Süddeutsche Zeitung

SC Freiburg gegen Leipzig:Christian Streich ist fassungslos

  • Nach 0:1-Rückstand gewinnt der SC Freiburg noch 2:1 gegen RB Leipzig.
  • Trainer Christian Streich kann es kaum fassen: "Ich hätte nie damit gerechnet, dass wir drei Punkte holen. Ehrlich nicht."
  • Hier geht es zur Tabelle der Fußball-Bundesliga.

Wenn es stimmt, dass sich die Zufriedenheit des Publikums nicht nur bei politischen Parteitagen an der Dauer des Applauses bemisst, dann war das Freiburger Publikum nach dem 2:1-Sieg gegen RB Leipzig der Ekstase nahe. Fast eine Viertelstunde schwappten die Liebesbekundungen des Publikums von den Rängen auf den Rasen, wo sich eineinhalb Dutzend glücklich lächelnder Freiburger Spieler das nur allzu gerne gefallen ließen.

Zu den verschwitzten Enthusiasten auf dem Rasen gehörte auch Rafal Gikiewicz. Der Deutsch-Pole hatte schon beim Warmschießen durch Co-Trainer Lars Voßler engagiert gewirkt - was einen ja überraschen kann bei einem 30 Jahre alten Ersatztorhüter, der bislang noch kein einziges Bundesligaspiel absolviert hat. Um kurz vor 16 Uhr feierte Gikiewicz dann nach der Verletzung von Stammtorwart Alexander Schwolow seine Bundesliga-Premiere. Wiederum 66 Minuten und drei Tore später hievte der 30-Jährige dann seinen Sohn von der Tribüne hinunter und bejubelte mit ihm einen Sieg, mit dem vorher auch kühnste Optimisten nicht gerechnet hatten.

Zwei Eckbälle von Christian Günter drehen das Spiel

Nicht gegen einen Gegner von diesem Format. Und nicht bei der fürchterlichen Bilanz von drei Niederlagen und 2:12 Toren, wie sie der SC Freiburg bis dato gegen Leipzig in der ersten Liga zustande gebracht hatte. "Ich hätte mir vorher vorstellen können, dass wir ein gutes Spiel zeigen", gab auch Trainer Christian Streich zu, der während des Spiels 90 Minuten lang mitgeackert hatte und dabei weder seine Stimmbänder, den Vierten Offiziellen noch seine Spieler geschont hatte. "Aber ich hätte nie damit gerechnet, dass wir drei Punkte holen. Ehrlich nicht."

Für seinen Ersatzkeeper hatte er genau so viel Lob parat wie für den Rest der Mannschaft, mindestens. "Er hat toll gespielt, war ganz ruhig und sachlich." Tatsächlich hielt Gikiewicz zwei Mal gut gegen Jean-Pierre Augustin (45.) und Timo Werner (52.). Doch mit seinem Auftritt stand der Deutsch-Pole an diesem Nachmittag stellvertretend für die gesamte Mannschaft, in der jeder ziemlich diszipliniert genau das erfüllte, wozu er taktisch und individuell in der Lage war.

Dass das reichen würde, um einen amtierenden Tabellen-Zweiten verdientermaßen zu besiegen, hätte man vor dem Spiel allerdings auch nicht gedacht. Wobei es RB-Coach Ralph Hasenhüttl vor allem nervte, dass die Tore nach Standardsituationen fielen: "Der Gegner versucht, Standards zu bekommen und wir schaffen es nicht zu verteidigen."

Freiburg gibt nie auf

Mit dem Sieg war Streichs Taktik aufgegangen. Freiburg versuchte es mit einer defensiven Grundformation - sieben eher defensive Feldspieler standen bei Anpfiff auf dem Feld -, verengte die Räume und vergaß dennoch die Offensive nicht. Bis Gikiewicz gegen Augustin rettete, hatte Leipzig keine nennenswerte Torchance, der Sportclub hingegen zwei. In der 33. Minute parierte RB-Keeper Peter Gulacsi eine Direktabnahme von Lucas Höler, bei der zweiten machte es ihm Christian Günter einfacher - er schoss knapp am Tor vorbei (42.).

Und dann bestätigte sich die Einschätzung von Streich, dass seine Elf nie ein Spiel aufgibt, "egal, wie es steht". Denn nach dem 0:1 durch Werner (66.) hatten wohl viele der 23.700 Zuschauer den Eindruck, dass diese Partie Leipzig als Sieger haben würde. Doch keinem von ihnen gab die Freiburger Mannschaft in den Minuten darauf das Gefühl, dass sie das auch so sah.

Stattdessen stürmte der SC und kam nach zwei Ecken des starken Christian Günter zu den beiden Toren von Janik Haberer (72.) und Robin Koch (76.). "Schön", fand das Streich. Und versprach, mindestens bis Sonntagvormittag nicht an den kommenden Gegner zu denken. Wer Streich kennt, weiß: Das ist das Maximum an Hedonismus, das er sich nach einem Sieg gestattet.

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SZ vom 21.01.2018/ebc
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