Abschied vom Dreisamstadion:Angst vor dem Identitätsverlust

SC Freiburg - FC Augsburg

Das Stadion kann ja nix dafür: Fans des FC Augsburg, der am Sonntag 0:3 in Freiburg verlor, verabschieden sich von einer Kultstätte der Bundesliga.

(Foto: Philipp von Ditfurth/dpa)

Sportlich und wirtschaftlich lässt sich gegen den Umzug des SC Freiburg aus dem alten Dreisamstadion in eine neue, zeitgemäße Arena wenig sagen. Emotional sieht die Sache anders aus.

Kommentar von Philipp Selldorf

Angenommen, man hat die Gelegenheit, die inzwischen doch etwas runtergehauste und überall eng gewordene Studentenwohnung gegen ein rundum erwachsenes neues Domizil zu tauschen, das genügend Platz für all die angesammelten Besitztümer bietet, modernste Haustechnik, geräumige Zimmer nach Wunschmaß sowie eine Südwest-Terrasse, mit der sich Freunde und Geschäftspartner beeindrucken lassen, und dies alles zu einem mehr als bloß annehmbaren Preis, weil die lieben Eltern auch noch was dazutun. Ja, was gibt es da zu zögern?

"Komfort kann auch sehr schnell steril sein", hat Christian Streich der FAZ gesagt, ein paar Tage, bevor er mit dem SC Freiburg das letzte Bundesliga-Spiel im Dreisamstadion bestritten hat. Auch dieses Wissen dürfte zu den Tränen beigetragen haben, die Streich am Sonntagabend nach dem 3:0 gegen den FC Augsburg gekommen sind. Hätte ihm in diesem Moment ein Mensch mit unbeschränkter Schlüsselgewalt angeboten, er könne die Sache mit dem Umzug ins moderne Eigenheim am nordwestlichen Stadtrand sein lassen und einfach in der alten Bude bleiben - Streich hätte bestimmt zugestimmt. Womöglich sogar dann, wenn dieser Mensch Mephisto wäre.

Fussball, 1.Bundesliga, 6.Spieltag - 21/22 - SC Freiburg vs. FC Augsburg - 26. September 2021 Christian Streich (SC Frei

Wehmut im Blick: Trainer Christian Streich, längst selbst eine Freiburger Institution, applaudiert zum letzten Mal im Dreisamstadion den Fans des Sportclubs.

(Foto: Gerd Gruendl/Beautiful Sports/Imago)

Streichs Gefühlsausbruch hat mit Wehmut und Nostalgie zu tun, was völlig verständlich ist nach all den schönen Jahren in diesem eigenwilligen Haus, das sich nicht nur deshalb den Normen der Fußballindustrie entzog, weil der Platz abschüssig und zu kurz war. Es steckt jedoch mehr als Sentimentalität hinter den Tränen des Trainers. Ihn bewegt die Sorge, dass der gute Geist des Dreisamstadions zurückbleiben könnte, wenn der SC Freiburg in den Neubau übersiedelt, der den Namen eines nahegelegenen Vergnügungsparks tragen wird. So ein Einwand steht unter dem Verdacht romantischer Esoterik, zumal ihn Streich mit der ihm eigenen Dramatik ausspricht, die mitunter einen übernervösen Zustand anzeigt. Doch Streich weiß schon sehr gut, warum er so dringend dazu mahnt, die aus Studentenzeiten überlieferte Freiburger "Demut" in die neue Vorstadt-Heimat mitzunehmen: Der Trainer findet es vollkommen in Ordnung, dass der Verein ein zeitgemäßes Stadion bezieht, das weiteres wirtschaftliches und sportliches Wachstum ermöglicht. Er hat allerdings Angst davor, dass sein Klub sich nun für eine etablierte Größe halten und, ohne es zu ahnen, ein Stück Identität aufgeben könnte.

Ernstzunehmende Leute aus der Fußballbranche vertreten die Auffassung, dass hierzulande kein Profi-Verein mit mehr Vernunft, Verstand und Gemeinschaftsgeist geführt werde als der SC Freiburg. Das hört sich an wie eine steile These, ist in Wahrheit aber nicht weit weg vom Gemeinplatz. Wer macht den Job besser als die Freiburger? Womöglich würde nicht mal Uli Hoeneß widersprechen, der im Übrigen ein alter Bewunderer des Sportclubs ist. Die Anerkennung nehmen die Freiburger gern entgegen, aber sie leben auch ständig in dem Bewusstsein, dass ihre wunderbare Nischen-Existenz zerbrechlich ist, weil das nun mal das natürliche Risiko der Idylle ist.

Zunächst wird sich wohl nicht viel ändern beim SC Freiburg. Streich wird weiterhin hochbesorgt auf den Rasen blicken, wo Männer namens Günter, Kübler, Höfler und Höler das Bild eines vertrauten Ensembles ergeben, im Hintergrund planen die Manager Hartenbach und Saier mindestens drei Schritte voraus. Aber komisch wird's schon werden am 16. Oktober, wenn das erste Heimspiel im Neubau stattfindet. Der Gegner ist, als hätten die Spielplaner der DFL das passende Zeichen setzen wollen, die Firma Rasen Ballsport Leipzig - ein zeitgemäßes Konstrukt.

© SZ/sjo/tbr/and
Zur SZ-Startseite
Sport-Club Freiburg v FC Augsburg - Bundesliga

SC Freiburg
:Zum Abschied schluchzt Christian Streich

Bei der letzten Partie im Dreisamstadion siegt Freiburg 3:0 gegen Augsburg, danach wird es tränenreich - und der Trainer steht mit Megaphon im Fanblock.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB