Am Samstag war Daniel Naroditsky wieder da. „Ihr dachtet wohl, ich wäre verschwunden“, sagte er zu Beginn des Youtube-Videos, dem ersten nach fast zwei Monaten Sendepause. „Ich bin zurück, mir geht es besser denn je.“ Eine kreative Pause habe er sich genommen und überlegt, welche Inhalte er in Zukunft machen möchte, erklärte er. Dann wandte er sich dem digitalen Schachbrett auf seinem Bildschirm zu und tat eine gute Stunde lang, wofür ihm Hunderttausende im Internet folgten und bewunderten: Er spielte und erklärte Schach.
Nur zwei Tage, nachdem er das Video hochgeladen hatte, teilte seine Familie am Montag in einer kurzen Stellungnahme mit, dass Daniel Naroditsky gestorben ist. Der US-amerikanische Schachgroßmeister wäre in weniger als drei Wochen 30 Jahre alt geworden. „Lasst uns Daniel für seine Leidenschaft und Liebe für das Schachspiel in Erinnerung behalten, und für die Freude und Inspiration, die er uns jeden Tag beschert hat“, so die Familie. Über die Todesursache ist bislang nichts bekannt.
In der Schachwelt hat die Nachricht große Bestürzung ausgelöst. Hikaru Nakamura, der aktuell stärkste Spieler der USA und Weltranglistenzweite, schrieb bei X, er sei am Boden zerstört: „Das ist ein riesiger Verlust für die Schachwelt.“ Die ungarische Großmeisterin Judit Polgár schrieb, ebenfalls bei X: „Er war ein sehr freundlicher Mensch, ein starker Schachspieler und ein großartiger Schachkommentator.“ Bei den nationalen US-Meisterschaften, die gerade in St. Louis stattfinden, gedachten die Teilnehmer Naroditsky mit einem Moment des Schweigens.
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Daniel Naroditsky, Jahrgang 1995, hat als Sechsjähriger mit Schach angefangen. Der New York Times erzählte er einmal, dass er sich nicht auf den ersten Blick in das Spiel verliebt habe, das der Vater ihm und seinem vier Jahre älteren Bruder Alan beigebracht hatte. Doch bald schon verbrachten er und Alan immer mehr und mehr Zeit am Schachbrett.
Das größere Talent war freilich Daniel, Spitzname Danya: 2007 gewann er die Schachweltmeisterschaft der unter Zwölfjährigen, den begehrten Großmeistertitel bekam er 2013 verliehen. Dennoch entschied er sich gegen eine Karriere als Profi und studierte stattdessen Geschichte in Stanford.

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Flapsig gesagt, ist das ein Mensch, der ziemlich gut Schach spielen kann. Und einen komplexen Katalog an Kriterien erfüllt haben muss, so wie der jetzt gestorbene Daniel Naroditsky, 29.
Während des Studiums lernte er den Gründer und Leiter des Schachzentrums in Charlotte, North Carolina, kennen, wo er nach seinem Bachelorabschluss begann, als Schachlehrer zu arbeiten. Als aktiver Spieler kratzte er in dieser Zeit immer mal wieder an den Top 100 der Weltrangliste, im Schnell- und Blitzschach war er besonders stark, doch die größte Freude, merkte er, machte ihm das Unterrichten.
Für Anfänger kann Schach ein sehr frustrierendes Spiel sein. „Man benötigt extreme Geduld“, sagte Naroditsky einmal, „denn mehr als in jedem anderen Spiel wirst du eine ganze Weile richtig schlecht sein.“ Doch kaum jemand verstand es so gut wie Naroditsky selbst, Anfänger bei ihren ersten Schritten zu begleiten. Er unterrichtete Gruppen im Schachzentrum, gab Einzelunterricht – und ließ im Internet Hunderttausende an seiner Schachwelt teilhaben. Charlie White, einer seiner ehemaligen Schüler und ein bekannter Youtuber, sagte in einem Video am Montag: „Ich weiß nicht, ob wir jemals wieder jemanden wie Daniel sehen werden: so lehrreich, so unterhaltsam und so geduldig.“
Er geriet in eine Kontroverse um Betrugsvorwürfe des Ex-Weltmeisters Wladimir Kramnik
Schon früh begann Naroditsky auch, über Schach zu schreiben. Als Student betreute er eine Kolumne für die renommierte Zeitschrift Chess Life, und 2022 übernahm er das Schachrätsel in der New York Times. Zudem war er Autor mehrerer Bücher über Schach und kommentierte für die Plattform chess.com zahlreiche Turniere live. Seine Begeisterung und seine Liebe für Schach waren ansteckend, kaum jemand war in der Lage, dieses hochkomplexe Spiel so niedrigschwellig und so unterhaltsam zu erklären wie er.
Dass er zuletzt in eine Kontroverse rund um Betrugsvorwürfe des Ex-Weltmeisters Wladimir Kramnik geriet, beschäftigte ihn sehr, wie Naroditsky selbst in mehreren Interviews sagte. Auch deshalb freuten sich so viele, ihn am Wochenende endlich wieder vor der Kamera zu sehen. Dass an den Vorwürfen etwas dran ist, glaubt niemand in der Schachwelt.
Einer von Daniel Naroditskys engsten Freunden war der ukrainische Großmeister Oleksandr Bortnyk. In einem Livestream zu Ehren seines verstorbenen Freundes erzählte Bortnyk nun, was seine letzten Worte an Naroditsky gewesen seien: „Danya, mach dir keine Sorgen. Ich liebe dich so sehr.“

