Schach "Ich fühle mich als Schachspielerin durchaus diskriminiert"

Elisabeth Pähtz ist seit Jahren die beste Schachspielerin in Deutschland.

(Foto: Lars OA Hedlund)

Weniger Geld, kein eigener Bundestrainer: Elisabeth Pähtz, die beste deutsche Spielerin, bemängelt die untergeordnete Rolle des Frauenschachs.

Interview von Jakob Maurer

In London läuft gerade die Schachweltmeisterschaft, der US-Amerikaner Fabiano Caruana, 26, spielt gegen Titelverteidiger Magnus Carlsen, 27, aus Norwegen - und auf der gesamten Welt wird mitgefiebert. In der Schachwelt dominieren weiterhin die Männer.

Elisabeth Pähtz, 33, ist seit Jahren die beste Schachspielerin in Deutschland. 2018 wurde sie Europameisterin im Schnellschach und Vizeeuropameisterin im Blitzschach. Im Interview spricht die Erfurterin über Reformen im Frauenschach und darüber, wann die erste Frau einen Weltmeister herausfordert könnte.

Interview am Morgen

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SZ: Frau Pähtz, verfolgen Sie die Schach-WM?

Elisabeth Pähtz: Selbstverständlich, ich beobachte eigentlich jedes Spiel von Spielern aus den Top 10 oder Top 20.

Mit Carlsen und Caruana treten wieder einmal zwei Männer gegeneinander an. Wie steht es eigentlich um das Frauenschach?

Mittlerweile ist es mehr und mehr im Kommen, dass Frauen Schach spielen. Der Frauenanteil liegt zwar immer noch bei zehn, elf Prozent, aber es ist in den vergangenen Jahren wesentlich populärer geworden.

Haben Sie als Spitzenspielerin je Ausgrenzung oder Ablehnung erfahren?

Ich bin seit 2005 die deutsche Nummer eins und hatte leider nie das Gefühl, dass Frauenschach bei uns auch nur eine annähernd gleichberechtigte Rolle spielt. Und das, obwohl ich in der Weltrangliste der Frauen mit Platz 10 bis 20 immer deutlich besser platziert war als unsere besten Männer.

Woher kommt das Gefühl?

In mancherlei Hinsicht wird bei uns im Schach nicht zwischen Männern und Frauen unterschieden. Die Stärke eines Spielers beziehungsweise einer Spielerin bemisst sich nach der sogenannten Elozahl und da liegen die Männer im Vergleich deutlich höher. Unabhängig von der Position in der Weltrangliste werden danach zum Beispiel in Deutschland Honorare bei Wettkämpfen der Nationalmannschaft gezahlt. Sprich, ich bin als Nummer 13 der Frauen finanziell deutlich schlechter gestellt als eine Nummer 150 der Männer. Bei den Grand-Slam-Turnieren im Tennis werden Frauen mit Männern meines Wissens inzwischen nahezu gleichgestellt, obwohl niemand bestreiten wird, dass die Männer besser spielen.

Was müsste sich ändern?

Wir haben zum Beispiel keinen Frauen-Bundestrainer. Dafür fehlt zum einen das Geld, zum anderen betrachtet man es nach meinem Eindruck auch nicht als zwingend erforderlich. Wir haben mit dem Chess Classic in Baden-Baden und den Dortmunder Schachtagen jährlich zwei Superturniere auf deutschen Boden. Irgendwelche Bemühungen, etwas Vergleichbares für die Frauen zu schaffen, hat es meines Wissens nie gegeben. Zusammengefasst fühle ich mich als Schachspielerin durchaus diskriminiert. Ähnlich geht es meinen Kolleginnen fast auf der ganzen Welt.

Beim Kandidatenturnier im März dieses Jahres in Berlin, bei dem der Herausforderer für Magnus Carlsen ermittelt wurde, führten Sie bei einer Partie den symbolischen ersten Zug aus - dann übernahmen zwei Männer. Theoretisch dürften aber auch Frauen mitspielen. Ist absehbar, wann die erste Schachspielerin um den Weltmeistertitel konkurriert?

Ich denke nicht, dass das in den nächsten zehn, zwanzig Jahren passieren wird. Weder Hou Yifan, die aktuell die stärkste Frau der Welt ist und in der Weltrangliste auf Platz 91 liegt, noch Judit Polgár (frühere Topspielerin aus Ungarn; Anm. d. Red.) haben es geschafft, sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren. Und für die Nachfolge ist zurzeit noch keine Spielerin in Sicht, die ein Talent wie das der beiden aufweisen kann.

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Als Grund dafür, dass es im Schach mehr Topspieler als Topspielerinnen gibt, wird oft angeführt, dass schlichtweg sehr viel mehr Männer im Schach aktiv sind als Frauen. Warum ist das so?

Statistisch ist das richtig. Es ist die gleiche Frage wie: Warum studieren weniger Frauen Mathematik als Männer? So kann man es vergleichen. Schach ist ein Wissenschaftsspiel und der wissenschaftliche Bereich war immer mehr eine Männerdomäne. Aber meines Erachtens gibt es noch andere Gründe dafür, dass Männer im Schach überlegen sind. Ich bin zum Beispiel der Meinung, dass Männer sich besser komplett auf eine Sache konzentrieren können.

Die erwähnte Hou Yifan hat sich 2016 dazu entschieden, nicht mehr an der Frauenschach-WM teilzunehmen, da der Modus komplizierter als bei den Männern ist. Können Sie ihre Entscheidung nachvollziehen?

Ja, denn die alte Präsidentschaft hat sich nie bemüht, diesen Modus zu ändern. Die Weltmeisterin musste ihren Titel jedes Mal in einem K.-o.-Sys­tem verteidigen. Der neue Präsident, Arkadi Dworkowitsch, hat jetzt versprochen, dass er genau dieses Problem beseitigen möchte und die Weltmeisterschaft an die der Männer anpassen will. Das heißt, es soll analog zu den Männern ein Kandidatinnenturnier geben, in dem eine Herausforderin für die Weltmeisterin ermittelt wird.

Was halten Sie davon?

Das ist sehr positiv für uns. Das könnte ein Schritt in die Richtung sein, dass Männer- und Frauenschach in den nächsten Jahren mehr oder weniger im Gleichgewicht sind und dass man nicht mehr das Gefühl hat, dass Frauenschach nicht so ernst genommen wird.

Sie haben über Ihren Vater, Thomas Pähtz, selbst Schach-Großmeister, schon sehr früh angefangen, Schach zu spielen. Was hat sich seither für den weiblichen Nachwuchs geändert und was muss noch passieren?

Meiner Wahrnehmung nach wird schon vieles dafür getan, dass mehr Mädchen zum Schach finden. Für junge Schachspielerinnen gibt es viel mehr Turniere als früher. Ich war ja vor allem in den neunziger Jahren als Kind aktiv und damals gab es noch nicht so viele starke Turniere und nicht mit solchen Preisgeldern und so einem professionellen Ambiente. Schach ist auf jeden Fall attraktiver für Frauen geworden.

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