Schach:Carlsen wirft Niemann konkret Betrug vor

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Schach: Magnus Carlsen (li.) im Denkerduell mit Hans Niemann: Hat der US-Schachspieler seinen Kontrahenten betrogen?

Magnus Carlsen (li.) im Denkerduell mit Hans Niemann: Hat der US-Schachspieler seinen Kontrahenten betrogen?

(Foto: Crystal Fuller/dpa)

Der Weltmeister erklärt erstmals seinen Rückzug im Duell mit dem jungen Amerikaner - der soll in einer Partie der beiden geschummelt haben.

Game of Thrones war gestern, jetzt kommt das Spiel der Könige. "Ich glaube, dass Niemann mehr - auch in letzter Zeit - betrogen hat, als er öffentlich zugegeben hat", schrieb Norwegens Schach-Weltmeister Magnus Carlsen in einem offenen Brief am Montag auf Twitter. Hans Niemann, der 19-jährige US-Teenager mit der wilden Lockenpracht und der unangepassten Art: Kein Supertalent, sondern ein schnöder Schummler?

Betrug - das Wort ist jedenfalls auf dem Markt, und es hat eine Druckwelle ausgelöst, deren Folgen die Welt der Denker und Strategen wohl ordentlich durchschütteln werden. Niemanns Fortschritte, so Carlsen, seien "ungewöhnlich", bei einem der letzten Duelle habe er den Eindruck gehabt, Niemann sei "nicht angespannt und noch nicht einmal voll konzentriert auf das Spiel in kritischen Positionen" gewesen: "Während er mich mit Schwarz auf eine Weise ausspielte, wie es meiner Meinung nach nur eine Handvoll Spieler können."

Mit seiner Behauptung, für die er freilich noch keinerlei Beweise vorlegte, steht Carlsen nicht alleine da. Schon einen Tag vor dem aufsehenerregenden Tweet des Norwegers hatte FIDE-Meisterin Yosha Iglesias auf ihrem YouTube-Kanal eine Analyse präsentiert, die für Niemann in der jüngeren Vergangenheit einige sogenannte 100-Prozent-Spiele auswies. Ein Wert, den in dieser Häufigkeit normalerweise nur ein Schach-Computer erreicht. Carlsen möchte jedenfalls nicht mehr "gegen Leute spielen, die in der Vergangenheit wiederholt betrogen haben, weil ich nicht weiß, wozu sie in Zukunft in der Lage sind".

Mehr könne er im Moment nicht sagen, "ich hoffe aber, dass die Wahrheit in dieser Sache herauskommt, was immer sie sein mag." Immerhin hat Niemann selbst zugegeben, im Alter von 16 Jahren bei virtuellen Turnieren zweimal betrogen zu haben. Er bereue das heute zutiefst, versicherte Teenager, und er schäme sich dafür. Er sei bereit, komplett nackt zu spielen, um zu beweisen, dass er keine Hilfsmittel nutze: "Ich weiß, dass ich sauber bin."

Aber wie funktioniert denn überhaupt Betrug im Schach? Eric Hansen etwa, Großmeister aus Kanada, sprach öffentlich über die Möglichkeit, mithilfe von Analkugeln Vibrationssignale zu empfangen, um die nächsten Züge zu planen. Dann gibt es da noch das sogenannte "Touch-Move-Regel", die besagt, dass eine Figur, die berührt wurde, auch dann gespielt werden muss, wenn sich der Spieler kurzfristig umentschieden hat. Sobald die Figur losgelassen wird, darf kein Zug mehr damit gemacht werden.

Ausgerechnet einer der berühmtesten Namen der Schach-Geschichte hat es damit nicht so genau genommen: Der mehrfache Weltmeister Garri Kasparow gewann 1994 eine WM-Partie gegen die Ungarin Judit Polgar, nachdem er eine Figur losgelassen und eine andere gespielt hatte. Videoaufzeichnungen zeigten, dass Kasparow die Hand eine Viertelsekunde lang von einer Figur genommen hatte, um sich neu zu orientieren - offiziell belangt wurde er deshalb nie. Die Partie gewann er.

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