1860 gewinnt im Pokal:Giesinger Beben

TSV 1860 München v FC Schalke 04 - DFB Cup: Second Round

Frühes 1:0: Sascha Mölders bejubelt das Tor von Stefan Lex.

(Foto: Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Ein unwahrscheinlicher Pokal-Held sorgt für einen sehr unwahrscheinlichen Sieg: Stefan Lex, in der dritten Liga bislang noch ohne Saisontor, schießt den TSV 1860 München zum 1:0-Triumph gegen die zuletzt so formstarken Schalker.

Aus dem Stadion von Christoph Leischwitz

Es ist nur knapp drei Wochen her, da gestand Stefan Lex, seine Mannschaft sei vom Gegner "teilweise hergespielt" worden. Das war deshalb beachtlich, weil sein Arbeitgeber, der TSV 1860 München, im bayerischen Verbandspokal bei einem unterklassigen Gegner angetreten war, dem TSV Buchbach, den man völlig zurecht als Dorfklub bezeichnen darf.

Der 31-jährige Offensivspieler Lex trug mit einer Vorlage und einem Tor dann seinen Teil dazu bei, dass der TSV sich mit Ach und Krach und 3:2 in die nächste Runde hangelte. Das mochte das Betriebsklima aber auch nicht recht anheben beim Traditionsklub, der in der dritten Liga auf Rang sechzehn fristet, vor allem, weil die Stürmer kaum noch treffen - Lex in der aktuellen Saison noch kein einziges Mal.

Und so hätte es in der zweiten Runde des DFB-Pokals gegen Schalke 04 am Dienstagabend kaum einen unwahrscheinlicheren Helden geben können für einen sehr unwahrscheinlichen Sieg. Doch Lex beschaffte den Löwen die frühe Führung (5.), aus spitzem Winkel gegen die Unterkante der Latte - es war ein Schuss, der in der Liga wohl zum Misserfolg verdammt gewesen wäre. Später ließ sich Lex auch noch von Malick Thiaw notbremsen (48.) und sorgte so dafür, dass die Löwen fast eine Halbzeit lang in Überzahl spielten - und dass es gerade so reichte gegen den Favoriten.

26.10.2021, xemx, Fussball DFB Pokal 2.Runde, TSV 1860 Muenchen - FC Schalke 04 emspor, v.l. Stefan Lex (TSV 1860 Muenc

Eins, zwei, drei, wer hat den Ball? Jedenfalls nicht Schalkes Torwart Ralf Fährmann (rechts), dem rutscht der Schuss von Stefan Lex (links) gerade durch die Beine ins Tor.

(Foto: Eduard Martin/Jan Huebner/Imago)

Am Ende bedurfte es dazu freilich noch eines zweiten Helden: Torwart Marco Hiller sorgte mit seinen Paraden für das erste Zu-Null-Spiel der Sechziger seit Ende Juli. Lex gab sich nach dem Spiel ruhig und analytisch, und er spähte gleich in die Zukunft: "Wenn wir mit der Intensität und dem Mut immer spielen, dann werden wir zwangsläufig in der Liga wieder Punkte holen."

Und die Analyse der 1860-Anhänger? "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!", sangen sie.

Am Dienstagabend waren auch eine Siegesserie in Liga zwei und eine maue Unentschieden-Serie in Liga drei aufeinandergetroffen, und damit höchst unterschiedliche Gemütslagen. Münchens Trainer Michael Köllner hatte den Anhang eindringlich gebeten, das Giesinger Stadion "zum Beben" zu bringen, zumal erstmals wieder mit 15 000 Zuschauern die volle Auslastung erlaubt war und sich auch die aktive Fanszene wieder eingefunden hatte. Schalkes Trainer Dimitrios Grammozis wiederum hatte versichert, man fahre nicht nach München, "um irgendwas auszuprobieren". Simon Terodde durfte dann gar nichts probieren, der zuletzt so erfolgreiche Angreifer saß wie mehrere Schalker Stammkräfte auf der Bank. Es waren die Sechziger, die sich ausprobierten: "Wir wollten aggressives Pressing spielen, Schalke mit seiner Dreierkette unter Druck setzen, dass sie nicht ins Spiel reinkommen. Sowas wünscht man sich immer", sagte Trainer Köllner, "heute ist es in Erfüllung gegangen."

Auch Köllners anderer Wunsch ging in Erfüllung. Es bebte so einiges, die Lautsprecheranlage war offensichtlich überlastet und fiel kurz nach dem Torjubel des Stadionsprechers aus. Auch das Tor vor der Westkurve bebte, als Lex den Ball aus zehn Metern dagegen drosch (22.). Mit der Zeit entwickelte sich ein Spiel auf Augenhöhe, in dem trotzdem, wie es sich für einen Pokal-Außenseiter ziemt, jeder herausgeholte Eckstoß und jede gelungene Abwehraktion bejubelt wurde. Noch mehr so, als 1860-Keeper Hiller einen Kopfball von Marcin Kaminski an die Latte lenkte (31.).

"Elf gegen Elf waren wir besser als Elf gegen Zehn", räumt der Torschütze ein

Auch wenn den Sechzigern partout das zweite Tor nicht gelingen wollte - der Platzverweis für Schalkes Thiaw schien für den weiteren Verlauf genauso bedeutend zu sein. Geschickt hatte Lex den Ball mitgenommen, Thiaw zupfte am Arm und schien auch gleich zu wissen, welche Karte Schiedsrichter Robert Kampka ihm entgegenrecken würde (48.). Aber: "Elf gegen Elf waren wir besser als Elf gegen Zehn", fand Lex. So entwickelte sich ein spannendes Spiel, in dem die Schalker offensiv nicht unbedingt gefährlicher, dafür immer wütender angriffen. Chancen ergaben sich durch Zufälle, wie in der 71. Minute, als Hiller nach einem geblockten Ball rechtzeitig abtauchte; oder aus der Distanz, als der Torwart einen Schuss von Marius Bülter über die Latte lenkte (79.).

1860 Fankurve GER, TSV 1860 Muenchen gegen FC Schalke 04, Fussball, DFB-Pokal, 2. Runde, Saison 2021/2022, 26.10.2021.

15 000 Fans waren wieder im Stadion an der Grünwalder Straße.

(Foto: Heike Feiner/imago images/Eibner Pressefoto)

Nach einer guten Stunde durfte dann auch Terodde mitmachen. Zehn Minuten später musste Köllner seine Abwehr umstellen, als Rechtsverteidiger Yannick Deichmann und später Phillipp Steinhart verletzt den Platz verließen (72.). Nach 82 Minuten schritt Lex unter großem Applaus vom Feld, der eingewechselte Tim Linsbichler (82.) und Sascha Mölders (84.) ließen die Entscheidung liegen, die dann erst nach fünf Minuten Nachspielzeit zur Gewissheit wurde.

Gegen Ende der vergangenen Saison, als die Sechziger um den Aufstieg spielten, hatten die jetzt erstmals wieder aktiven Fans "Road to Gelsenkirchen" auf ein Banner geschrieben, als die Mannschaft sich zu einem Auswärtsspiel aufmachte. Aus dem Aufstieg wurde dann nichts, aber Schalke hat man nun trotzdem geschlagen. Und so stimmten die Fans nun den zwingend naheliegenden Gesang an, dass man sich nun eben auf den Weg nach Berlin machen werde.

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