Schach Londons Sizilien

Zehn Remis bei der Schach-WM: Der Name der Insel prägt das Duell zwischen Caruana und Carlsen - wegen einer speziellen Verteidigung.

Von Johannes Aumüller

Der Weg nach Sizilien dauert von der Spielstätte der Schach-WM aus nicht lange. Einfach raus dem Holborn College im Herzen Londons und rein in das innerstädtische Treiben, einmal die Southampton Row queren und noch ein paar Dutzend Schritte weiter, und schon ist da eine Straße namens Sicilian Avenue.

Natürlich haben Londons damalige Stadtplaner nicht an die Schach-WM 2018 gedacht, als sie vor etwas mehr als einem Jahrhundert den Architekten R. J. Worley diese Fußgängerzone anlegen ließen, in der zum Beispiel die aufgestellten Säulen an südeuropäische Mittelmeer-kultur erinnern sollen. Aber Sizilien ist doch auf dem besten Weg, ein Schlüsselbegriff dieses WM-Kampfes zu werden.

Zehn Partien haben Titelträger Magnus Carlsen aus Norwegen und sein Herausforderer Fabiano Caruana aus den USA bisher bestritten, alle zehn endeten remis. Gleich fünfmal kam dabei die Sizilianische Verteidigung aufs Brett - auch in der bisher letzten Partie am Donnerstagabend, in der Caruana nach einem beiderseits riskanten Spiel und in einer komplexen Stellung für einen Moment ein Fenster öffnete, um vielleicht noch mehr herauszuholen als ein weiteres Unentschieden. Doch er traute sich im 24. Zug nicht, mit seinem Läufer einen Bauern Carlsens zu schlagen, weil er einen komplizierten Gegenangriff des Weltmeisters fürchtete. Und so einigte er sich 30 Züge später mit seinem Kombattanten erneut auf ein Remis.

Sehr oft führt diese Konstellation zu harten Auseinandersetzungen

Sizilianisch ist also als Schlüsselwort. Im Laufe der Jahrhunderte hat die Schachwelt verschiedenen Eröffnungen Namen verpasst, in der Regel heißen sie nach Ländern, Regionen oder einzelnen Spielern. Und so gibt es etwa Spanisch, Italienisch oder Russisch, Katalanisch, Skandinavisch oder Bird, eine Deutsche Eröffnung übrigens nicht, aber dafür eine Berliner Verteidigung - und eben auch eine Sizilianische, deren Bezeichnung auf einen sizilianischen Priester aus dem 17. Jahrhundert zurückgeht.

Schon lange zählt diese Eröffnung zu den populärsten, und das Grundkonzept ist klar: Weiß zieht seinen e-Bauern zwei Felder nach vorne und Schwarz daraufhin seinen c-Bauern ebenfalls. Danach gibt es zwar zig Varianten und Untervarianten, ein paar weniger scharfe und ein paar schärfere, aber sehr oft führt diese Konstellation zu harten Auseinandersetzungen. In London kam es zu dieser Sizilianischen Verteidigung bisher interessanterweise nur, wenn Caruana mit den weißen Figuren spielte und Carlsen mit den schwarzen. Und in jeder dieser Partien gab es in den ersten Zügen eine kleine Neuerung zu sehen, das heißt, ein Manöver, das sich ein Spieler in der Vorbereitung mit dem Computer und seinen Sekundanten genau angeschaut hatte - und auf das der andere dann am Brett entsprechend reagieren musste.

Einmal, und zwar ganz am Anfang des Turniers, war es der Weltmeister Magnus Carlsen, der daraus einen Vorteil zog und sich eine so gute Stellung verschaffte, dass er im Grunde hätte gewinnen müssen. Aber danach stabilisierte sich Fabiano Caruana - und brachte seinen Gegenüber in den vergangenen beiden Sizilianisch-Partien zumindest etwas in die Bredouille. In den beiden abschließenden Duellen darf jeder der beiden Akteure noch einmal mit Weiß beginnen. Gut vorstellbar, dass es noch einmal zu einem Sizilianer kommt.

Alle Partien in der Video-Analyse auf sz.de/schachvideo. Die elfte Partie am Samstag (von 16 Uhr an) live auf sz.de/schachliveticker.