Deutscher Schachbund„Manipulationen und Intrigen“

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Richard Lutz war bis 2025 Chef der Deutschen Bahn.
Richard Lutz war bis 2025 Chef der Deutschen Bahn. Karl-Josef Hildenbrand / AFP
  • Ex-Bahn-Chef Richard Lutz zieht seine Kandidatur als Präsident des Deutschen Schachbundes zurück und wirft den Landesverbänden "Manipulationen und Intrigen" vor.
  • Lutz scheiterte an seiner Bedingung, sich seine drei Vize-Präsidenten selbst aussuchen zu dürfen, was viele als undemokratisch kritisierten.
  • Beim außerordentlichen Bundeskongress am Samstag könnte die umstrittene Präsidentin Ingrid Lauterbach abgewählt werden, aber ohne Gegenkandidaten dastehen.
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Ex-Bahn-Chef Richard Lutz möchte doch nicht mehr Präsident des Deutschen Schachbundes werden – er macht den Landesverbänden schwere Vorwürfe.

Von David Kulessa

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Richard Lutz war nicht völlig naiv an die Sache herangegangen. Als der ehemalige Vorstandschef der Deutschen Bahn Mitte April seine Bereitschaft zur Kandidatur als Präsident des Deutschen Schachbundes (DSB) per Mail bekannt gab, schrieb er an die wahlberechtigten Mitglieder des DSB-Bundeskongresses unter anderem von „Misstrauen, Eigeninteressen, Spaltung und Lagerbildung“ innerhalb des Verbandes. Er ahnte also, in welche Schlangengrube er sich begab. Aber es wirkt, als habe er die Zustände dennoch unterschätzt. Das zumindest wäre eine Erklärung dafür, warum Lutz nur drei Wochen nach seinem ersten Schreiben ein zweites herumschickte, Betreff: „Verzicht auf Team-Kandidatur als DSB-Präsidium beim außerordentlichen Bundeskongress am 16. Mai 2026“.

Die fünf Seiten, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen, gleichen einer Abrechnung. Insbesondere die Landesverbände, die die allermeisten Stimmen bei der Wahl eines neuen Präsidiums in sich vereinen, kritisiert der 62-Jährige scharf. Nach seinem Eindruck herrsche eine tiefe Spaltung und man verharre vielerorts in „tradierten Ritualen von Machterhalt, Einflussnahme und Geltungsbedürfnis“, so Lutz, der zudem von „Manipulationen und Intrigen“ schreibt, die er für „verwerflich und unanständig“ halte. „Ich sage das übrigens ohne negative Emotionen: Ich bin weder beleidigt noch verärgert.“ Auf eine Gesprächsanfrage der SZ reagierte Richard Lutz bis Montagnachmittag nicht.

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Hörte man sich in den vergangenen Wochen unter den Landesverbänden um, waren da in Bezug auf die mögliche Kandidatur des Ex-Bahn-Chefs vor allem zwei Dinge zu vernehmen: Erleichterung und Befremden.

Erleichtert waren viele, dass sich in Richard Lutz ein mutmaßlich fähiger Manager (und lebenslanger Schachspieler) bereit erklärt hatte, den zerstrittenen Verband zu übernehmen. Denn dass es, vorsichtig ausgedrückt, Verbesserungspotenzial gibt, bestreiten die wenigsten. Das aktuelle Präsidium um Ingrid Lauterbach, die seit Mai 2023 im Amt ist, gilt vielen als nicht länger hinnehmbar. Dabei geht es weniger um die inhaltliche Arbeit – Lauterbach hat den DSB unter anderem aus einer schweren finanziellen Krise geführt –, sondern mehr um ihren Führungs- und Kommunikationsstil. Es heißt, sie vertraue weder ihren Mitarbeitern noch ihren Kollegen aus dem Präsidium und sei weitgehend beratungsresistent – was sie immer wieder zurückgewiesen hat, zuletzt am Montag im Gespräch mit der SZ: Es würden „Unwahrheiten“ verbreitet, und einige Leute nähmen sich selbst „zu wichtig“, so Lauterbach am Telefon. Im Juni 2025 wurde sie trotz allem mit knapper Mehrheit für eine zweite Amtszeit gewählt. Ruhe kehrte deshalb aber nicht ein, im Gegenteil.

Aus Ärger über die fristlose Kündigung einer langjährigen und beliebten Mitarbeiterin auf der DSB-Geschäftsstelle wollten die Landesvorsitzenden bereits im vergangenen Oktober eine Art Vertrauensfrage stellen. Das scheiterte zwar an formalen Hürden, aber nachdem wenige Monate später auch noch Lauterbachs Vize-Präsident Finanzen, Alexander von Gleich, zurücktrat, galten ihre Tage als DSB-Präsidentin endgültig als gezählt. Es wurde ein außerordentlicher Bundeskongress einberufen, der diesen Samstag in Frankfurt am Main stattfindet. Unter anderem ein Antrag zur Abwahl des Lauterbach-Präsidiums steht dabei auf der Tagesordnung. Es galt als sehr wahrscheinlich, dass der Antrag Erfolg haben würde. Bis Richard Lutz seine Kandidatur zurückzog.

Gestolpert ist Richard Lutz wohl über seine zentrale Bedingung: Er wollte sich seine Vizepräsidenten selbst aussuchen

Womit man beim Befremden angelangt wäre: Denn so groß die Zustimmung für Richard Lutz als DSB-Präsident war, mindestens so groß war auch die Skepsis, mit der viele seiner zentralen Forderung begegneten. Lutz hatte es zur Bedingung gemacht, dass er sich seine drei Vizepräsidenten selbst aussucht und das Amt nur antritt, wenn der Bundeskongress sein gesamtes Team unterstützt. Das wollten auch viele seiner Unterstützer wohl nicht mitmachen. Sie kritisierten in Gesprächen mit der SZ sowohl das angeblich undemokratische Vorgehen als auch einige der Personen im Team Lutz. Der kann das offenkundig nicht nachvollziehen und schreibt: „Wer sich zuletzt darüber ausgelassen hat, dass im Präsidium nicht zusammengearbeitet wird und dies negativ auf die gesamte Verbandsarbeit ausstrahlt, sollte sich nicht wundern, dass ich nur mit einem loyalen und kollegialen Team antreten will, das sich untereinander vertraut und gegenseitig unterstützt.“

Und jetzt? Könnte es zu der skurrilen Situation kommen, dass Ingrid Lauterbach am Samstag zunächst abgewählt wird – und bei der anschließenden Neuwahl dennoch ohne Gegenkandidaten dasteht. Bislang jedenfalls gibt es niemanden, der statt Richard Lutz gegen Ingrid Lauterbach antreten möchte, die wiederum als fest entschlossen gilt, nicht zurückzutreten, aller Kritik an ihrer Person zum Trotz. Man kann sich den sarkastischen Unterton also ruhig dazudenken, am Ende des Schreibens von Richard Lutz: „Ich wünsche Ihnen persönlich und dem DSB alles Gute, hoffe auf einen erfolgreichen Verlauf des Bundeskongresses und verbleibe mit besten schachlichen Grüßen!“

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