Irgendwo, vermutlich in geheimen Gängen unter der Erde, muss es ein Labor gegeben haben: Reagenzgläser, Messzylinder, Bunsenbrenner. Und natürlich Volker Finke im weißen Kittel und blauen Latexhandschuhen, auf der Nase eine Schutzbrille, die das halbe Gesicht einnimmt. So stellt man sich den SC Freiburg der Neunziger vor. Oder wie sollen die Breisgauer sonst auf die Formel für Raumdeckung und Pressing gekommen sein – damals schon, in grauer Vorzeit?
Freiburg war bereits ein Vorzeigeklub, als defensive Mittelfeldspieler noch Dickhaut oder Breitkreutz hießen und noch nicht einmal Ralf Rangnick seine Taktiktafel im „Sportstudio“ aufgestellt hatte, um dem Land die Viererkette zu erklären. An jenen Tagen schlugen sie im Breisgau ihren Systemvorteil in erster Linie daraus, um die Ecke zu denken, smarte und innovative Ideen zu entwickeln und ihrer Zeit damit ein ganzes Stück voraus zu sein. Während sich das Land noch an den sogenannten deutschen Tugenden ergötzte und Manndeckung für das höchste Gut hielt, gingen sie in Freiburg auf und neben dem Platz ganz andere Wege und kamen dabei auch noch verdammt lässig daher.
Finke saß nicht auf einem Stuhl am Spielfeldrand, sondern im Strandkorb, seine Mannschaft spielte 45 Minuten lang bergauf und 45 bergab, weil das eine Tor im Dreisamstadion etwa einen Meter höher lag als das andere. Und der Trainer, der laut Vereinssatzung erst Finke und später Christian Streich heißen musste, kam selbstverständlich mit dem Fahrrad zum Klubgelände.
Nur mal so gefragt: Hätte man sich vorstellen können, dass Ottmar Hitzfeld zur Säbener Straße radelt? Im Trenchcoat, der sich ständig in den Speichen verfängt?
Das war es also, was das Freiburg der Neunziger mit seinen sehr bescheidenen Mitteln auszeichnete: Lässigkeit, ein fortschrittlicher Spielstil – und ein ziemlich meisterhaftes und ausgeklügeltes Scouting. Die Späher fanden Spieler an Orten, von denen andere oft erst dann erfuhren, dass es sie überhaupt gibt, wenn schon längst die Transfer-Nachricht aus Freiburg die Runde machte. Und dort erzog, formte und verbesserte der Sportclub die Spieler dann derart planvoll und zielsicher, dass einer nach dem anderen als Protagonist einer Aufstiegsgeschichte taugte.
Das ist auch heute noch so. Man denke da beispielsweise nur an den Linksverteidiger Jordy Makengo, den Innenverteidiger Bruno Ogbus oder den Mittelfeldspieler Yuito Suzuki. Weil das raffinierte Geschäftsmodell, auch in den entlegensten Nischen Spieler zu finden, derart gut funktioniert, haben die Freiburger inzwischen selbst aus der Nische herausgefunden, ohne austauschbar geworden zu sein. Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied zu den guten, alten Strandkorbzeiten vor rund drei Jahrzehnten: Sie brauchen ihr Volker-Finke-Labor im Breisgau nicht mehr, um wettbewerbsfähig zu sein. Und so hat irgendjemand in den geheimen Gängen unter der Erde die Lupe längst zur Seite gelegt, die Reagenzgläser in den Schrank geräumt und das Licht ausgemacht.
Selbst ein Spieleentscheider wie Suzuki gefällt vor allem dadurch, emsig zu sein
Inzwischen spielt Freiburg keinen neumodischen Fortschritts-, sondern einen fein aufeinander abgestimmten Fleißfußball, der sich über eine gute Organisation definiert, über Disziplin und über allerlei Rädchen, die zuverlässig, präzise und mit der Gleichförmigkeit einer Rolltreppe ineinandergreifen.
Man kann nun also anerkennen, dass es äußerst solides Handwerk ist, das Trainer Julian Schuster und seine Spieler da verrichten – oder den Freiburger Kollektivfußball mit seiner Sachlichkeit für nicht besonders mitreißend halten. Manchmal, wenn es nicht gerade funkelnde Europapokalnächte sind, kann das Spiel des Sportclubs recht herkömmlich wirken. Mit Ausnahme des ziemlich aufregenden Mittelfeldspielers Johan Manzambi machen selbst die sogenannten Unterschiedsspieler nichts allzu Ungewöhnliches. Oder wie oft gibt es tatsächlich Anlass für ein Ah und ein Oh?
Selbst ein Spieleentscheider wie Suzuki gefällt vor allem dadurch, emsig zu sein. Und auch Vincenzo Grifo reißt die Fans nicht aus ihren Sitzschalen, weil er auf der linken Außenbahn loszieht, Haken schlägt und dabei einen Gegenspieler nach dem anderen narrt. Doch seine Standards sind immer noch derart scharf und präzise, dass sie als Waffe taugen.
Die Einfachheit des Freiburger Seins bedeutet im Umkehrschluss auch: Schusters Team ist nicht darauf angewiesen, dass Einzelne in den entscheidenden Spielen einen besonders guten Tag erwischen – denn Freiburg funktioniert als Gruppe. Und tatsächlich ist es auch das, was die Breisgauer nun zu einer Mannschaft macht, die in dieser Saison tatsächlich noch zwei Titel gewinnen könnte.
An diesem Donnerstag tritt der Sportclub zum DFB-Pokalhalbfinale beim VfB Stuttgart an (20.45 Uhr, ARD und Sky), und in der Europa League steht nur noch die Hürde Sporting Braga im Weg, um das Endspiel von Istanbul zu erreichen. Es sind also sehr besondere Tage für Freiburg – und das ganz ohne Strandkorb und Labor.

