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Schalke 04:Biblische Leidensgestalten

Borussia Moenchengladbach v FC Schalke 04 - Bundesliga

Typisches Pech eines Abstiegskandidaten: Weil Schalkes Nastasic (links) den Ball leicht berührt, kann Mascarell (rechts) nicht mehr retten.

(Foto: Lars Baron/Getty Images)

Schalke 04 zeigt sich in Mönchengladbach verbessert - aber nach dem überdeutlichen 1:4 nähert sich der Tabellenletzte eher dem Liga-Minusrekord von Tasmania Berlin als dem rettenden Ufer.

Von Philipp Selldorf, Mönchengladbach

Bestimmt waren einige Borussen beeindruckt, als sie vor dem Treffen mit Schalke 04 hörten, dass der Gegner seine plötzliche Lücke im Sturmzentrum mit einem Absolventen der "Barça Academy" besetzen würde. Es ist ja überall im Universum bekannt, dass La Masia, das Internat des FC Barcelona, in großer Zahl große Spieler hervorgebracht hat, von Sergio Busquets und Thiago über Ansu Fati bis Lionel Messi. Schalkes Matthew Hoppe besuchte allerdings nicht die Schule in Katalonien, sondern einen Ableger des Imperiums, der in Casa Grande, Arizona/USA, beheimatet ist. Im Sommer 2019 verschlug es ihn nach Gelsenkirchen, um dem Team des druidengleichen Juniorentrainers Norbert Elgert beizutreten. Am Samstag beging der 19-jährige Hoppe aus Yorba Linda, Kalifornien, sein Bundesliga-Debüt und wurde nach 81 Minuten Einsatzzeit eifrig gelobt: "Richtig reingeschmissen" habe er sich, sagte Teammanager Sascha Riether und sah darin erleuchtende Wirkung: "Das muss der Weg von Schalke 04 sein." Das hörte sich an, als ob das 1:4 in Mönchengladbach samt der nachdrücklichen Bestätigung des Verbleibs auf dem letzten Tabellenplatz gar nicht so schlimm wären, weil ab jetzt junge Helden wie der furchtlose Kalifornier Hoppe mitspielen.

Der Angreifer hatte seine Berufung bereits mittags im Internet verraten, indem er zuerst Jesus und dann seinen Eltern dankte und schließlich mit Übersetzer-Hilfe eine Ermutigung aussandte: "Lass uns gehen, Schalke", schrieb er und erinnerte damit an den Ahnherrn Moses, als er den Pharao bat, sein Volk ziehen zu lassen. Tatsächlich trägt Schalke ja allmählich die Züge einer biblischen Leidensgestalt. Woran aber kein Pharao schuld ist, sondern die in Gelsenkirchen traditionelle Mischung aus Ungeschick und Missgeschick.

Im Laufe der Woche hatte Sportvorstand Jochen Schneider die demonstrative Trennung vom offenbar aufsässigen Ersatzmittelstürmer Vedad Ibisevic beschlossen, ohne allerdings zu wissen, dass sich gerade eben der Stamm-Mittelstürmer Goncalo Paciencia folgenschwer am Knie verletzt hatte. Am nächsten Tag fiel dann auch Notfall-Lösung Ahmed Kutucu aus: Quarantäne. Ein Witz? Aber keiner, über den die Schalker lachen können.

Hoppe hat ein ordentliches Debüt gegeben, er hat sich gut freigelaufen und gezeigt, dass er mit dem Ball umgehen kann. Mutig war er auch, fleißig sowieso. Aber wenn Hoppe stellvertretend für den Weg von Schalke 04 steht, dann wird dieser Weg genauso weitergehen und logischerweise in den Abgrund der zweiten Liga oder gleich zum Konkursrichter führen. Dabei hatte es am Samstagabend in Mönchengladbach teilweise sogar ganz gut ausgesehen für die Schalker Verlegenheitself, die den frühen Rückstand nach Florian Neuhaus' 1:0 beachtlich verkraftete. Übrigens ein Treffer, der die seit jeher ungerechte Verteilung von Glück und Pech zwischen Spitzenteam und Abstiegskandidat sinnbildhaft vorführte: Vier bis fünf Schalker standen in der Bahn für den Schuss aus dem Hinterhalt, doch all diese Abwehrbeine wurden irgendwie "durchlöchert", wie es VfL-Trainer Marco Rose treffend ausdrückte.

Während die Borussen offenbar meinten, leichtes Spiel zu haben und die Konzentration sinken ließen, wehrten sich die Schalker energisch und dank der Hilfe ihrer besten Spieler Suat Serdar und Mark Uth auch mit fachkundiger Führung. Uth, der am Ende so viel gelaufen war, dass es wahrscheinlich für die Durchquerung der Wüste Sinai gereicht hätte, bereitete Benito Ramans Ausgleich brillant vor, und für einen Moment mochte mancher womöglich die Erzählung glauben, die Manager Schneider und Trainer Manuel Baum durch die brachiale Kader-Inventur begonnen hatten: dass Autorität und Durchgreifen gerade noch rechtzeitig zum Start des Abstiegskampfs die produktiven Kräfte in der Kabine gestärkt hätten.

Der Lauf des Spiels hat diesen Ansatz zwar nicht völlig widerlegt, aber er hat deutlich gemacht, dass die gemeinschaftliche Moral allenfalls ein Basiselement im Abstiegskampf ist - das ohne die nötige Klasse der Spieler naturgemäß nicht genügt. Die Ansammlung von Verlegenheitslösungen brachte Schalke im Borussia-Park um die Wettbewerbsfähigkeit. Matthew Hoppe und die Außenverteidiger Kilian Ludewig, 20, und Malik Thiaw, 19, taten, was sie konnten. Genug für die gegnerische Offensive mit Alassane Pléa und Marcus Thuram konnte das aber nicht sein. Auch Steven Skrzybski war stets bemüht - am Gegner kam er trotzdem nicht vorbei. Trainer Baum war daher auch nicht gewillt, im Schlechten das Gute zu suchen: "Aufwand und Ertrag" hätten nicht gestimmt, sagte er. Wo die Gladbacher mit ein paar Spielzügen ans Ziel kamen, mussten seine Schalker mit Ball die dreifache Strecke zurücklegen.

Dazu kamen die persönlichen Deckungsfehler vor allem der Nachwuchskräfte, die in der Summe zum absehbaren Kollaps führten. "Drei der vier Gegentreffer ging ein einfacher Ballverlust von uns aus. Der Gegner hat uns nicht großartig ausgespielt, wir waren selbst schuld", sagte Baum. Linksverteidiger Oscar Wendt beendete das erstaunliche Bemühen der Schalker um die eigene Führung mit dem 2:1 in der 36. Minute, nachdem ihn Skrzybski und Ludewig ungesehen hatten entwischen lassen. Spätestens in diesem Moment wendete sich die Partie zugunsten der Borussen. "Es war wieder mal ein erster Schritt", stellte Skrzybski später fest. Wieder mal nur der erste Schritt, hat er damit sagen wollen.

© SZ vom 30.11.2020
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