Schach-Kandidatenturnier Finger in die Ohren

Auch er hielt sich die Ohren zu: Fabiano Caruana beim Schach-Kandidatenturnier in Berlin.

(Foto: Getty Images for World Chess)
  • Schach soll spannender und aufregender daherkommen, so wünschen sich das die umstrittene Spitze des Weltverbandes Fide und sein Vermarkter Agon.
  • In Berlin findet das WM-Kandidatenturnier nun im baufällig-hippen Kühlhaus statt, einem alten Industriegebäude.
  • Die Teilnehmer klagen über Lärm - und sogar den Zustand der Toiletten.
Von Johannes Aumüller, Berlin

Über fünf Stockwerke fällt ein großes schwarzes Plakat herab, dahinter sind noch Gerüste zu sehen. Wer ins Gebäude hinein will, muss zunächst in einen Hinterhof, einmal links rum, und dann ist er drin in diesem Backstein-Klotz, in den nahezu kein Tageslicht fällt. Das Kühlhaus zu Berlin ist der Ort, an dem in diesen Tagen acht der weltbesten Schachspieler den Herausforderer von Weltmeister Magnus Carlsen ermitteln. Und der Ort erzeugt durchaus Diskussionen. Die Veranstalter erzählen zwar, wie toll und außergewöhnlich das Ambiente sei. Aber zugleich klagen die Sportler zum Auftakt, dass sie mit den Rahmenbedingungen nicht zufrieden sind.

Auch im Schach zählt Vermarktung viel. Der Denksport soll spannender und aufregender daherkommen, so wünschen sich das die umstrittene Spitze des Weltverbandes Fide und sein Vermarkter Agon, die auf undurchsichtige Weise miteinander verbandelt sind. Da kommt es schon mal vor, dass das Logo für die nächste WM aus zwei Personen besteht, die eng umschlungen in einer an Kamasutra erinnernden Pose Schach spielen. Bei Großevents führt das dazu, dass Fide und Agon wegkommen wollen von klassischen Sälen, in denen die Profis auf einer Bühne sitzen. Doch so ungewöhnlich wie in Berlin war es selten.

Vier abgetrennte Boxen, aber ohne Lärmschutz

Das Kühlhaus ist ein altes Industriegebäude, von 1901 an diente es viele Jahrzehnte als Kühl- und Lagerhalle. Jetzt steht es unter Denkmalschutz, sieht baufällig und roh aus, aber vor ein paar Jahren entdeckte es jemand als hippen Ort für Veranstaltungen aller Art.

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Drinnen sitzen die Spieler in der untersten Etage, in vier abgetrennten Boxen, aber ohne Lärmschutz. Die Zuschauer sitzen nicht brav in Stuhlreihen, sondern können von zwei höheren Etagen wie von einer Galerie direkt auf die Sportler und die Bretter hinunterblicken. Stühle gibt es da zwar keine, was bei Partiedauern von bis zu sechs Stunden zwangsläufig dazu führt, dass sich viele Zuschauer noch zwei Etagen weiter oben aufhalten. Da erklären zwei Großmeister am Computer, welcher Spieler mit seinen Figuren gerade wie gut steht und welche Pläne verfolgen könnte.

Von jedem Ort aus lässt sich jedenfalls verfolgen, dass es anders als bei früheren Kandidatenturnieren kein langes Abtasten in dieser 14 Runden dauernden Veranstaltung gibt, sondern gleich einige scharfe Anlagen. Der Armenier Aronjan versucht es mit einer wilden Variante und einer letztlich vergeblichen Jagd auf die Dame des Chinesen Ding, der russische Routinier Kramnik bietet ein paar kleine Tricks, die seinem Landsmann Grischuk viel Zeit kosten, und der Aserbaidschaner Mamedjarow beeindruckt mit seiner Technik. Wenn das so weitergeht wie am Auftakt-Wochenende, könnten es zweieinhalb durchaus unterhaltsame Wochen werden, bis der Herausforderer von Carlsen feststeht.

Doch bei den Teilnehmern kommt die Konzeption des Austragungsortes nicht gut an. Schachspieler brauchen absolute Ruhe, wenn sie denken und kalkulieren - aber im baufällig-hippen Kühlhaus ist das nicht gegeben. Wer sich auf der Spieler-Ebene aufhält, hört oft ein lautes Husten oder eine knallende Tür, ebenso manches Gespräch; mit die höchste Dezibel-Zahl erreicht dabei eine Stimme hinterm Vorhang, die stark nach der des geschäftsführenden Fide-Präsidenten Georgios Makropoulos klingt.

Sogar Karjakin, der höfliche Russe, ist erbost

Der Russe Karjakin schielt manchmal leicht genervt nach oben, seine schlechte Position verstärkt das genervte Schielen sicher. Der Armenier Aronjan drückt sich die Mittelfinger in die Ohren. Und mehrere Teilnehmer geben sich nachher verärgert. "Es gibt ein Problem mit dem Lärm", sagt selbst Wladimir Kramnik, der mit den russisch dominierten Organisationen Fide und mit Agon im Grunde gut verbandelt ist: Er bekam eine Wildcard fürs Turnier. Das sei schon in der Spielerbesprechung vor der ersten Runde ein Thema gewesen und das müsse sich ändern.

Die Geräuschkulisse ist nicht das einzige, was die Spieler stört. Der Aserbaidschaner Schachrijar Mamedjarow, als Nummer zwei der Weltrangliste der formal stärkste Teilnehmer, berichtet nach dem ersten Turniertag erstaunt, dass im Aufenthaltsraum der Spieler ein Experten-Kommentar zum Geschehen zu hören war - wie leicht ist da ein Einfluss vorstellbar? Die Kombattanten Kramnik und Grischuk monieren den Zustand der Spielertoilette. Und Karjakin, Gewinner des vergangenen Kandidatenturniers, sagt, ihm gefalle gar nichts. Das war sicher auch dem Frust über die Auftakt-Niederlage geschuldet. Aber für den gemeinhin höflichen Russen etwa so ungewöhnlich wie der Spielort für ein Schachturnier.

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