, und dass bitteschön ein anderer als er die Restsaison in den Abstieg abwickeln möchte. Stattdessen sagte er, ohne dass es peinlich klang: "Ich glaube daran, dass auch wir wieder punkten können."

Der 66 Jahre alte Schweizer wird zum Saisonende seine Mission beenden und in die Heimat zurückkehren. Er hätte es verdient, dass ihn der Verein, auch wenn das Geld knapp ist, mit einem extragroßen Blumenstrauß verabschiedet. Gross setzt die richtigen Handgriffe und wahrt in der jammervollen Lage nicht nur professionell die aufrechte Haltung, sondern auch eine menschliche Würde, die manch anderem führenden Vereinsvertreter zu wünschen wäre. Auch am Samstag kam vom Trainer kein Wort des Selbstmitleids oder der Klage.

Felix Magath hätte Stambouli für dessen Fehler wohl in den Rhein-Herne-Kanal tunken lassen

An misslichen Umständen hatte es wieder mal nicht gemangelt. So stand der Name Shkodran Mustafi zwar auf dem Aufstellungsbogen, der Spieler aber nicht auf dem Feld - er musste nach dem Aufwärmen wegen Muskelproblemen passen. Das Deckungszentrum bildeten der 19-jährige Malick Thiaw und Linksverteidiger Bastian Oczipka. Nach einer halben Stunde verließ auch Torwart Ralf Fährmann mit Schmerzmiene den Platz, der Bauchmuskel plagte ihn, ihm folgte Michel Langer, der 35-jährige Ersatzmann des Ersatzmanns, denn Frederick Rönnow, Schlussmann Nummer zwei, ist wie sieben weitere Profis verletzt. Klaas-Jan Huntelaar, nach der Heimkehr aus Amsterdam unter Abschuss von Ehrensalven empfangen (mit Recht übrigens), wartet immer noch auf Einsatzfähigkeit. Erst streikte die eine Wade, "dann haben sich die Probleme auf die andere Wade verschoben", wie Gross berichtete. So hantiert der Coach seit Wochen mit Verlegenheitslösungen, während die Konkurrenz davonzieht und die Zahl der Spiele schwindet. "Die Zeit ist ein limitierender Faktor, dessen bin ich mir absolut bewusst", teilte Gross mit, er will ja keinen Blödsinn erzählen.

Huntelaar saß auf der Tribüne und sah ein Spiel, in dem sich die Borussen nicht überanstrengen mussten, um als Sieger heimzufahren. Auch in Dortmund hatten sich anschließend Ultras zum Empfang versammelt, allerdings zum freudigen Willkommen. Weil zu viele Leute zu eng und ohne Maske zusammenstanden, entschuldigte sich der Klub am Sonntag für Verstöße gegen die Corona-Regeln. Im Bus hatten BVB-Spieler den ausgelassenen Auflauf der Fans unter anderem mit "Derbysieger"-Gesängen erwidert, Mittelfeldspieler Mohamed Dahoud dokumentierte die Szenen für die Öffentlichkeit mit einem Video, das dann aber nachts gelöscht wurde. Womöglich erschien es dem Klub unangebracht, vielleicht sogar pietätlos gegenüber den Verlierern, denen BVB-Stürmer Marco Reus eine teilnahmsvolle Note widmete: Wenn er es sich "aussuchen könnte, dann würde ich sie schon drinlassen" in der Liga.

Dass es wahrscheinlich vorerst kein Revierderby mehr gibt, dafür hatte nicht unmaßgeblich der Schalker Benjamin Stambouli gesorgt, der kurz vor der Pause den bis dahin einfallslosen Dortmundern die erste veritable Torchance eröffnete, Jadon Sancho nahm sie dankend an. Der erfahrene französische Mittelfeldspieler Stambouli hatte einen Ballverlust der unverzeihlichen Art verschuldet, ein Trainer wie Felix Magath hätte ihn dafür vermutlich in den Rhein-Herne-Kanal tunken lassen. Gross seufzte und sagte: "Das darf nicht passieren, aber ich werde ihm keinen Strick drehen." Der österreichische Torwart Langer hingegen nahm sich die Freiheit, die Lage des stolzen FC Schalke 04 in aller Klarheit zu benennen: "Es ist eine enorm beschissene Situation."

© SZ/mok/schm
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