Nach einem Spiel, das ihn alles gekostet hatte, wirkte Sandro Wagner wie ein Heißluftballon, aus dem die Luft entwichen war. Ohne größere Mimik und mit streckenweise kaum noch zu verstehender Stimme gab der ehemalige Nationalmannschafts-Co-Trainer seine Sicht auf den 3:1-Sieg seiner Mannschaft zum Besten. Nur um nach wenigen Sekunden zu sagen, dass er nicht mehr wisse, „was ich jetzt noch großartig sagen soll“. Später, bei den Rückfragen, sagte er dann doch noch etwas. Dass er großen Respekt vor dem Trainerkollegen Julian Schuster habe, der gerade von den deutschen Sportjournalisten zum „Trainer des Jahres“ gewählt worden war. Oder dass er seinem Vorgänger „Herrn Thorup“ dankbar sei, dass dieser ihm eine solch intakte und lernwillige Mannschaft übergeben habe. Sandro Wagner, der Derwisch an der Außenlinie, war jetzt wirklich lammfromm.
Den offensichtlichen Energieabfall des Augsburger Cheftrainer-Novizen musste man als beruhigendes Zeichen nehmen. Schließlich pegeln sich irgendwann auch die spektakulärsten Überschüsse an Testosteron und Adrenalin wieder ein, entleert sich jeder Energiespeicher. Und Wagner hatte an diesem Nachmittag nun wirklich gezeigt, wie voll der bei ihm von Natur aus ist: Wie ein Perpetuum mobile war er über 90 Minuten die Außenlinie entlang gerannt, die Umrandungen der Coaching-Zone interpretierte er dabei allenfalls als unverbindliche Empfehlung.
Sein rhythmisches Klatschen war der stete Soundtrack zu einem Spiel, nach dessen Ende auch das Freiburger Publikum verstummte. „Er gibt alles, gibt Feuer für die Mannschaft“, lobte Jeffrey Gouweleeuw seinen Coach, während Marius Wolf – und auch das war ein Lob – über einen Trainer sprach, „der als Spieler genauso war. Wenn ich gegen ihn gespielt habe, gab es schon damals teils sehr witzige Wortduelle“. Zuweilen war Wagner auch am Samstag aber über jener Grenze, bei deren Überschreiten man zumindest nicht mehr für Fairplay-Preise infrage kommt.
Augsburg entscheidet das Spiel mit einer kollektiven Energieleistung, vor allem aber durch Freiburger Unzulänglichkeiten
Beispielsweise, als er zwei seiner Spieler gestisch anwies, sich jetzt doch bitte hinzulegen – was die auch ausführlich umsetzten. Auch dass gleich mehrere Spieler ihrem Torwart Finn Dahmen von Herzen viel Glück wünschten – und zwar nacheinander – bevor Vincenzo Grifo dann trotzdem seinen Elfer zum 1:3-Endstand verwandelte (58. Minute), nervte ein wenig. Wie auch die quälend lange Zeit, die die FCA-Fußballer beim Ausführen der Standards brauchten, die Anzahl der vermeintlichen Krämpfe, das Liegenbleiben nach Zweikämpfen. Kurzum: Das ganze Arsenal dessen, das man „professionelles Verwalten von Führungen“ nennt, führte zu elf Minuten Nachspielzeit. Und einer gelben Karte für Wagner, der damit sein in der Vorwoche ausgegebenes „Saisonziel“, keine davon zu kassieren, schon nach einem Vierunddreißigstel der Saison verfehlt hat.
Voll im Soll ist hingegen sein Team, das im Pokal locker weitergekommen ist und nun mit einem klaren und nicht unverdienten Sieg in die Liga gestartet ist. Wobei die Partie mit einer kollektiven Augsburger Energieleistung – vor allem aber durch Freiburger Unzulänglichkeiten – entschieden wurde.
Der erste Augsburger Treffer von Dimitrios Giannoulis fiel nach einem Midtempo-Querpass, der dennoch durch den kompletten Strafraum bis zum Torschützen durchrutschen konnte (33.), der zweite nach einem Eckball, den der überragende Chrislain Matsima reichlich ungehindert einköpfen konnte (42.). Und der dritte, weil Freiburgs Eren Dinkci, der am Samstag völlig von der Rolle war, etwas machte, das schon bei den Bambinis ganz oben auf dem Index steht: Als letzter Mann spielte er einen Querpass, der zur Steilvorlage für Marius Wolf geriet. Der lief und lief und lief – und dürfte sich mit jedem Schritt mehr gewundert haben, dass ihm Freiburgs Keeper Noah Atubolu nicht entgegenkam. Prompt stand es 3:0 (45.+2). Und da die Freiburger, bei denen Yuito Suzuki als einziger Zugang einen Startplatz bekam, ihre zwei, drei Möglichkeiten im ersten Durchgang einigermaßen grotesk vergeben hatten, durfte FCA-Kapitän Jeffrey Gouweleeuw die erste Hälfte ebenso knapp wie erschöpfend zusammenfassen: „Drei Chancen, drei Schüsse, drei Tore.“
Dass die zum Sieg reichten, lag dann eben nicht nur daran, dass Suzuki und Dinkci dann doch ziemlich dilettantisch über statt ins Tor geschossen hatten, sondern an einer schlichten Tatsache, die wiederum Sandro Wagner mit einem seiner letzten öffentlichen Sätze des Tages fast unmerklich leise zu Protokoll gab: In der Vorbereitung aufs Spiel habe man „gesehen, was die Daten hergeben: Dass Freiburg schon Probleme hat, wenn der Gegner tief steht.“ Gegen defensive Mannschaften zu Chancen zu kommen, gilt generell als eine der schwersten Aufgaben der Fußballkunst. Dass Freiburg im Zweifelsfall sehr viele Flugbälle spielt und im kreativen Bereich noch Luft nach oben hat, war auch in der Vorsaison schon zu beobachten.


