Magnus Carlsen verzog kaum eine Miene, als er am Donnerstag in Budapest die Trophäe für den besten Schachspieler in der hundertjährigen Geschichte des Schachweltverbands Fide entgegennahm. „Meiner Meinung nach hatte Garri Kasparow eine bessere Karriere“, sagte Carlsen. Er schloss seine einminütige Rede mit einer Forderung an die Fide, von der er sicher war, sie sei im Sinne des Putin-Kritikers Kasparow: Carlsen sprach sich „gegen die Wiedereingliederung der russischen und belarussischen Schachföderationen“ aus.
Damit schloss sich der Weltranglistenerste und bekannteste Schachspieler der Welt einer Bewegung an, die der Deutsche Schachbund (DSB) unter Präsidentin Ingrid Lauterbach angeführt hatte – und die am Sonntag ihr Ziel erreichte. Bei der Fide-Generalversammlung stimmte die Mehrheit der nationalen Verbände gegen den Antrag des kirgisischen Verbandes, die Beschränkungen für russische und belarussische Schachspieler aufzuheben. Sie dürfen bei Fide-Wettbewerben somit weiter nur unter neutraler Flagge antreten, ihre Hymne wird nicht gespielt und bei Team-Events gibt es keine russische oder belarussische Nationalmannschaft.
Kreml-Sprecher Peskow kündigt an: „Unser Schachverband wird weiter daran arbeiten, dass am Ende alle Sanktionen aufgehoben werden.“
Lange hatten sich die westlichen Verbände mit ihrer Opposition in der Minderheit befunden. Für ein Umdenken bei vielen sorgte letztlich wohl ein vom DSB organisierter Brief des ARISF, dem Verband der vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anerkannten Sportverbände, deren Disziplinen nicht olympisch sind. Die Fide ist dort Mitglied, und auch wenn der ARISF in dem Schreiben nicht explizit mit dem Ausschluss drohte, sprach er doch die „Ermutigung“ aus, dass sich die Fide beim Umgang mit Athleten aus Russland und Belarus weiter an die IOC-Empfehlungen hält.

Schach:Russland drängt zurück ans Brett
Als erster anerkannter Sportverband könnte die Fide am Wochenende die Beschränkungen für russische Athleten aufheben. Vor allem westliche Vertreter hoffen auf Konsequenzen – doch diese sind völlig offen.
Die Fide wäre der erste vom IOC anerkannte Sportverband gewesen, der die Beschränkungen für russische Athleten aufhebt. Das wäre womöglich einem Dammbruch gleichgekommen. Doch unter zunehmendem Druck war das Vorhaben angeblich auch dem russischen Fide-Präsidenten Arkadij Dworkowitsch irgendwann zu heiß geworden und er sprach sich im Fide-Rat, dem Exekutivorgan des Verbandes, dagegen aus. Andreij Filatow, Präsident des russischen Schachverbandes, teilte der staatlichen Nachrichtenagentur Tass mit, er sei „überrascht“ darüber, dass der Fide-Chef plötzlich auf das IOC höre.
Bei der Abstimmung der Generalversammlung war Dworkowitsch dann nicht anwesend. Auf das Ergebnis reagierte aber sogar der Pressesprecher von Wladimir Putin, Dmitrij Peskow. Er sagte am Montag: „Unser Schachverband wird weiter daran arbeiten, dass am Ende alle Sanktionen aufgehoben werden.“

