Schach Sieg für den Kreml

Arkadij Dworkowitsch, langjähriges russisches Regierungsmitglied, wurde zum Präsidenten des Schach-Weltverbandes gekürt. Ob er das angeschlagene Image der Organisation verbessern kann, erscheint zweifelhaft.

Von Johannes Aumüller, Batumi/Frankfurt

Einer der schönsten Scherze zum Tag kam aus Moskau. Russlands Staatschef Wladimir Putin habe dem frisch gekürten Präsidenten des Schach-Weltverbandes (Fide) telefonisch zur Wahl gratuliert, teilte die Pressestelle des Kreml mit. Und Putin habe zugleich die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass mit dieser Wahl der Schachsport frei sei von politischen Einflussversuchen.

Dabei handelt es sich beim neuen Fide-Präsidenten doch um Arkadij Wladimirowitsch Dworkowitsch. Und der 48-Jährige ist seines Zeichens nicht nur Sohn eines zu Sowjet-Zeiten bekannten Schach-Großmeisters, sondern auch seit mehr als einem Jahrzehnt Teil der russischen Polit-Elite. Unter anderem war er Präsidentschaftsberater und Vize-Regierungschef.

Es war ein schmutziger Wahlkampf, der am Mittwochabend in Batumi/Georgien am Rande der Schach-Olympiade mit einem vergleichsweise knappen Ergebnis endete. Mit 103:78 Stimmen setzte sich Dworkowitsch gegen den Griechen Georgios Makropoulos durch, der sich lange Jahre Vize- und zuletzt geschäftsführender Präsident des Weltverbandes nennen durfte. Der bisherige Fide-Chef Kirsan Iljumschinow konnte nach mehr als 20 Jahren nicht mehr antreten, weil er wegen angeblicher Geschäfte mit dem syrischen Regime auf der Sanktionsliste der USA steht.

Bis zuletzt beschuldigten sich Dworkowitsch und Makropoulos gegenseitig ethischer Verfehlungen, und noch am Wahltag zog der britische Großmeister Nigel Short seine Kandidatur zurück und schloss sich offen Dworkowitsch an. Anderntags konnte er dafür via Twitter verkünden, dass er nun immerhin Vizepräsident des Weltverbandes sei. Und der Vizepräsident des Deutschen Schachbundes, Klaus Deventer, sagte noch kurz vor der Wahl: "Man muss aber befürchten, dass wieder Geld fließt - das ist ein offenes Geheimnis."

Nun also ist Dworkowitsch der neue Präsident, und im Gegensatz zu der von Putin übermittelten Hoffnung ist es eine Personalie, in die auf mehreren Ebenen die Politik hineinspielt. Die russische Führung unternimmt generell viel für einen großen Einfluss in der Sportwelt. Das ist für sie Teil der Außenpolitik - und das zeigt sich quer durch viele maßgebliche Institutionen, vom Internationalen Olympischen Komitee bis zum Fußball-Weltverband. Im Schach kommt hinzu, dass dieser Sport in den vergangenen Jahrzehnten durch Russland beziehungsweise die Sowjetunion immens geprägt wurde und er dort traditionell eine besondere Bedeutung hat.

Aber die Personalie Dworkowitsch ist auch noch aus einem anderen Grund hochpolitisch. Der gebürtige Moskauer zählt in den harten politischen Grabenkämpfen um die Gunst des Staatspräsidenten zur sogenannten liberalen Fraktion. Seine wichtigen Ämter übernahm er stets im Schlepptau von Dmitrij Medwedjew. In den Fraktionen, die seit geraumer Zeit die Oberhand haben, hat er aber starke Widersacher. So geriet auch nach Putins Wiederwahl im Frühjahr Dworkowitschs politische Karriere ins Stocken; er durfte nicht mehr stellvertretender Regierungschef sein, sondern nur noch die Stiftung des Innovationszentrums Skolkowo leiten und für kurze Zeit als Chef des Organisationskomitees der Fußball-WM 2018 agieren.

Zugleich wurde im Frühjahr das oligarchische Brüderpaar Magomed und Sijawudin Magomedow wegen des Verdachts auf Unterschlagung verhaftet, und neben dem eigentlichen Tatvorwurf sollen auch hier die üblichen Politkämpfe mitgespielt haben. Es ist kein Geheimnis, dass sich der unternehmerische Aufstieg der Magomedows in der Zeit beschleunigte, in der Medwedjew Präsident war und Dworkowitsch dessen Berater. Auch von freundschaftlichen Banden ist die Rede. Die Verhaftung dürfte daher für Dworkowitsch wie ein Warnsignal gewirkt haben, dass es ihn auch erwischen könnte. Die Übernahme des Fide-Chefpostens, so schildert es ein langjähriger Weggefährte der SZ, sei auch so etwas wie der Versuch, "internationale Immunität" zu bekommen.

Putin jedenfalls gab seinen Segen zur Kandidatur, in der Dworkowitsch offenkundig auf viel Unterstützung durch Russland bauen konnte. Russische Botschaften in aller Welt warben bei den jeweiligen Schachverbänden; Putin selbst soll sich bei einem Gespräch mit Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu für Dworkowitsch stark gemacht haben, wie aus einer internen Mail des israelischen Außenministeriums hervorgeht. Und nicht zuletzt mit Blick auf seine Drähte in Russland klang das Versprechen, in den kommenden vier Jahren bis zu 20 Millionen Dollar an Sponsorengeldern aufzutreiben, etwas glaubwürdiger. Doch manche Delegation, etwa die deutsche, versagte Dworkowitsch wegen der Kreml-Nähe die Unterstützung.

Dworkowitsch verspricht eine transparente Amtsführung - und eine Stärkung des Schulschachs

Die Entwicklung des Schulschachs sei jetzt eine der hauptsächlichen Aufgaben, erklärte Dworkowitsch nach seiner Wahl. Und dass er eine professionelle, effektive und transparente Organisation bauen wolle. Notwendig wäre das allemal. Schach als Sport mag zwar im Aufwind sein, aber das Image des Weltverbandes ist aufgrund von Iljumschinows Auftreten arg schlecht. Auch die Finanzlage sieht nicht gut aus, unter anderem ein dubioser Vertrag mit der Vermarktungsfirma Agon erzeugt in der Schachszene schon seit Jahren Unmut.

Die Anliegen der Spitzenakteure wiederum spielen eine viel zu geringe Rolle und müssten stärker beachtet werden. Aber nicht nur mancher Delegierter aus westeuropäischen Verbänden ist skeptisch, ob ausgerechnet der Kreml-Mann Dworkowitsch nun die notwendigen Änderungen bewirken kann.