Als Christian Streich, ein paar Jahre ist das jetzt her, vor einem Auswärtsspiel in Stuttgart gefragt wurde, was den SC Freiburg und den VfB unterscheide, da überlegte er erst eine Weile. Dann verriet er, dass er am Vormittag mit dem Fahrrad durch die Stadt gefahren sei. Es war ein verheißungsvoller Satz, weil man ja wusste, dass Streich noch die Kurve vom Fahrradfahren zum Fußballspielen kriegen muss. Und Freiburgs Trainer ist ein großer Rhetoriker mit einem feinen Gespür für Dramaturgie. Also legte er noch eine Kunstpause ein, um die Spannung auf den Gipfel zu treiben - dann sagte er einen Satz, wie ihn nur er sagen kann: Hier in Stuttgart, meinte Streich, seien die Gebäude höher.
Es lag auf der Hand, was der 57-Jährige zum Ausdruck bringen wollte. Streich, der Sportclub und die Stuttgarter Gebäude: Es war die bekannte "Mir-kleine-Freiburger"-Erzählung, die Streich im Laufe seiner Amtszeit immer wieder bemüht hat. Was also würde er jetzt erst sagen, wenn der Gegner nicht der VfB, sondern Juventus Turin ist? Würde er über die qualmenden Industrietürme sprechen, die sich über den Dächern der norditalienischen Stadt erheben? Oder würde er eher die Alpen loben?
Streich schaute auf die Tribünen des Turiner Stadions, dann meinte er: "Isch schön, isch steil."

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Nach dem fünften Aus für PSG im Champions-League-Achtelfinale seit dem Einstieg von Katar ist der Alltag des Klubs wieder die sportliche Einöde. Mittlerweile stellt sich längst die Frage nach dem großen Ganzen.
Ja, Freiburgs Trainer war durchaus beeindruckt von der Kulisse, schließlich spielt seine Mannschaft nicht alle Tage im Piemont. Juventus Turin gegen den SC Freiburg, es ist ein ziemlich ungleiches Duell, das zwar in der Europa League ausgetragen wird, ein bisschen aber nach erster Runde im DFB-Pokal klingt.
Dass die Freiburger allerdings keine Heizungsinstallateure und Kioskbesitzer sind, die nun auf ihre Idole treffen, das zeigten die 90 Minuten am Donnerstagabend durchaus. Juve gewann zwar verdient 1:0 (0:0), doch Streichs Mannschaft schlug sich wacker und hielt sich mit der knappen Niederlage alle Türen fürs Viertelfinale offen. "Wir haben noch ein Rückspiel", sagte Streich, musste aber auch einräumen: "Natürlich muss man sehen, gegen welche Gegner wir spielen, aber es ist im Moment ein bisschen so, dass wir in der einen oder anderen Situation nicht passgenau sind."
Es brauchte ein Spiel der Momente, aber Freiburg hatte nur wenige in Turin
So war es - mehr noch als sonst - ein Spiel der Momente. Die Ecken des raffinierten Vincenzo Grifo, die Tempoläufe des flinken Roland Sallai, auch die Zweikämpfe des nimmermüden Nicolas Höfler, der es versteht, ein Signal zu geben, wenn das Spiel in die falsche Richtung läuft: Dass es für Freiburg in Turin vor allem auf einzelne Szenen ankommen würde, das ließ sich schon im Vorfeld absehen. Darin lag die Chance des Sportclubs: Mit einer gefährlichen Standardsituation, einem präzisen Konter oder einem rustikalen Zweikampf in die Köpfe der Turiner zu kommen und ihnen damit klarzumachen, dass man nicht gekommen war, um bloß einen Blick auf die Industrietürme und die Alpen zu werfen. Der Bundesligist musste dann allerdings doch feststellen, dass er es mit einem Gegner von internationalem Format zu tun hatte.
Juve tanzte den Freiburgern nicht auf der Nase herum, doch das Spiel führte Streich und seiner Mannschaft sehr wohl vor Augen, wie abgeklärt und gewitzt diese Turiner Mannschaft ist. Die Partie zeigte, wie viel Kalkül in Juves Spiel steckt. Die Italiener verfolgten erst einen dominanten Offensivansatz, der ihnen kurz nach der Halbzeit das entscheidende 1:0 (53.) durch Ángel Di Maria einbrachte - und dann spielten sie jenen berechnenden Türsteherfußball, den Atletico Madrid einst perfektionierte und der auch in Italien eine lange Tradition hat.
Hinterher sagte Streich: "Wenn du defensiv so arbeiten musst, hast du einen sehr hohen Puls, und dann ist es nicht einfach, gute Entscheidungen zu treffen und die Bälle in gute Räume zu spielen." Es hatte seine Mannschaft derart viel Kraft gekostet, das eigene Tor zu verteidigen, dass ihr die Mittel fehlten, als es darum ging, Juve selbst vor Aufgaben zu stellen.
Dieser Spagat gelang den Freiburgern nicht - wenngleich sie diesen einen Moment hatten, in dem sie dem Spiel eine andere Richtung hätten geben können. Kurz nach dem Gegentor gelang Lucas Höler ein Treffer, doch er zählte nicht, weil ihm ein Handspiel von Matthias Ginter vorausgegangen war.
So musste Streich den Turinern zu einem Sieg gratulieren, der "selbstverständlich verdient" war - doch der Platz im Viertelfinale wird erst in jener Stadt vergeben, in der die Gebäude nicht so hoch sind wie in Stuttgart.

