Schachspieler Blübaum„Eine absolut verrückte Leistung“

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Matthias Blübaum, hier im Mai bei den deutschen Meisterschaften.
Matthias Blübaum, hier im Mai bei den deutschen Meisterschaften. (Foto: Frank Hoppe/Deutscher Schachbund)
  • Matthias Blübaum qualifiziert sich als erster Deutscher seit über 30 Jahren für das WM-Kandidatenturnier durch Platz zwei beim Grand Swiss in Samarkand.
  • Der 28-jährige Lemgoer besiegte hochkarätige Gegner und setzte sich gegen den favorisierten Vincent Keymer durch, der nur Fünfter wurde.
  • Blübaum arbeitet ohne Trainer oder große Sponsoren als sein eigenes Team und wurde früher als "kein sehr starker Spieler" kritisiert.
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Zum ersten Mal seit über 30 Jahren steht ein deutscher Schachspieler im WM-Kandidatenturnier. Doch nicht Vincent Keymer, sondern Matthias Blübaum ist dieser historische Triumph gelungen. Wer ist er?

Von David Kulessa

Sein größter Kritiker ist Matthias Blübaum selbst. Die Schachwelt staunte, als der Großmeister am Sonntagabend nach der zehnten von elf Runden des Grand Swiss im usbekischen Samarkand vor ein Mikrofon des Weltverbandes trat und sagte: „Ich habe gepatzt wie ein Vollidiot.“ Es sei geradezu lächerlich, dass er diese Partie nicht verloren habe. Blübaum entschuldigte sich sogar bei seinem Gegner, Landsmann Vincent Keymer: „Er hätte gewinnen sollen.“ Tat er aber nicht. Weil Keymer selbst noch einen schweren Fehler beging, aber auch, weil Matthias Blübaum aus einer verheerenden Situation das Beste machte, tapfer verteidigte bis zum Remis und somit ungeschlagen blieb.

Am Montag folgte eine weitere Punkteteilung, gegen den Weltranglistenachten Alireza Firouzja aus Frankreich, wodurch dem selbst ernannten Vollidioten eine Sensation gelang: Matthias Blübaum, 28, wird der erste Deutsche seit mehr als 30 Jahren sein, der an einem WM-Kandidatenturnier teilnimmt. Im kommenden Jahr wird der Lemgoer gegen sieben andere Großmeister darum spielen, den Weltmeister Gukesh Dummaraju herausfordern zu dürfen. So nah dran am wichtigsten Titel der Schachwelt war zuletzt Robert Hübner 1991.

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Die Qualifikation gelang Blübaum, weil er beim Grand Swiss den zweiten Platz belegte. Das Grand Swiss ist eines von nur zwei Events im Schachkalender, bei dem man sich einen Platz im Kandidatenturnier sichern kann. Entsprechend hochkarätig war das Turnier besetzt. Blübaum, dem 51. der Weltrangliste, wurden als Nummer 32 der Setzliste vor dem Turnier nicht mal Außenseiterchancen zugerechnet. Auch die deutsche Schachszene richtete ihre Aufmerksamkeit zunächst auf Vincent Keymer, 20, den vermeintlich einzigen Weltklassespieler des Landes, der zuletzt erstmals in die Top-Zehn der Weltrangliste vorgestoßen war.

Auch Vincent Keymer hat noch eine Chance, sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren

Doch während Keymer keinen guten Start erwischte und in der fünften Runde sogar überraschend verlor, setzte sich Blübaum früh in der Spitzengruppe fest. Er besiegte in der fünften Runde den an Nummer eins gesetzten Inder Rameshbabu Praggnanandhaa und zwei Runden später den an Nummer zwei gesetzten Inder Arjun Erigaisi. Anschließend führte er das Feld an. Zwar holte in der Zwischenzeit auch Keymer auf, doch weil er weder gegen Blübaum am vorletzten noch gegen Erigaisi am letzten Spieltag seine gute Position in Siege umwandeln konnte, wurde er bloß Vierter.

Die letzte Chance auf das Kandidatenturnier hat Keymer im November, dann werden beim World Cup drei weitere Plätze vergeben. Dass dies nun dank Matthias Blübaum definitiv nicht ohne deutsche Beteiligung stattfindet, bezeichnete der Bundestrainer Jan Gustafsson am Montagabend als eine „unglaubliche Sensation, eine unglaubliche Leistung von Matthias Blübaum. Eine absolut verrückte Leistung von Matthias.“

Für Blübaum ist dieser Erfolg zweifelsohne der mit Abstand größte seiner Karriere. Zwar galt der 28-Jährige, aus einer Schachfamilie stammend, schon in seiner Jugend als ein vielversprechendes Talent, wurde unter anderem in der sogenannten Prinzengruppe des Deutschen Schachbundes (DSB) speziell gefördert. Doch als Erwachsener entschied er sich zunächst gegen die Karriere als Schachprofi. Blübaum studierte Mathematik, 2022 machte er seinen Masterabschluss, rutschte aber auch aus den Top 100 der Weltrangliste. Dem Profitum wollte er jetzt, mit Mitte 20, trotzdem eine Chance geben.

Keine großen Sponsoren, kein eigener Trainer: Blübaum ist sein eigenes Team

Eine Entscheidung, die sich sportlich voll ausgezahlt hat: 2022 und 2025 wurde er Einzel-Europameister (die absoluten Spitzenspieler des Kontinents sitzen bei der EM meist nicht am Brett), zudem etablierte er sich hinter Vincent Keymer als klare Nummer zwei in Deutschland. Bald könnte er zum ersten Mal eine Elozahl von 2700 erreichen, im Zahlensport Schach eine magische Marke, die mit viel Prestige verbunden ist.

Unweigerlich stellt sich die Frage, was möglich gewesen wäre, wenn Blübaum sich schon viel früher auf Schach hätte konzentrieren können – so wie Keymer, der seit seinem Abitur Profi ist und inzwischen zahlungskräftige Sponsoren im Rücken hat. Blübaum hingegen ist bis heute sein eigenes Team, nicht mal einen Trainer hat er. Zu teuer, ließ er kürzlich in einem Interview durchblicken.

Vielleicht auch deshalb haben ihm diese Entwicklung viele nicht zugetraut. Der ehemals beste deutsche Schachspieler Arkadij Naiditsch bezeichnete Blübaum noch vor viereinhalb Jahren als „keinen sehr starken Spieler“, der sich in der Theorie zwar ganz gut auskenne, dessen Schachverständnis jedoch „eine Katastrophe“ sei. Blübaum, der von Menschen, die ihn gut kennen, als stets freundlich und zurückhaltend beschrieben wird, ist mit dieser Kritik auf seine ganz eigene Art umgegangen. Auf der Plattform Twitch, wo Blübaum regelmäßig seine Online-Turniere livestreamt, lautet sein Benutzername: KeinSehrStarkerSpieler.

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